„Nur einer von 1000 Spielern schafft es direkt in die Bundesliga“, sagt Marco Pezzaiuoli.
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„Nur einer von 1000 Spielern schafft es direkt in die Bundesliga“, sagt Marco Pezzaiuoli.

Interview

„Ein Götze wird nicht jeden Tag geboren“

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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  • Timur Tinç
    Timur Tinç
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Marco Pezzaiouli, Technischer Direktor im Leistungszentrum von Eintracht Frankfurt, über Probleme in der Jugend und Talente, die es nicht nach oben schaffen.

Marco Pezzaiouli, 51, arbeitet quasi rund um die Uhr für die Talente von Eintracht Frankfurt am Riederwald. Der Technische Direktor ist nicht nur Trainer der A-Jugend, sondern auch Stratege im Hintergrund, der die Rahmenbedingungen schaffen soll, dass wieder mehr Hochbegabte den Sprung zu den Profis von Eintracht Frankfurt schaffen. Der gebürtige Mannheimer sieht aber auch eine Verantwortung den Spielern gegenüber, die es nicht zum Profi schaffen. „Das Schlimmste für mich ist, wenn ein Kind nicht spielt“, sagt er und berichtet von Gesprächen mit Müttern bis Mitternacht. „ Ich bin bei jeder Verpflichtung dabei. Ich sehe jeden kleinen Spieler, der bei uns spielen soll. Mittlerweile schlafe ich vier- bis fünfmal pro Woche in Frankfurt und fahre nicht mehr nach Hause nach Heidelberg. Es ist eine Sieben-Tage-Woche.“

Herr Pezzaiuoli, Eintracht Frankfurt hat den Jugendspieler Fynn Otto gerade mit einem Profivertrag ausgestattet. Wir hoffen doch sehr, dass der junge Mann, 17 Jahre alt, nicht nur dazu da ist, um mal wieder eine Quote zu erfüllen.

Nein, das ist eine rein sportliche Entscheidung gewesen. Genauso wie bei Felix Irorere, der zurzeit zwar am Knie verletzt ist, aber ebenfalls seinen Weg zu den Profis machen wird. Sie gehören in ihrer Altersklasse ganz klar zu den Top-Innenverteidigern Deutschlands, bringen enormes Potenzial mit. Sie können beide noch ein Jahr A-Jugend spielen, das sind Spieler mit großer Perspektive. Die Entscheidung ist in Absprache mit der Sportlichen Leitung und dem Chef-Trainer der Fußball-AG gefallen, dabei haben wir natürlich auch die Struktur der Profimannschaft im Blick gehabt.

Inwiefern?

Sie sollen Stück für Stück oben eingeführt werden. Wir haben in der Verteidigung einen jungen Spieler mit Evan Ndicka, Tuta ist ausgeliehen, Almamy Touré wird im April 24, Martin Hinteregger befindet sich im mittleren Alter, und dann kommen David Abraham und Makoto Hasebe, die schon etwas älter sind. Also schießen wir jetzt zwei Junge mit großem Potenzial nach, die sich da reinfinden können. Sie können es schaffen, davon bin ich absolut überzeugt.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Abschneiden der A-Jugend? Ihr Team ist Sechster.

Es geht um die Art und Weise, wie wir auftreten, und die ist gut. Wir spielen einen richtig guten Fußball. Zuletzt gab es trotz spielerischer Überlegenheit leider nur ein 2:2 in Ingolstadt. Die höhere Qualität hatte uns auch Ingolstadts Trainer bestätigt. Wir spielen attraktiven Fußball, keine langen Bälle, wir haben Lösungen, sind kreativ, haben aber trotzdem eine starke Mentalität. Wir verteidigen nach vorne, sind aktiv, wir stehen sehr hoch und attackieren den Gegner im Sechzehner. Das gilt nicht nur für die U19.

Also ist diese Linie vereinheitlicht worden?

Richtig. Wir haben gemeinsam eine einheitliche Spielkonzeption für Eintracht Frankfurt erarbeitet, einen Leitfaden erschaffen. Das fängt bei der U10 an und hört bei der U19 auf, das Training ist ähnlich dem Profitraining, auch bei den Kleinen schon. Ich finde das passt auch zur Eintracht und zu Frankfurt. Wir stehen für Vielfalt, wie auch die Stadt und die Region es leben, zudem für Offenheit, Kreativität, Innovation, Modernität. So wollen wir auch Fußball spielen. Das sind unsere Werte und Teil der Philosophie.

