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Zu Hause in Europa: Eintracht-Trainer Adi Hütter tritt mit seiner Mannschaft in der Ukraine an.

Eintracht Frankfurt

Ungestillte Lust auf Europa

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Eintracht Frankfurt weiß um die Schwere der Aufgabe in Donezk und will sich doch die Freude nicht verderben lassen.

So kalt war es lange nicht mehr auf einem Euro-Trip der Frankfurter Eintracht. In Charkiw in der Ukraine herrschen Temperaturen um den Gefrierpunkt, was eigentlich zu ertragen ist. Dummerweise soll es deutlicher frischer werden, dummerweise wird das K.o-Spiel gegen Schachtjor Donzek am Donnerstag um 22 Uhr Ortszeit (MEZ 21.00 Uhr) angepfiffen, und da herrschen im Metalist-Stadion Minus neun, zehn Grad, gefühlt minus 14. Immerhin noch besser, als dass, was Danny da Costa einst mit Bayer Leverkusen gegen Donezk erlebte, minus 17 Grad seien es seinerzeit gewesen, erzählte der Rechtsverteidiger nach der Auslosung im Dezember des vergangenen Jahres.

Die ukrainische Kälte freilich kann die Frankfurter Reisetruppe nicht davon abhalten, den Trip in den Osten zu genießen. Rund 3000 Fans werden die Hessen auf ihrer schwierigen Mission in die 1,5 Millionen-Stadt begleiten, sie reisen per Flugzeug an, über Warschau, manche auch mit dem Zug, gute 35 Stunden ist man da unterwegs, andere wiederum fliegen nach Kiew und kommen dann mit der Eisenbahn. Und einige haben sich erschwingliche Vip-Karten für die Logen im Stadion besorgt. Insgesamt ist man in Charkiw überrascht über die große Resonanz, die diese Partie in Frankfurt findet. So viele Auswärtsfans ist man in der Ukraine nicht gewohnt, ganz und gar nicht. „In der ukrainischen Liga ist das Schlachtenbummlertum nicht so ausgeprägt“, ließ sich Eintracht-Justitiar Philipp Reschke im „Kicker“ zitieren. Die Menschen in der Ukraine, vom Krieg gebeutelt, setzen ganz offensichtlich andere Prioritäten.

Das Finale in Baku ist als heimliches Ziel ausgemacht

In Frankfurt indes ist die Sehnsucht mach internationaler Reputation ungebrochen. Die Frankfurter zelebrieren die Auftritte auf europäischer Bühne, sie genießen es, im Rampenlicht zu stehen. Die Lust nach Europa ist noch längst nicht gestillt, und warum sollte Baku, der Ort des Finales in der Europa League, nicht ein – ganz heimliches – Ziel sein? Natürlich ist der Weg bis dahin noch weit, mit dem Spiel gegen den Gruppendritten in der Champions League stellen sich der Eintracht bis zum Endspiel noch vier, sehr wahrscheinlich hochkarätige Widersacher in den Weg, der FC Chelsea etwa, Arsenal, Inter Mailand, Galatasaray, RB Salzburg oder FC Sevilla, um nur die stärksten zu nennen.

Doch Eintracht Frankfurt hat diesen Wettbewerb, hat diese Spiele im gleißenden Licht angenommen wie kaum eine andere Mannschaft in Europa. Weil die Hessen mit derlei Auftritten in der Vergangenheit ja nicht gerade verwöhnt wurden. Eintracht Frankfurt ist ein Aufsteiger, ein Ehrgeizling, der es allen zeigen will, ein Emporkömmling, der das gerade mit so unendlich viel Mühe Erreichte mit Zähnen und Klauen verteidigen will. Aus diesem exklusiven Zirkel wollen sie so schnell nicht mehr heraus komplimentiert werden. Deshalb wird Trainer Adi Hüter auch keine Gedanken daran verschwenden, womöglich Akteure für das Tagesgeschäft zu schonen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Eintracht wird mit der best möglichen Besetzung die Partien gegen die Spitzenmannschaft aus Donezk angehen. Immerhin geht es neben allerhand weichen Faktoren auch um Geld, die Uefa schüttet für das Erreichen der nächsten Runde Mitte März, dem Achtelfinale, 1,1 Millionen Euro aus – ohne Einnahmen aus TV und Zuschauer. Bis zum Erreichen des Finales könnte es insgesamt weitere 8,5 Millionen Euro aus der Kasse der Uefa geben.

Freilich ist die Hürde, die der Eintracht mit Schachtjor aufgestellt wurde, eine hohe. Unattraktiv als Reiseziel, dafür sportlich extrem herausfordernd. Ums Haar hätten sich die Ukrainer für die K.o.-Runde in der Champions League qualifiziert, ein Punkt hat ihnen lediglich zu Platz zwei gefehlt. Aktuell kann niemand genau einschätzen, wie stark das Team des portugiesischen Trainers Paulo Fonseca ist. Fonseca war pikanterweise auch der Trainer des FC Porto, als Eintracht Frankfurt beim letztmaligen Auftritt in einem Sechzehntelfinale im Februar 2014 mit 2:2 und 3:3 unglücklich scheiterte.

Schachtjor, daran dürfte kein Zweifel bestehen, geht als Favorit in diese beiden Spiele. Die Krux ist auch: Als Außenseiter kann man in einem Spiel schon mal für eine Überraschung sorgen, kann alles in die Waagschale werfen und einen an sich stärkeren Gegner in die Knie zwingen. Das ist der Eintracht ja auch im Pokalfinale gegen die Bayern auf so wunderbare Weise gelungen. In zwei Spielen freilich ist das deutlich schwieriger, denn ein möglichen Ausrutscher lässt sich im Rückspiel durchaus noch wettmachen.

Die Ukraine jedenfalls ist für Eintracht Frankfurt keine ganz neue Adresse. 1993, Anfang November, spielte die Eintracht unter Trainer Klaus Toppmöller und mit Hochkarätern wie Uwe Bein, Maurizio Gaudino, Tony Yeboah, Jay-Jay Okocha und Uli Stein in Dnipropetrowsk – damals noch militärisches Sperrgebiet, und die Sondermaschine der Eintracht war der erste westliche Flieger, der nach der Perestroika dort landen durfte. Die Eintracht nahm das Abendessen noch im Flugzeug auf der Landebahn ein, weil sie der Küche des Landes nicht traute, die Qualität der Hotels war seinerzeit vor mehr als 25 Jahren eher bescheiden, geheizt wurde etwa kaum. Die Hessen kamen mit einem scheinbar beruhigenden 2:0-Hinspielsieg an die abgeschlossene Stadt am Dnjpr, sie mussten aber bei der 0:1 Niederlage arg zittern, ehe die nächste Runde erreicht war.

Gegen Donezk hat die Eintracht tatsächlich ebenfalls schon einmal gespielt, noch früher, nämlich 1980. Im Uefa-Cup gewann Schachtjor das Hinspiel auf sowjetischen Boden noch mit 1:0, im Rückspiel hatten sie dann keine Chance und unterlagen im Waldstadion nach den Toren von Bum-Kun Cha (2) und Bernd Hölzenbein mit 0:3. Da half auch nicht, dass bei den Ukrainern einer dazwischen fegte, der heute die gute Seele der Eintracht-Mannschaft ist: Igor Simonov, in Donezk geboren, war seinerzeit Verteidiger beim sowjetischen Pokalsieger, heute kümmert sich der 60-Jährige als Materialwart um die Belange der Frankfurter.

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