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Black Power? Nein, der ganz normale Jubel in Frankfurt. Sebastien Haller freut sich über ein Tor.

Siegesserie

Eintracht Frankfurt ist nicht aufzuhalten

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Trainer Adi Hütter sieht vor der Partie gegen den VfL Wolfsburg keine Veranlassung, die unbändige Spielfreude der Hessen zu bremsen.

Schnellster Treffer in der deutschen Europa-League-Geschichte; noch nie hat eine deutsche Mannschaft nach fünf Gruppenspielen in diesem Wettbewerb 15 Tore erzielt; kein Spieler hat zurzeit mehr Tore in der Europa League geschossen als Luka Jovic (5); keine der 48 Mannschaften ist aktuell mit 15 Punkten und 15:4 Toren besser als Eintracht Frankfurt, nicht der FC Chelsea, nicht der AC Mailand, nicht Dynamo Kiew und auch nicht RB Salzburg: Gibt es überhaupt noch Rekorde, die Eintracht Frankfurt in diesen Zeiten nicht pulverisiert hat? Langsam gehen einem die Superlative aus, langsam wird es schwierig, das momentan in Frankfurt Gebotene noch mit der erforderlichen Sachlichkeit zu schildern.

Selbst der Architekt dieser spektakulären Auftritte einer entfesselten, aufgedreht wirbelnden Frankfurter Mannschaft schaut dem Treiben manchmal ein bisschen ungläubig zu, aber nur ein bisschen. „Es ist für uns alle eine Überraschung, dass wir nach fünf Spieltagen mit 15 Punkten die Gruppe klar gewinnen“, sagte Trainer Adi Hütter zu dieser „teilweise hervorragenden“ Leistung am Donnerstagabend beim 4:0 (2:0)-Sieg über den vormaligen Finalisten Olympique Marseille.

Erneut haben die Frankfurter die europäische Bühne, die ihr bislang an Prämien 7,25 Millionen Euro einbrachte, bestens genutzt, um sehr vernehmlich auf sich aufmerksam zu machen, und gleichzeitig übergeordnete Faktoren nicht zu vernachlässigen. „Es ging auch darum“, bilanzierte Marketing-Vorstand Axel Hellmann zufrieden, „im Sinne der deutschen Bundesliga aufzutreten. Diese Aufgabe haben wir sehr ernst genommen in einer Gruppe, die hammerhaft war. Über uns kann keiner Klage führen. Europa ist für uns Spektakel.“

In der Vergangenheit und auch in dieser Runde haben andere Bundesligisten ihre europäischen Spiele schon mal lockerer angehen lassen. Und es klang überhaupt nicht überheblich, sondern treffend, als der Fußballlehrer sinnbildlich seinen Hut zog vor seiner Mannschaft. „Dass wir ein Team wie Marseille aus dem Stadion geschossen haben, ist besonders, weil es eine sehr gute Mannschaft ist.“ Oder, um es weniger euphorisch mit Vorstand Hellmann zu sagen: „Ein Ausrufezeichen.“

Es ist in der Tat etwas lange nicht mehr Dagewesenes, was derzeit in Frankfurt geschieht. Da ist ein Team drauf und dran, sich zu häuten und Stück für Stück zu einem echten Spitzenteam zu reifen.

Da ist eine Mannschaft auf dem Platz, der man es ansieht, dass sie richtig Lust aufs Fußballspielen hat, alles wirkt leicht und locker, alles passt im Augenblick, die Balance zwischen unbändiger Angriffswut und solider Defensivarbeit um Makoto Hasebe, der „spielt wie mit Krawatte“ (Hütter), ist fein austariert. Dazu, und das betonen die Spieler unisono, „stimmt die Chemie“ (Luka Jovic) innerhalb des Gefüges, die Mannschaft harmoniert bestens, es gibt keine Quertreiber, „wir haben viel Spaß“, sagt Rechtsverteidiger Danny da Costa. Profi in Frankfurt zu sein, ist momentan ein einziges Schweben auf der Wolke sieben.