Eintracht Frankfurt: Kein Laufen ohne Ball

Welches System praktizieren Sie?

Ein 4-3-3. Oder ein 3-4-3. Beide Systeme interpretieren wir sehr offensiv.

Werden die Trainer extra geschult?

Ja, darauf legen wir großen Wert. Zu Beginn jeder Woche gibt es zudem Feedbackgespräche, dort reflektieren wir auch das Training. Und bis zur U14 wird nicht in größeren Gruppen als vier gegen vier gespielt.

Sehen Sie schon Erfolge?

Auf jeden Fall. Unsere Spieler sind ballsicher, haben ab der ersten Sekunde des Trainings den Ball am Fuß, da gibt es kein Laufen ohne Ball.

Schauen Sie sich alle Einheiten der Jugendteams an?

Ja, ich versuche soviel wie möglich zu sehen. In dieser Saison ist es etwas schwieriger, da ich mit der A-Jugend sehr eingespannt bin. Wir haben aber jemanden, der uns und mich unterstützt, der mit den Trainern arbeitet und sie schult. Wir wollen uns hier perspektivisch immer besser aufstellen, um gezielter und individueller zu arbeiten.

Wie ist der Austausch mit den Verantwortlichen der AG?

Sehr gut, ich bin zu 90 Prozent am Riederwald, aber morgens oft am Stadion. Da gibt es dann einen permanenten, fruchtbaren Austausch mit dem Trainerteam, mit Fredi Bobic, Bruno Hübner und Ben Manga, das ist sehr konstruktiv und läuft bestens. Es ist gegenseitiges Vertrauen da, das ist ganz wichtig.

Weshalb schaffen dennoch so wenige Spieler den Sprung zu den Profis?

Selbstverständlich würden wir es uns auch wünschen, dass es mehr sind. Aber wir hatten auch Talente: Luca Waldschmidt war hier, die Itter-Zwillinge, auch Marc-Oliver Kempf, Sonny Kittel oder Cenk Tosun. Vielleicht war der Zeitpunkt damals noch nicht gekommen oder aber die Philosophie hat nicht gepasst. Hierfür gibt es sicherlich unterschiedliche Gründe. Aktuell ist es so, dass wir es über kurz oder lang schaffen müssen, dass mehr Jugendspieler mit den Profis trainieren können. Wenn der neue Campus im kommenden Jahr fertig ist, ist es eine Überlegung, dass die A-Jugend dorthin umziehen könnte.

Gibt es im aktuellen A-Jugend-Jahrgang Spieler, die es schaffen könnten?

Wir haben in diesem Jahr gute Jungs dabei, die vielleicht nicht direkt den Sprung in den Profifußball schaffen werden, aber in ein, zwei Jahren schon. Wir haben, als Beispiel, in Abdulkerim Cakar einen Topspieler im Sturm. Jabez Makanda, auch ein Stürmer, hat ebenfalls schon seine Qualitäten unter Beweis gestellt. Oder Fynn Otto. Wir haben sehr gute Spieler, haben Qualität und sind auf einem guten Weg. Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel aus unseren Reihen.

Bitte sehr...

Jacob Engel. Er ist bei mir ein Leistungsträger auf der linken Seite, wird jetzt zur Nationalmannschaft eingeladen und hat einen Vertrag in Freiburg unterschrieben, da sie Perspektive in ihm sehen und er Nachfolger von Christian Günter werden soll.

Na gut, aber warum bleibt er dann nicht bei Eintracht Frankfurt?

Wir haben aktuell noch keine zweite Mannschaft, in der er sich weiter entwickeln kann. Das ist problematisch. Bei Jacob Engel ist es so, dass er in der zweiten Mannschaft in Freiburg auf einem guten Niveau reifen kann.

Da sind wir beim nächsten heißen Thema, die abgeschaffte U23, die ja wieder ins Leben gerufen werden soll. Ist da in irgendeiner Form etwas passiert?

Nein, es sind Themen dazu angedacht. Schauen wir nach Holland. Dort haben sie die U19 abgeschafft und spielen eine U18- und U21-Liga. In England ebenso. Deutschland muss sich da etwas überlegen. Ich finde die Juniorenteams eines Bundesligisten dürften nicht in der Bundesliga spielen, wenn der Verein keine zweite Mannschaft hat. Die Klubs sollten meiner Meinung nach dazu verpflichtet werden.

