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Eintracht Frankfurt lüftet die Maske zu spät

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Bemüht, aber ohne Erfolg: Jonathan de Guzman (links) im Zweikampf mit dem Leipziger Torschützen Jean-Kevin Augustin.
Bemüht, aber ohne Erfolg: Jonathan de Guzman (links) im Zweikampf mit dem Leipziger Torschützen Jean-Kevin Augustin. © afp

Eintracht Frankfurt verweigert in Leipzig zu lange das Fußballspielen. Am Ende bleibt ein fader Beigeschmack: Mit mehr Mut wäre mehr möglich gewesen.

Es hätte nicht viel gefehlt und die Frankfurter Verteidigungspolitik hätte in Leipzig noch zu einem unverhofften Erfolg geführt. Kurz vor Schluss klatschte ein feiner Kopfball des französischen Stoppers Simon Falette an den Pfosten, von dort prallte die Kugel an Schulter und Wade des Leipziger Torwarts Peter Gulacsi – und kullerte schließlich nicht ins Tor, sondern ins Seitenaus.

Es hat schon Situationen gegeben, da hatte der Torwart die Kugel auf diese Art und Weise ins eigene Netz bugsiert. Dieses Mal war RB Leipzig mit Fortuna im Bunde, wäre der Ball im Tor gelandet, wäre es das 2:2 gewesen, so unterlag Eintracht Frankfurt nicht gänzlich überraschend 1:2 (0:1). „Am Ende hätten wir ein Unentschieden verdient gehabt wegen des Kampfes“, fand Kevin-Prince Boateng und legte, deutlich offensiver als in den abgelaufenen 90 Minuten, gleich nach: „Wenn das Spiel fünf Minuten länger dauert, schaffen wir noch das 2:2 oder sogar das 3:2.“ Womöglich wäre das des Guten dann doch zu viel gewesen für Eintracht Frankfurt.

Ganz bestimmt hat es unverdientere Niederlagen gegeben, auch wenn die Eintracht im Nachgang der einen oder anderen Möglichkeit nachtrauerte. Und dann auch noch das Pech hatte, dass ein Treffer von Ante Rebic nicht anerkannt wurde, weil Assistent Robert Schröder einen (Eck-)Ball in der Luft im Aus wähnte. Es wäre das 1:1 gewesen. „Wenn der Linienrichter das so sieht, ist er ein Superheld. Dann hat er Superkräfte und muss in Hollywood mitspielen“, sagte Rechtsverteidiger Timothy Chandler sarkastisch.

Eintracht-Coach Kovac: „ Herangehensweise war nicht falsch“

Doch man muss den Hessen vorwerfen, erst viel zu spät überhaupt mit dem Fußballspielen angefangen zu haben. Im ersten Abschnitt agierten die Gäste komplett destruktiv, sie wollten überhaupt nicht am Spiel teilnehmen, rührten Beton an, beschränkten sich, den Ball einfach nur nach vorne zu schlagen. Das sah grausam aus, Leipzig hatte in den ersten 45 Minuten sage und schreibe 76 Prozent Ballbesitz, jeder dritte Frankfurter Pass landete direkt beim Gegner (Siehe auch Seiten S2 und S3). Nach vorne, räumte selbst Trainer Niko Kovac ein, „waren wir nicht präsent“.

Nach dem Abpfiff verteidigte er allerdings seine arg abwartende Taktik: „Ich würde es wieder so machen. Wir können nicht hierher kommen, die Handschuhe ausziehen, die Gesichtsmaske runterziehen und dann versuchen, mit Leipzig in den Ring zu gehen.“ Hurrafußball könne man in Sachsen nicht spielen, dazu sei der Gegner viel zu stark, dazu lauere er permanent auf Konter. „Die Herangehensweise war nicht falsch. Man muss versuchen, das Spiel bis zur 90. Minute offen zu halten, um ein Unentschieden möglich zu machen. Das ist uns gelungen, hinten heraus war alles offen“, sagte der 45 Jahre alte Fußballlehrer. Erst spät, viel zu spät, legte  die Eintracht - endlich - ihre taktischen Fesseln ab traute sich auch mal, den Ball über ein paar Stationen zirkulieren zu lassen. Und tatsächlich vermochten die Hessen in den letzten 30 Minuten - und nach den Einwechslungen von Ante Rebic und Luka Jovic für die matten Daichi Kamada und Sebastien Haller – RB Leipzig „Paroli zu bieten“.

Auch Verteidiger Timothy Chandler prangerte die zögerliche Haltung im ersten Abschnitt an. „Die Leipziger waren doch auch nervös, aber wir waren anfangs viel zu passiv und defensiv. Dann haben wir gemerkt, dass das Quatsch ist.“ Natürlich verlangt keiner, dass ein Mittelklasseklub wie die Eintracht bei einem Champions-League-Teilnehmer von Anfang an das Heft des Handels in die Hand nimmt. Aber ein bisschen konstruktiver, eine kleine Prise mehr Fußball hätte es im ersten Abschnitt schon sein können. „Das Gute ist, dass es nur 0:1 steht“, hatte selbst Co-Trainer Armin Reutershahn zur Pause gesagt.

Dieses 0:1 resultierte nach einer Frankfurter Mixtur aus Schusseligkeit und Unvermögen: Erst spielte der unmittelbar zuvor für den verletzten Gelson Fernandes eingewechselte Boateng, 15 Meter in der Leipziger Hälfte, einen sinnlosen Rückpass auf Torwart Lukas Hradecky. Er habe „das Spiel beruhigen wollen“, sagte Boateng zu dieser Schlüsselszene. Den Rückpass wiederum schlug der Schlussmann kläglich mit links viel zu kurz nach vorne. Den anschließenden Zweikampf verweigerte der erneut denkbar schwache Jonathan de Guzman – und schon nahm das Unheil seinen Lauf. Jean-Kevin Augustin brauchte nur noch abzustauben. Timo Werner, der später das 2:0 (68.) erzielte, hatte zuvor geschossen. Damit war die Taktik von Kovac, lange auf zu Null zu spielen, dahin. Hinterher räumte Boateng immerhin mannhaft seinen Fehler ein: „Ich muss das auf mich nehmen.“ Das ehrt ihn zwar, Akzente konnte er aber keine setzen.

So bleibt der fade Beigeschmack, dass sehr viel mehr außer dem Anschlusstreffer von Ante Rebic (77.) drin gewesen wäre, wenn die Frankfurter einfach etwas mutiger aufgetreten wären. „Es war okay“, sagte Trainer Kovac. „Aber es hat nicht zu Punkten gereicht.“ Etwas weniger Verzagtheit und Ehrfurcht würde Eintracht Frankfurt gut zu Gesicht stehen. Die schöne Serie mit drei erfolgreichen Auswärtsspielen ist gerissen. Und jetzt droht ein Heimspiel, gegen den VfB Stuttgart. Und da wird die Eintracht länger Fußball spielen müssen - auch wenn es ihr schwer fällt.

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