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Frisch erblondet, dennoch chancenlos in Frankfurt: Taleb Tawatha, hier im weißen Trikot Israels.

Eintracht-Reservisten

Die Männer im Schatten

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Nicht alle stehen bei Eintracht Frankfurt auf der Sonnenseite, einige Reservisten müssen ihren Frust runterschlucken.

Im vogelwilden und einigermaßen verrückten EM-Qualifikationsspiel der Dänen im Baseler St. Jakob Park gegen die Schweiz (3:3 nach 0:3) saß Frederik Rönnow 90 Minuten auf der Ersatzbank. An Kasper Schmeichel, den Platzhirsch, führt kein Weg vorbei. Der Keeper von Leicester City spielt nahezu immer, der Schlussmann der Eintracht nahezu nie. Selbst im unbedeutenden Freundschaftsspiel der Dänen im Kosovo (2:2) hockte Rönnow draußen – genauso wie die meiste Zeit in Frankfurt.

Dort kommt er an Kevin Trapp, dem deutschen Nationaltorwart, nicht vorbei, die Rollen sind klar verteilt, und das völlig zu Recht; Trapp eins, Rönnow zwei. Der Däne kommt auf zwei Bundesligaeinsätze, zweimal durfte er Trapp, die Stammkraft unter der Latte, zudem in der Europa League vertreten. Immerhin gewann die Eintracht diese vier Partien mit Rönnow zwischen den Stangen. Und doch hat er natürlich herzlich wenig beitragen können zum bemerkenswerten Aufschwung der Hessen. „Es ist nicht optimal für mich“, sagt er. „Natürlich würde ich gerne spielen, deshalb bin ich nach Frankfurt gekommen.“

Marc Stendera kommt in Frankfurt nicht mehr vom Fleck

Das wird schwer, zumindest so lange Trapp den Adler auf der Brust trägt. Es ist kein Geheimnis, dass der Bundesligist den 28-Jährigen gerne über die Saison hinaus halten würde, ob das klappt, steht noch in den Sternen. Es wird davon abhängen, wie viel Geld Trapps Stammverein, Paris St. Germain, mit dem Keeper noch verdienen und wie viel Geld der Spieler selbst einstreichen will. Die Tendenz geht eher zu einem Verbleib, aber sicher ist das nicht. Sollte Trapp weiter das Eintracht-Tor hüten, würde sich Rönnow mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anderweitig orientieren, was nur zu logisch ist. Er ist eigentlich als Nachfolger von Lukas Hradecky und also als neue Nummer eins geholt worden, doch eine länger anhaltende Knieproblematik und die nicht eben souveränen Auftritte zu Saisonbeginn ließen die Verantwortlichen umdenken und handeln. Die Frage wird sein, ob sie es Rönnow generell zutrauen würden, als Stammkeeper in die Runde zu gehen. Zweifel sind da zumindest angezeigt.

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Doch Rönnow ist nicht der Einzige, der unterm Radar hindurch fliegt und wenig bis gar nichts zum Höhenflug beisteuern konnte. Da ist beispielsweise Stürmer Branimir Hrgota, der eigentlich immer nur in Testspielen mitwirken darf und gegen unterklassige Gegner aber zumindest regelmäßig trifft. Der Schwede steckt in einer schier aussichtslosen und ebenso frustrierenden Situation. Er ist quasi zum Statisten degradiert, seine Einsatzchancen tendieren gegen null. Der 26-Jährige hat in dieser Runde nur ganze vier Minuten spielen dürfen, beim 7:1 gegen Fortuna Düsseldorf, er stand generell nur fünfmal im Aufgebot, in diesem Jahr noch gar nicht. Hrgota, dessen Vertrag ausläuft, wird den Verein am Saisonende verlassen – weshalb er das nicht schon vorher getan hat, bleibt sein Geheimnis. Angebote gab es zeitweise. Immerhin: Er lässt sich nicht hängen, bleibt positiv und macht keinen Stunk. Das ist löblich und gilt im Übrigen auch für die anderen Edelreservisten. Wie Marc Stendera.