Dann wäre die Eintracht ja raus aus der Bundesliga mit der U17 und der U19.

Deshalb überlegen wir, was wir ändern können. Wir haben nämlich auch eine gesellschaftliche Verantwortung für jeden einzelnen dieser Jugendspieler. Wir bilden hier aus, aber für wen bilden wir aus? Die Jungs verlassen das NLZ und haben große Hoffnungen. Es gibt aber nur einen von 1000 Spielern, der es direkt in eine Bundesligamannschaft schafft.

Aber welche Möglichkeiten gibt es denn konkret für Eintracht Frankfurt, wenn die Spielordnung nicht verändert wird und eine zweite Mannschaft in der Hessenliga nicht zugelassen wird. Ein Team in der Kreisoberliga macht ja keinen Sinn.

So ist es, das macht keinen Sinn. Die Frage ist dann, warten wir, ob vom DFB was Neues kommt oder werden wir selbst aktiv. Wir haben intern schon einige Ideen gesammelt und besprochen, wie es weitergehen könnte. Jetzt muss man schauen, welche die richtige für uns ist. Es gibt schon Optionen. Es ist nur wichtig, dass es einen Unterbau gibt. Wir haben bei Eintracht Frankfurt ein höheres Niveau geschaffen und qualitativ gute Spieler bekommen. Denen müssen wir eine Zukunft bieten. Und noch mal: Die Zukunft ist nicht, ein Talent sofort zum Profispieler machen zu müssen. Für jeden gilt es die richtige und individuelle Lösung auf dem langen Weg zu finden und ihn bestmöglichst zu begleiten. Diese Götzes und Havertz‘ werden nicht jeden Tag geboren, sie sind einer von 1000. Aber wir müssen für die anderen 999 einen Rahmen schaffen.

Was macht das Ausland eigentlich besser als wir in Deutschland, warum sind uns Nationen wie England, Belgien, Holland so weit enteilt?

Sie haben andere Ausbildungskonzepte, anders organisierte Spielrunden. Die Zusammenarbeit mit den Schulen ist oft besser. Die Spieler in Holland trainieren morgens, dann gehen sie in die Schule und trainieren nachmittags noch mal. Sie sind um 17, 18 Uhr zu Hause, unsere Spieler um 23 Uhr. Das ist ein ganz anderer Lebensrhythmus. Den Jungs wird sowieso schon sehr viel abverlangt: Schule, Schulbetreuung, Hausaufgaben, Training, kaum Freizeit. Die Jungs brauchen auch Raum zum Leben.

War das Training früher zu viel auf Taktik angelegt?

Ich denke schon. Es gab Phasen, da wurde 3-5-2 gespielt. Einige Verbandsmannschaften haben 4-4-2 gespielt, und alle haben plötzlich von Raumdeckung gesprochen. Das Entscheidende ist aber, den einzelnen Spieler zu fördern. Ein Stürmer muss mehr Wiederholungen haben, muss mehr aufs Tor schießen und sich in seinem Raum bewegen, sich behaupten und zum Abschluss kommen. Ich sehe viele junge Trainer, die den ganzen Tag am Laptop sitzen, einen Matchplan machen und den Gegner analysieren. Ich schaue mir den Gegner gar nicht an. Wir gehen auf den Platz und spielen, wie wir spielen wollen. Wir richten uns nie nach dem Gegner. Es geht um die eigene Qualität meiner Mannschaft.

Alex Meier, als Beispiel, hat bis ins hohe Alter noch Abschlüsse trainiert, für sich selbst.

Das ist ganz wichtig. Da haben wir einen ganz klaren Plan. Montag und Dienstag findet in allen Mannschaften Individualtraining statt – bis zur U15 runter.

Was haben die Teams vorher trainiert?

Sie haben sieben gegen sieben gespielt. Beim Spiel vier gegen vier Ballkontakte mehr haben die Jungs nun deutlich mehr und müssen mehr Entscheidungen treffen müssen, dann ist es logisch, dass das mehr Sinn macht. Wir haben unsere U10 bis zur U13 aus der Spielrunde genommen. In diesen Altersklassen gibt es nur noch Leistungsvergleiche und Turniere, sodass die Jungs mehr Spielminuten bekommen. So spielen alle 100 Minuten statt nur zweimal 25 oder 35 Minuten oder einige Spieler werden nur für zehn Minuten eingewechselt. Bei der U14 wäre das meiner Meinung nach auch eine Überlegung wert. Unsere kleinen Jungs spielen in der Hessenliga gegen viel ältere und größere Kinder, da liegen Lebensjahre dazwischen. Wenn sie verlieren, machen sie sich Gedanken, ob sie schlechter sind. Das sind sie aber nicht, sie sind nur körperlich noch nicht so weit.

Was hat sich in der Sichtung verändert, seit Sie da sind. Früher hieß es: Uns soll kein Spieler aus dem Umkreis durch die Lappen gehen. Ist das noch so oder schauen Sie breiter gefächert?

In erster Linie müssen wir die Jungs aus Frankfurt haben. Das ist das A und O. Hier gibt es genügend Potenzial. Mittlerweile haben wir Konkurrenten wie Dortmund, Gladbach, Hannover, Wolfsburg, Bremen, Mainz. Die Mainzer haben alleine acht bis zehn Busse, die die Jungs ab der U10 aus Frankfurt abholen. Wir haben ein Agreement mit Mainz, dass wir uns gegenseitig die Spieler nicht abwerben, deshalb fängt die Sichtung immer früher an. Wir haben noch einen größeren Radius, da schauen wir nach Aschaffenburg, Mannheim, Heidelberg, Kaiserslautern, Koblenz, Marburg oder Gießen. Aber das ist auch schwierig. Wir haben einen U16-Spieler, der um 16 Uhr in den Bus steigt und um 23 Uhr zu Hause ist. Da muss auch überlegt werden, ob das sinnvoll für die Entwicklung ist. Bei Mainz spielen in der U19 sechs oder sieben Spieler, die aus Frankfurt sind. Unser Bestreben muss es sein, dass diese Jungs für uns spielen. Wir sind mittlerweile auch im Wettbewerb um große Talente aus dem Ausland, aber da muss man sich fragen, ob das sinnvoll und gesund ist. Denn die Summen, die da aufgerufen werden, sind schon Wahnsinn.

Wie sieht denn ihr Etat aus?

Da haben wir Unterstützung von der AG. Der Etat ist gewachsen, die Gehälter für Spieler und Trainer sind erhöht worden. Wir haben neue Trainer dazubekommen, Strukturen und die tiefe Kommunikation ausgebaut, haben auch in die Sporttechnologie und Analyse investiert. Im Vergleich zu anderen Bundesligisten sind wir aber noch im unteren Drittel. Wir wachsen langsam und gesund. Es hängt immer mit dem Erfolg der Profis zusammen.

Wo sehen Sie noch Schräubchen, an denen man drehen kann?

Trainer weiterbilden, vielleicht die Trainerteams erweitern, so könnte man noch mehr individuell mit den Spielern arbeiten. Andreas Ibertsberger wird in der A-Jugend herangeführt. Er ist ein Top-Trainer, gerade was die Individualförderung angeht. Speziell die Abwehrspieler werden besser.

Gibt es bei Ihnen einen Trainer, der sich eigens um die Stürmer kümmert?

Wir hatten im Sommer einen von Ajax Amsterdam, der die ersten zwei Monate da war, aber es hatte logistisch nicht geklappt. Wenn Alex Meier jetzt sagen würde, er hat Lust, dann kann er gerne dazu kommen und die jungen Spieler besser machen (lacht).

Werden Sie nächstes Jahr weiter der A-Jugend-Trainer sein?

Da ist noch keine Entscheidung gefallen. Ich bin in Gesprächen mit einigen Trainern, es laufen einige Verträge aus. Wir haben ein, zwei Jugendtrainer, die sich enorm weiterentwickelt haben.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem neuen NLZ-Chef Andreas Möller?

Die Zusammenarbeit ist gut. Es ist wichtig, dass der Verein eine Persönlichkeit wie Andreas Möller in seinen Reihen hat. Er ist sehr positiv für unser Image und kann uns mit seiner langjährigen Erfahrung enorm weiterhelfen. Jeder hat seine klaren Aufgaben, wir tauschen uns gut aus.

Interview: Timur Tinç und Ingo Durstewitz

Im Bundesligaspiel gegen den FC Augsburg will Adi Hütter mit Eintracht Frankfurt endlich einen Sieg gegen den Angstgegner einfahren. Die Auslosung des DFB-Pokal-Viertelfinales findet am Sonntag (09.02.2020) ab 18 Uhr in der Sportschau statt.

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