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Eintracht Frankfurt: Einfach nicht reif und cool genug

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Von: Ingo Durstewitz

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Eintracht Frankfurt ärgert sich über zwei verlorene Punkte in Augsburg – die können noch wehtun.

Frankfurt am Main - Nach diesem schwer greifbaren und noch schwerer einzuordnenden Remis in der Augsburger Geisterkiste erinnerte der alte Eintracht-Haudegen Timothy Chandler eher beiläufig daran, dass ja noch immer eine sich weiter aufbauende Corona-Welle durchs Land schwappt und auch vor der Fußball-Bundesliga nicht Halt macht. Gerade in den Zeiten einer nicht enden wollenden Pandemie müsse man als Klub flexibel sein und die Kunst des Improvisierens beherrschen, denn: „Es fallen schnell mal zwei, drei Spieler aus.“ Bei Eintracht Frankfurt haben sich seit der Winterpause zehn Spieler mit dem Virus infiziert – in Augsburg waren zwei der besten unpässlich: Torwart Kevin Trapp und Linksaußen Filip Kostic.

Das ist kein Alleinstellungsmerkmal von Eintracht Frankfurt, die gesamte Liga hat mit den Covid-Auswüchsen zu kämpfen, der eine Verein mehr, der andere etwas weniger. Auch damit muss man eben leben, wie mit so vielem. Und doch stellt sich in diesem Fall die Frage, ob die Eintracht diese Partie in der Fuggerstadt vielleicht nicht doch gewonnen hätte, wenn der Nationalkeeper in der Kiste gestanden und der Flankengott seine Seite beackert hätte? Das ist, na klar, eine rein hypothetische Einlassung und lässt sich also auch nicht beantworten, doch es ist ein legitimer Gedankengang.

Wird kein Torjäger mehr: Abwehrmann Almamy Touré.
Wird kein Torjäger mehr: Abwehrmann Almamy Touré. © imago images/Jan Huebner

Eintracht Frankfurt: Sieg wäre verdient gewesen

Denn das Gefälle im Kader ist beachtlich, die Breite in der Spitze nicht sonderlich ausgeprägt, was zur Folge hat, dass ein Leistungsabfall ab Kaderplatz 14, 15 nur logisch ist. Mit voller Kapelle, diese These sei gewagt, hätte die Eintracht in Augsburg nicht nur einen, sondern alle drei Zähler mitgenommen. Sie war ja so schon näher dran am Sieg und hätte ihn aufgrund der spielerischen Überlegenheit und einem dicken Chancenplus verdient gehabt.

So aber wusste niemand so richtig, wie er das Unentschieden einschätzen sollte. Irgendwie okay, aber auch wieder nicht, nichts Halbes und nichts Ganzes, so irgendwie in der Mitte von allem. Fakt ist: In den ersten beiden Partien nach der Winterpause gegen Dortmund (2:3 nach 2:0) und beim FCA (1:1 nach 1:0) hat die Eintracht nur einen Punkt geholt – sechs wären möglich gewesen, vier realistisch. Lässt sich nicht mehr ändern. Und doch: Wer europäische Ambitionen hat, sollte eine Begegnung wie jene in Augsburg besser für sich entscheiden. Diese Punktverluste können noch weh tun.

Diese Einschätzung soll die Vorstellung von einem Nachrücker wie Diant Ramaj zwischen den Pfosten nicht schmälern. Der 20-Jährige ist nach seinem Profidebüt mit warmen Worten überhäuft worden. Sportvorstand Markus Krösche, Torwarttrainer, Chefcoach, Mitspieler – alle leerten Füllhörner des Lobes aus, vor allen Dingen „mutig“ sei er gewesen. Der selbstbewusste Bursche hat tatsächlich eine erstaunlich abgeklärte Leistung gezeigt und der Mannschaft mit einem „big save“ (Trainer Oliver Glasner) in der Nachspielzeit das 1:1 gerettet. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass er sich beim Ausgleichstreffer von Michael Gregoritsch mit einem Schuss ins kurze Ecke übertölpeln ließ. Das passiert und trägt ihm niemand nach. Und doch klafft da noch eine Lücke zu einem erfahrenen Klasse-Schlussmann wie Kevin Trapp. Alles andere wäre auch seltsam.

Eintracht Frankfurt: Touré kläglich

Klar ist genauso: Das Fehlen des serbischen Nationalspielers Kostic auf links wog ungleich schwerer. Der 29-Jährige ist einfach nicht zu ersetzen, wie soll die Eintracht mal ohne ihn aussehen, womöglich im Sommer schon? Ersatzmann Timmy Chandler mühte sich nach Kräften, doch der 31-Jährige ist eben eher Verteidiger als Außenstürmer – zudem auf der anderen Seite zu Hause. Chandler spielte zwar zu oft zurück und traute sich zu wenig, doch er schlug gerade Mitte der zweiten Hälfte einige brauchbare Flanken hinein. Doch natürlich ist das kein Vergleich zu den gefürchteten Soli des Modellathleten Kostic, der Spiele durch seine Aktionen im Alleingang entscheiden kann. „Filip kann den Unterschied ausmachen“, sagte Glasner. Er wolle aber, fügte er an, „nicht über die reden, die nicht da sind.“

Dann vielleicht ein paar Worte zu Almamy Touré verlieren, der für Kostic in die Mannschaft rückte und Chandlers Position auf rechts einnahm. Der Franzose, genauso wie Mittelfeldantreiber Djibril Sow gerade rechtzeitig von Corona genesen, fiel hinten durch seine fast schon obligatorischen Konzentrationsfehler auf, vor allem aber vergab er vorne drei gute Chancen (siehe Klassenbuch nach dem Spiel gegen Augsburg). Kläglich, ja fast schon sträflich. Die Kollegen gingen dennoch pfleglich mit dem 25-Jährigen um. „Alma ist kein Torjäger“, analysierte Kapitän Sebastian Rode. „Jemand anderes in der Position hätte vielleicht das Tor gemacht.“ Oder auch zwei. Das ist alles in allem eine Frage der Qualität.

Eintracht Frankfurt lässt zu viele Chance liegen

Der allzu laxe Umgang mit den guten Tormöglichkeiten ist ohnehin ein Thema, auch der pfeilschnelle Jesper Lindström fällt durch Chancenwucher auf. „Wir müssen mehr Kaltschnäuzigkeit an den Tag legen“, fordert Sportchef Markus Krösche. Die spielerische Weiterentwicklung der Mannschaft ist offensichtlich, vielleicht ist sie aber noch nicht kühl und reif genug. „Wenn wir den Sack zumachen können, machen wir ihn nicht zu“, hadert Glasner. „Und dann haben wir immer mal Phasen, in denen wir den Faden verlieren.“ Es sind Nuancen, die fehlen und die den Unterschied zu den Spitzenteams ausmachen. „Mal zu Null spielen oder mal mit dem 2:0 den Deckel draufmachen“, bedeutet der Coach. „So weit sind wir noch nicht.“ Und das liegt nicht nur an Corona. (Ingo Durstewitz)

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