Vor dem DFB-Pokalhalbfinale

Eintracht Frankfurt: Die vage Hoffnung auf Berlin

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Bei Eintracht Frankfurt will sich vor dem Halbfinale in München kein richtiges Pokalfieber ausbreiten. Sportvorstand Fredi Bobic bewertet das bislang Erreichte schon als Erfolg.

  • Eintracht Frankfurt steht im Halbfinale des DFB-Pokals
  • Die Mannschaft von Adi Hütter trifft auf denFC Bayern München
  • Große Chancen auf das Endspiel haben die Hessen nicht

Der zuletzt so famos aufspielende Modellathlet Leon Goretzka hat nun aus gegebenem Anlass in einem kurzen „Sportschau“-Interview eindringlich vor dem Kontrahenten im DFB-Pokalhalbfinale am Mittwoch in München (20.45/ARD) gewarnt. Wenn man sich die Pokal-Historie von Eintracht Frankfurt anschaue, hob der herausragende Mittelfeldspieler der Bayern an, könne jeder erkennen, dass „das nicht mehr Glück ist, es hat seine Gründe, warum die jedes Mal bis ins Halbfinale oder Finale kommen, das Ding sogar einmal gewonnen haben“. Die Hessen, glaubt der Nationalspieler, werden „heiß“ sein, den Bayern einen harten Kampf zu liefern und eine lange Nase zu drehen. „Wir werden bereit sein müssen.“ Nun ja.

Eintracht Frankfurt: Immer schön den Ball flach halten

Was soll er auch anderes sagen, der Bochumer Junge im Bayern-Dress? Dass man die Eintracht locker-flockig aus dem Stadion schießen werde und sie sich eigentlich den Weg nach Fröttmaning sparen könnte? Das ist zwar das, was mindestens 90 Prozent der Menschen denken und auch sagen dürfen, aber nur, wenn sie weder hüben wie drüben in der Verantwortung stehen oder mittelbar etwas mit dem Spiel zu tun haben. Die Protagonisten müssen schön den Ball flachhalten, das hat etwas mit Respekt und Sportsgeist zu tun. 

Die Rollen, darüber gibt es dennoch keine zwei Meinungen, sind klar verteilt, die Eintracht ist der Zwerg, der zum Riesen aufschaut, der Underdog, der zuletzt vor 20 Jahren in München gewinnen konnte, 2:1, Tore von Alex Schur und Jan-Aage Fjörtoft, bei der Eintracht spielten Serge Branco, Markus Lösch, Gerd Wimmer oder Thomas Reichenbeger, bei den Bayern Oliver Kahn, Stefan Effenberg oder Giovane Elber. Lange her. Seitdem setzte es 14 Niederlagen und ein böse ermauertes 0:0, die letzten Resultate lauteten: 2:5, 1:5, 1:4, 0:3. Sehr viel ungleicher geht es kaum, sehr viel aussichtsloser wohl auch nicht.

Eintracht Frankfurt muss in den Pokal-Modus kommen

Und doch versuchen sie im Frankfurter Lager jetzt irgendwie, die Reihen zu schließen und in den Pokal-Modus zu finden, der die Hessen in den vergangenen vier Jahren dreimal ins Halbfinale, zweimal ins Finale und einmal zum Titel trug – gegen die Übermacht aus Bayern, 3:1, ein monumentales Ereignis für die Geschichtsbücher. Sportvorstand Fredi Bobic hat bei Sky eigens aus diesem Anlass das Erreichte hervorgehoben, drei Halbfinals in vier Spielzeiten, „das schaffen andere in 20 Jahren nicht“, und natürlich rechne man sich in München etwas aus. „Die Spiele müssen erst mal gespielt werden, und manchmal läuft es auch für einen, und man weiß gar nicht, warum“.

Das ist alles in allem eine vage Hoffnung, zumal ja auch noch Filip Kostic rotgesperrt ausfallen wird und sich im Zuge der Geisterspiele herauskristallisiert hat, dass fast immer die Mannschaft die Spiele gewinnt, die über mehr individuelle Qualität verfügt. Klare Sache also.

Hat Berlin überhaupt noch einen Reiz für Eintracht Frankfurt?

Zumal auch die Rahmenbedingungen merkwürdig sind, denn natürlich gelten alle Bundesligabeschränkungen auch im Pokal, also keine Zuschauer, keine Atmosphäre, kein Flair. Der Pokal ist durch Corona ein Stück weit entwertet worden, hat seine magische Anziehung verloren, auch das Fernziel Berlin, das für die Halbfinalisten ja nicht mehr so fern ist, hat seinen ganz große Reiz verloren. Es ist ja gerade die Stimmung in der Stadt und rund ums Stadion, die das Finale zu einem zweitägigen Event mit Erlebnischarakter werden lässt. Manch einer fürchtet gar, dass der Stempel Corona-Pokalsieger eher ein Makel ist. Das muss man nicht teilen. Aber klar ist, dass der Pokal in diesem Jahr tatsächlich seine eigenen Gesetze hat. Das große Kribbeln, das Prickelnde und Pulsierende bleibt aus.

Eintracht Frankfurt: Ohne Neuzugänge in die kommende Saison? 

Für Fredi Bobic ist das Halbfinale im Pokal von einiger Bedeutung, auch um die Saison richtig zu bewerten. Natürlich ist die Eintracht in der Liga hinter den (eigenen) Erwartungen zurückgeblieben, aber im Pokal und teilweise in der Europa League konnte sie Highlights setzen. Ergo will sich der 48-Jährige diese Runde nicht schlechtreden lassen, „die Jungs mussten einiges ableisten“, alleine in der Vorrunde 32 Partien absolvieren. „Das war ein Ritt.“ Von daher solle man nicht zu kritisch sein, „das ist Jammern auf hohem Niveau“, das Ziel sei, sich in Zukunft „wieder nach vorne zu arbeiten“. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Leistungen in dieser Saison zu schwankend waren, die Personalpolitik nicht durchschlug und die Eintracht ihren Spielstil – brachial, schnell, druckvoll– nicht im Ansatz umsetzen konnte.

Mit welchem Personal es in die neue Spielzeit geht, ist unklar. Bobic würde sich nicht wundern, wenn es eine „Nullrechnung“ geben würde, also kein neuer Spieler kommen und kein aktueller gehen werde. Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Die Eintracht wird ihr Team verstärken, entweder über Leihen mit Kaufoptionen oder mit schlauen Käufen im nahen Ausland. Eine Auffrischung ist zwingend geboten, denn die aktuelle Mannschaft ist für höhere Ziele nicht stark, schnell und widerstandsfähig genug.

Rubriklistenbild: © AFP

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