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Eintracht Frankfurt: Trainer Oliver Glasner unter Zugzwang

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Von: Daniel Schmitt

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Die Eintracht-Profis brauchen offenbar ein stabiles Gerüst, an das sie sich krallen können - das kann ihnen nur Trainer Glasner verpassen

Frankfurt – Es ist ja manchmal so eine Sache mit diesem Kater, unangenehm und erhellend zugleich kann er sein. Da läuft dann erst alles ein bisschen langsamer ab als sonst, da schweifen Gedanken in die Ferne und finden bald den Weg zurück, da muss durch manch Tal geschritten werden, um wieder aufzustehen. Dann aber, mit ein wenig zeitlichem Abstand, nach ein, vielleicht zwei Nächten lichten sich irgendwann die miesen Gefühle. Vor allem richtet sich der Blick wieder nach vorne, im besten Fall geht’s schließlich raus in die weite Welt mit frischem Elan.

Angeheitert waren ja auch die Frankfurter Fußballer ob ihres Coups von München in die Partie gegen die Berliner Hertha gegangen, heraus kamen sie als Geschlagene (1:2) samt einer unangenehmen Portion Kopfweh. Was also jetzt tun, wenn zur Katerbehebung keine Tabletten taugen? Wo ansetzen, damit es nicht wieder so weit kommt in absehbarer Zukunft?

Eintracht Frankfurt: Trainer Oliver Glasner unter Zugzwang

Die Antworten muss vordringlich Oliver Glasner liefern. Das erste Mal zeit seines Wirkens bei Eintracht Frankfurt steht der Trainer ernsthaft unter Zugzwang. Ließ sich der durchwachsene Saisonstart mit den vermeintlichen Anpassungsproblemen der verjüngten Mannschaft an ihren Trainer (und umgekehrt) einigermaßen galant abtun, kann diese Erklärung nach elf absolvierten Pflichtspielen (drei Niederlagen, sechs Remis, zwei Siege) nicht mehr gelten.

Filip Kostic von Eintracht Frankfurt
Nach dem Auswärtssieg in München wollte die Eintracht eigentlich den Schwung mitnehmen: Im Heimspiel gegen Hertha BSC hagelte es allerdings eine Niederlage. Das Gesicht von Filip Kostic bringt die aktuelle Stimmungslage auf den Punkt. © Arne Dedert/dpa

Die Pleite gegen die Hertha hat deutlich und in nicht gerade kleiner Zahl die Mängel des hessischen Erstligisten offengelegt. Vorne geht wenig bis nichts (außer bei Filip Kostic), im Mittelfeld wird mehr gekämpft als gespielt, hinten häufen sich die Aussetzer. Selbst an Grundtugenden mangelte es gegen die Hertha, von der ekligen Spielweise der vergangenen Spielzeiten war die Eintracht jedenfalls ein ganzes Stück entfernt. Dazu kommen erstaunliche Personalentscheidungen der Sportlichen Leitung in der Transferphase sowie die des Trainers ab und an bei der Besetzung seiner Formationen. Die Eintracht wirkt ein bisschen festgefahren in diesen Tagen, selbst die Siege gegen Antwerpen und München konnten den entscheidenden Schub heraus aus dem bremsenden Morast nicht geben.

Sollte in die Startelf rücken: Daichi Kamada (vorne).
Sollte in die Startelf rücken: Daichi Kamada (vorne). © imago images/HJS

„Es ist unsere, es ist meine Aufgabe, Lösungen zu finden“, sagt Glasner. Es müsse eine bessere Abstimmung her. „Wir sind immer noch mittendrin.“ Mittendrin in einem Entwicklungsprozess, der zu Saisonstart noch normal ist, den es Mitte Oktober in dieser ausgeprägten Art aber nicht mehr geben sollte. Stattdessen nötig: Resultate, nicht nur Punkte, um sich vom gerade mal zwei Zähler entfernten Relegationsrang abzusetzen, sondern auch erkennbare, fußballerische Fortschritte.

Natürlich steckt Eintracht Frankfurt, natürlich steckt Oliver Glasner die ganze Saison schon in einem Übungsdilemma. Auch in dieser Europapokalwoche stehen dem Coach gerade drei, vier Trainingseinheiten zur Verfügung, um mit dem Team an den Defiziten zu arbeiten. Manche dieser Trainings dürfen nicht mal anstrengend werden, es müssen schließlich Kräfte geschont werden für das Spiel am Donnerstag gegen Olympiakos Piräus. Das ist zweifelsohne eine ungünstige Konstellation für einen Coach, aber eben auch eine, die spätestens seit Mitte Mai unausweichlich und daher bekannt war. Es sollte für Glasner nun darum gehen, es möglichst einfach zu halten für seine Spieler, sie nicht zu überfrachten, wie es ihm in dieser Saison wohl schon das eine oder andere Mal unfreiwillig ob seines detailversessenen, fordernden Trainernaturells passiert ist.

Eintracht Frankfurt: Stabiles Gerüst scheint nötig

Nur um das richtig einzuordnen: Grundsätzlich ist dieser Ansatz des Fußballlehrens nicht schlecht, fordernd und analytisch zu sein, detailliert zu arbeiten. Im Gegenteil. Glasner hat ja längst bewiesen mit diesem Weg großen Erfolg haben zu können. Gerade hakt es bei Eintracht Frankfurt aber eben nicht an Feinheiten, sondern an den Grundlagen. Glasner muss sich in den nächsten Tagen wohl auch ein Stück weit selbst bremsen.

Die Mannschaft wirkt so, als bräuchte sie dringend ein stabiles Gerüst, an dem sie sich festkrallen kann; die einzelnen Spieler dazu einzelne, unumstößliche Aufgaben, die sie auf dem Platz abarbeiten können. Bestes Beispiel: der Sieg in München, als es hauptsächlich ums Verteidigen ging. Weiteres darüber hinaus ist derzeit recht weit entfernt. Das Gute aus Frankfurter Sicht: Die Bindung zwischen Team und Trainer ist intakt, da gibt es dem Vernehmen nach keine schlechten Schwingungen.

Eintracht Frankfurt: Kamada und Paciencia haben Einsätze verdient

Glasner allerdings wird kaum umhin kommen, unangenehme Entscheidungen für manch Profi zu treffen. Es wäre ratsam für ihn, sich festzulegen auf ein Spielsystem – Stichwort: Gerüst - und auf einen Stamm an Spielern zu vertrauen. Dann sollten zum Beispiel auf der rechten Seite nicht Erik Durm, Timothy Chandler, Almamy Touré oder Danny da Costa ständig im Wechsel auflaufen, sondern sich bald eine Stammkraft etablieren (Verletzungen mal ausgenommen). Daichi Kamada sollte mehr Spielzeit bekommen und auch nach schwächeren Leistungen das Vertrauen spüren. Ebenso hat Goncalo Paciencia eine Chance über mehrere Partien verdient. Rafael Borré sollte entweder als Sturmspitze oder als rechter Flügelspieler eingesetzt werden, nicht aber heute hier und morgen dort.

Es gibt sicher weitere Ansatzpunkte. Trainer Oliver Glasner muss nun für sich entscheiden, welchen Weg er gehen will - und mit wem. (Daniel Schmitt)

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