+
Platt und enttäuscht und jetzt gesperrt: Martin Hinteregger von Eintracht Frankfurt. 

Eintracht Frankfurter in der Krise

Die SGE ist unglaublich müde – Hütter hätte gern „mehr als acht Tage Pause“

  • schließen
  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
    schließen

Die Hinrunde hat bei Eintracht Frankfurt deutliche Spuren hinterlassen. Es droht der Abstiegskampf. Das liegt jedoch nicht bloß am straffen Spielplan.

Frankfurt – Zum bösen Ende hat Europas torgefährlichster Verteidiger den Mund nicht halten können. Also sagte Martin Hinteregger dem guten Schiedsrichter Deniz Aytekin die Meinung und sah prompt die Gelbe Karte, seine fünfte. Das war, kurz vor Ultimo, nicht die klügste Entscheidung, der österreichische Freigeist wird somit beim Bundesliga-Halali der Frankfurter am kommenden Sonntag beim Aufsteiger SC Paderborn fehlen. Schmerzlich fehlen, denn er zählte zuletzt zu den wenigen Eintracht-Profis, auf die man in der aktuellen Krise überhaupt noch bauen konnte. 

Hinten fegte der Hinti dazwischen, vorne schoss er verlässlich Tore, bereits sechs an der Zahl. Dank ihm besitzt Eintracht Frankfurt genau noch eine Stärke, Standards: Die beiden Tore zum vorübergehenden 2:0 gegen den 1. FC Köln waren die Standardtreffer sieben und acht, kein Klub ist in der Bundesliga erfolgreicher bei ruhenden Bällen als die Eintracht.

Eintracht Frankfurt: Der Tank ist leer – Hütter: „Die vielen Spiele tun weh“

Es ist nicht mehr viel, auf was sich Eintracht Frankfurt ausgangs der Hinrunde zurückziehen kann. Die Mannschaft ist ausgelaugt, ausgezehrt, platt, der Tank ist leer, und niemand weiß, wo der nächste Zapfhahn zu finden ist. Jetzt, zum Ende der strapaziösen Hinserie, muss Eintracht Frankfurt die Zeche dafür zahlen, im Sommer die Ochsentour durch Europa gemacht zu haben. Das hat (zu) viele Körner gekostet, der Einbruch war programmiert. „Die vielen Spiele tun weh“, hat Trainer Adi Hütter nach der sehr bitteren 2:4 (2:1)-Klatsche gegen den 1. FC Köln gesagt. „Die Kräfte schwinden.“

Offenkundig ist, dass diese Mannschaft auf dem Zahnfleisch geht. Dazu gesellt sich mittlerweile eine tiefe Verunsicherung in weiten Teilen des Teams, die mit Händen zu greifen ist, kaum einer hat noch Vertrauen in die eigene, zunehmend schwindende Stärke. Ein Gegentor reicht, wie das am Mittwoch zum 1:2, um vieles an Selbstvertrauen zunichte zu machen. Der Coach hat mittlerweile, nach dem sechsten sieglosen Spiel in Folge bei lediglich einem Punkt, eine „unglaubliche Müdigkeit“ bei seinem Ensemble festgestellt, der Substanzverlust sei eklatant. „Uns fehlen Leidenschaft und Kraft“, findet zudem Makoto Hasebe, einer der ganz erfahrenen Spieler im Team.

Mehrbelastung lange kein Thema bei Eintracht Frankfurt – Zu lange?

Lange Zeit hat Eintracht Frankfurt die Mehrbelastung nicht zum Thema machen wollen. „Wir nehmen das an, wir freuen uns über die Spiele“, hieß es unisono. Jetzt freilich, da „der Karren im Dreck steckt“ (Hütter) und die Hessen aus den letzten neun Pflichtspielen lediglich einen Sieg (gegen den FC Arsenal) landeten, aber siebenmal unterlagen, klagen sie doch. 

Das soll keine Ausrede sein, man wolle nicht jammern, und tun es gerade doch. Aber es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen: Die Partie am Mittwochabend war die 30. in dieser Runde (oder das 55. Pflichtspiel im ganzen Jahr 2019), kein Team in Deutschland hat häufiger gespielt als die Hessen, der 1. FC Köln etwa hat zwölf Spiele weniger in den Knochen.