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Das Eigengewächs wird sich im Sommer ebenfalls nach einem neuen Klub umsehen. In Frankfurt kommt der 23-Jährige nicht mehr vom Fleck, Trainer Adi Hütter baut auf schnellere, dynamischere Spieler. Da nutzt es dem Mittelfeldmann auch wenig, dass er stets alles gibt und eine gewiss Grundaggressivität einbringt. Der Nordhesse stand nur einmal, in der Europa League in Limassol, in der Startelf, und flog auf Zypern prompt mit Gelb-Rot vom Platz. Stendera schaffte es in diesem Jahr häufiger nicht in den Kader, durfte aber beim umjubelten 1:0-Erfolg in Mailand für knapp 20 Minuten mittun. Das hat ihm ein wenig Auftrieb gegeben. Grundsätzlich aber wäre eine saubere Trennung nach dieser Spielzeit am sinnvollsten. Stendera ist 23, in einem Alter, in dem er spielen sollte. Er hat die Befähigung, auch in der Bundesliga mitzuhalten, weist bereits 78 Erstligaspiele auf – die vergangenen drei Jahre gehören allerdings bestimmt nicht zu den besseren seiner Karriere.

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Auch für Simon Falette könnte die Zeit am Main zu Ende gehen, es wäre keine große Überraschung, wenn sich der Franzose zur neuen Saison ein anderes Betätigungsfeld suchen würde. Der Innenverteidiger, in der Mannschaft sehr beliebt und geschätzt, kommt kaum noch zum Zug, weil die Eintracht im Winter auf seiner Position nachgelegt hat und in Martin Hinteregger sowie Almamy Touré zwei richtig gute Zugänge für sich gewinnen konnte. Für den 27-Jährigen bleibt da nur der Platz auf der Bank. Das nimmt er zwar klaglos hin und verbreitet sogar weiterhin gute Laune, doch zufrieden stellt ihn das nicht. „Spielpraxis ist wichtiger als Prämien oder Finanzen“, sagte er mal der FR. „Ich liebe den Fußball und bin nur dann happy, wenn ich spiele.“ Deshalb wird es ihn wohl, trotz eines Vertrages bis 2021, woandershin ziehen. Schon im Winter gab es einige Angebote für den Nationalspieler Guineas, doch damals konnte er sich nicht zu einem Wechsel entschließen.

Taleb Tawatha wartet auf eine Chance

Für Taleb Tawatha wird im Sommer das Abenteuer Frankfurt ebenfalls enden. Der 26-Jährige kommt in diesem Jahr noch auf keinen Einsatz, seit 15 Bundesligaspielen wartet er auf eine Chance, immerhin durfte er jetzt für Israel im EM-Qualifikationsspiel gegen Slowenien (1:1) für 77 Minuten mitmachen – und verletzte sich prompt am Oberschenkel. Der Linksverteidiger hat in Jetro Willems und vor allem Filip Kostic zwei Spieler vor sich, an denen er nicht vorbeikommt. Tawatha, frisch erblondet, hat sich in den drei Jahren in Frankfurt nie durchsetzen können, er wird den Verein wieder verlassen – ohne Spuren hinterlassen zu haben.

Anders verhält es sich da bei Marco Russ, dem alten Haudegen aus dem eigenen Stall. Der 33-Jährige kommt in dieser Saison zwar ebenfalls wenig zum Einsatz, gerade in der Rückrunde hat er nur gut 20 Minuten beim 2:2 in Bremen spielen dürfen, doch der Routinier hat einen anderen Stellenwert, er ist wichtig fürs Binnenklima, er ist ein Führungsspieler aus der zweiten Reihe. Sein Wort hat Gewicht, gemeinsam mit seinem Kumpel Kevin Trapp achtet er auch auf die Schwingungen und Strömungen im Team. Russ, der Hanauer Bub, ist eine Identifikationsfigur, sein Vertrag ist erst im Dezember um ein weiteres Jahr bis 2020 verlängert worden. „Marco ist ein Frankfurter Urgestein“, sagte Sportvorstand Fredi Bobic. „Er ist ein wichtiger Bezugspunkt für viele junge Spieler und ein regionaler Anker in unserer internationalen Truppe.“ Zurzeit muss er wegen Beschwerden an der Achillessehne kürzertreten, doch das wirft einen Marco Russ mit seiner Geschichte und seiner Lebenserfahrung nicht aus der Bahn. Als reiner Fußballer wird er schon lange nicht mehr wahrgenommen, auch wenn er, und das sollte nicht unerwähnt bleiben, immer seinen Mann gestanden hat, wenn er gebraucht wurde. Zurzeit richten es andere, und die machen es ja alles andere als schlecht.

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