Zehn Siege am Stück in elf Pflichtspielen ist ganz sicher kein Zufall mehr, „keine Selbstverständlichkeit“ (Hütter), zumal diese Siege nicht glücklichen Umständen entsprungen sind, sondern Resultat harter Arbeit, taktischer Disziplin und einer deutlichen spielerischen Überlegenheit sind. Die Hessen überrollen ihre Gegner - 4:1, 4:1, 2:1, 7:1, 2:0, 1:1, 3:0, 3:2, 3:0, 3:1, 4:0 lauten die Ergebnisse dieser mittlerweile schon mehr als zweimonatigen Erfolgsserie.

36 Tore haben die Hessen dabei erzielt; auch das ist bemerkenswert, aber auch nur logisch. „Der Trainer will, dass wir mehr als ein 1:0 schießen. Und wenn wir 2:0 führen, sagt er, geht aufs dritte. Und nach dem 3:0 sollen wir aufs vierte gehen“, erzählt da Costa, auch einer der vielen, die unter Hütter noch einmal einen gewaltigen Qualitätssprung gemacht haben. „Wir können nur Vollgasfußball.“ Dazu ist das Selbstbewusstsein enorm gewachsen, die Spieler trauen sich inzwischen Dinge zu, die sich vorher nicht zugetraut haben, dazu kommt eine gewisse Leichtigkeit, „vieles spielt sich im Kopf ab“ (Hütter). 

Natürlich ist die Wucht im Angriff das Pfund, mit dem die Eintracht weiterhin wuchert und was sie von anderen Klubs unterscheidet. „Wenn vorne so gearbeitet wird, ist es für die ganze Mannschaft einfach“, sagt Routinier Marco Russ. „Ein Rad greift ins nächste.“ Dazu erstickt die Mannschaft den Gegner mit einem aggressiven Pressing, zwingt ihn zu Fehlern, so sehr, dass etwa Olympique gleich zwei Eigentore produzierte. Diese Philosophie, die Hütter „Stressfußball“ nennt, haben die Profis verinnerlicht. „Wir pressen immer, egal gegen wen, egal bei welchen Spielstand“, sagt da Costa. Hütter will das so. „Wenn meine Ideen in die Köpfe der Spieler gehen, dann sprechen wir vom Gleichen“, sagt der Coach. „Wir haben es verstanden, eine Mannschaft auf den Platz zu bringen, die attraktiven, offensiven Fußball spielen will.“ Er selbst empfindet sich momentan als „glücklichen Trainer und „stillen Genießer“.

Und ein Ende ist nicht abzusehen. „Wir wollen“, sagt der Coach mit Blick auf das kommende Heimspiel am Sonntag (18 Uhr) gegen den VfL Wolfsburg, „die Serie prolongieren“, also verlängern. Auf die Euphoriebremse jedenfalls will der Österreicher, der einst mit seinen vorherigen Klub Young Boys Bern 18 Spiele ungeschlagen geblieben war, nicht treten. „Warum“, fragte er rhetorisch, „soll ich irgendetwas bremsen?“

Die Grenzen verschieben sich, „mittlerweile nach oben“. Das einzige, worauf der Coach achtet, ist, dass der Hunger bleibe. Man dürfe sich nicht mit dem Erreichten zufrieden geben. „Zufriedenheit ist Stillstand und Stillstand ist Rückschritt.“ Weiterhin müsse sein Team in jedem Spiel ans Limit gehen, „zehn Prozent weniger“ und vorbei sei es mit der Herrlichkeit. Am Glauben an die eigenen Stärke mangelt es momentan verständlicherweise nicht. „Wir müssen die Dinge auf den Platz bringen, das sagen wir immer. Dann ist es schwer, uns zu schlagen“, findet Schlussmann Kevin Trapp, der im nächsten, dann schon bedeutungslosen Europapokalspiel bei Lazio Rom Frederik Rönnow den Platz unter der Latte überlassen wird.

Gegen Wolfsburg übrigens hat die Eintracht eine negative Bilanz, zudem die letzten beiden Heimspiele verloren. Aber neuerdings gehört ja auch das Beenden von derlei negativen Serien zum Standartrepertoire der Frankfurter Höhenflieger. Die Reise soll weitergehen.

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