Eine derartige Belastung bleibt in den Kleidern hängen, zumal gar nicht so sehr die physische Belastung entscheidend scheint, sondern die mentale. Der Kopf ist nicht frei, die ständige Fokussierung auf das nächste, natürlich schwere, Spiel ist erschöpfend, laugt auf Sicht aus. „Die Mannschaften, die weniger gespielt haben als wir, haben mehr Substanz“, sagt Hütter. Selbst der 1. FC Köln, der trotz der vier Tore im Stadtwald wahrlich nicht die Sterne vom Himmel gespielt hat, war gedanklich flinker, schneller auf den Beinen, einfach wacher.

Eintracht Frankfurt: Adi Hütter hat kein Rotationssystem gefunden

Dazu hat es Adi Hütter nicht geschafft, den Kräfteverschleiß durch ein kluges Rotationssystem abzufedern. Oft kamen immer wieder dieselben Spieler zum Einsatz. Das ist natürlich auch der Zusammenstellung des Kaders von Eintracht Frankfurt geschuldet, der – das zeigt sich jetzt – trotz sehr hoher Transfereinnahmen im Sommer eben doch nicht optimal zusammengestellt wurde. Der Qualitätsverlust, gerade im Angriff, ist essentiell.

Dessen ungeachtet hat sich Hütter am Mittwochabend demonstrativ vor sein Team gestellt: „Ich möchte meine Spieler in Schutz nehmen, möchte eine Lanze für sie brechen.“ Er wisse genau, wie es jetzt in der Mannschaft aussehe. Dass viele von einem „mulmigen Gefühl“ sprechen, wie etwa Dominik Kohr beim Gang nach der Halbzeit aufs Feld, könne er, Hütter, nachvollziehen. „Fußball kann richtig grausig sein“, insbesondere, wenn vieles gegen einen läuft.

Eintracht Frankfurt sehnt sich die Winterpause herbei – SGE fliegt in die USA

Kein Team in der Liga sehnt die Winterferien so sehr herbei wie Eintracht Frankfurt, nur sind sie dieses Mal extrem kurz. „Ich wünschte mir mehr als acht Tage Pause“, sagt Hütter. Um die Köpfe frei zu bekommen. Danach geht es schon wieder weiter und die Eintracht erneut auf Tour: Das Trainingslager wird in Florida in den USA aufgeschlagen (2. bis 10. Januar), inklusive eines Quartierwechsels, langen Flügen und Jetlag. Und die ersten Aufgaben im neuen Jahr werden nicht einfacher, erst bei der TSG Hoffenheim (18. Januar), dann erwartet man Tabellenführer RB Leipzig. Eintracht Frankfurt könnte also, wenn nicht ein überraschender Befreiungsschlag beim störrischen Aufsteiger SC Paderborn gelingt, weiter durchgereicht werden. Keine rosigen Aussichten.

Ein Spiel noch, dann ist endlich Pause. Und für dieses eine letzte Spiel will sich Eintracht Frankfurt noch einmal zusammenreißen, „da müssen wir alles, alles geben“, fordert Hasebe. Er weiß natürlich auch: „Wenn wir weiter so spielen, dann ist das Abstiegskampf.“ Nun müsse man, ein letztes Mal, „Mentalität und Charakter“ auf dem Platz zeigen - so schwer es auch fallen mag.

Trainer Adi Hütter zu Zukunft bei Eintracht Frankfurt: „Mache mir keine Gedanken“

Es gehört zu den Gesetzmäßigkeiten der Branche, dass Adi Hütter nach solch einer Talfahrt wie in den letzten Wochen gefragt wurde, ob er sich Gedanken um seine Zukunft in Frankfurt* mache. Dafür, sagt der Fußballlehrer, habe er keine Zeit: „Was meine Person betrifft, ist das überhaupt kein Ansatz, darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich muss schauen, dass ich die Mannschaft wieder auf Vordermann bringe.“ Das ist schwer genug. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt: „Wenn wir unsere Regenerationszeit haben und alle fit sind, werden wir eine andere Leistung zeigen.“ Klingt irgendwie vage.

Auffällig: Seit dem 5:1-Sieg gegen den FC Bayern läuft es bei Eintracht Frankfurt nicht mehr. Der Mythos „Bayern-Fluch“ schwebt in der Luft.

Abhilfe könnten Ante Rebic und Jesus Vallejo schaffen. Beide werden derzeit mit einer Rückkehr zu Eintracht Frankfurt in Verbindung gebracht.*

Die DFL hat übrigens die Bundesliga-Spieltage 22 bis 28 terminiert. Eintracht Frankfurt spielt im Zeitraum von Anfang Februar bis April nur ein Mal samstags.

*fr.de und op-online.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare