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Zurzeit sehr präsent und gleich erfolgreich: in Talinn schoss Lucas Torro ein wunderbares Tor aus der Distanz.

Eintracht Frankfurt

Lucas Torro: Das Lachen ist zurück

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Der Tod seines Bruders und eine lange Verletzungspause haben Lucas Torro ein schwieriges Premierenjahr bei Eintracht Frankfurt beschert - nun greift er stärker denn je wieder an.

Einen Zweikampf hat Lucas Torro dieser Tage im Trainingslager von Windischgarsten eindeutig verloren. Ehrlicherweise hatte er dabei aber auch keine faire Chance. David Abraham, Kapitän und Mitspieler von Eintracht Frankfurt, schlich sich nach Abschluss einer Übungseinheit an den nichtsahnenden Spanier heran. Auf ganz leisen Sohlen, in geduckter Haltung wie ein tierischer Jäger auf der Pirsch nach Beute. Von hinten sprang Abraham urplötzlich seinem Kollegen auf den Rücken, zack, und wuchtete ihn prompt zu Boden. Torro wollte sich herauswinden, erst nach links entschwinden, dann nach rechts. Doch die Rauferei ging eindeutig an den älteren der beiden Duellanten.

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David Abraham, 33, saß nach einigen Sekunden immer noch obenauf und triumphierte mit lautem Geschrei, während Torro, 25, sein Gesicht ins feuchte Gras drückte und lauthals einstimmte in die Grölerei. Nun war der kindliche Kampf zweier erwachsener Fußballspieler natürlich kein bitterer Ernst, sondern reiner Spaß. Denn, und das ist die eigentliche Erkenntnis aus dieser Szene, Lucas Torro kann wieder lachen. Und das ist keine Selbstverständlichkeit.

Starkes Kopfballspiel, schwaches Tempo

Nachdem die Eintracht den Spanier, geboren in Cocentaina in der südöstlichen Provinz Alicante, vergangenen Sommer für rund 3,5 Millionen Euro von Real Madrid verpflichtet und gleich mit einem Fünfjahresvertrag ausgestattet hatte, lief die Saison für ihn alles andere als optimal. Anfangs durfte Torro zwar noch mitmischen, überzeugte da durch ein starkes Kopfballspiel, schwächelte aber noch deutlich auffälliger durch sein fehlendes Tempo und den einen oder anderen katastrophalen Fehlpass. Er köpfte zwar ein wichtiges Tor im Europapokal in Marseille, ein zwischenzeitlicher Höhepunkt, dann aber begann alsbald die lange Leidenszeit.

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Völlig überraschend starb Torros Bruder in der spanischen Heimat – eine Nacht vor dem Europa-League-Duell im eigenen Stadion gegen Lazio Rom im Oktober. Torro lief dann trotzdem auf, er wollte das unbedingt, um den Schmerz zumindest mal für einige Minuten weit wegzuschieben. Das gelang nicht. Natürlich war er immer in Gedanken bei seinem Bruder.

Die Teamkollegen bekamen die traurige Nachricht direkt nach dem 4:1-Erfolg von Trainer Adi Hütter auf dem Rasen mitgeteilt. Eine unwirklich anmutenden Szenerie war das damals im Stadion im Stadtwald: Im Hintergrund feierten die Zuschauer ihre fußballspielenden Helden, im Vordergrund gingen die Blicke der Spieler plötzlich ins Leere, bei einigen füllten sie sich mit bitteren Tränen.

Zum Spiel
Frankfurt: Wiedwald – Abraham, Hasebe, Ndicka – Torro – da Costa, Kohr, Gacinovic, Kostic – Joveljic, Paciencia

Tallinn: Igonen – Kams, Kuusk, Pürg, Järvelaid – Ainsalu, Kreida – Liivak, Vassiljev, Miller – Sorga

Der Eintracht fehlen: Sow (Aufbautraining), Rönnow (Schulterprobleme), Tawatha, Falette, Cavar, Rode (alle nicht nominiert).

Torro lief anschließend noch einmal für die Hessen auf, ehe er sich mit einem Lattenknaller gegen Fortuna Düsseldorf in eine Zwangspause verabschiedete. Eine Schambeinentzündung bremste den 1,90-Meter-Mann aus – erst am 22. April kehrte er in Wolfsburg wieder auf die Bundesligabühne zurück. Aber ganz klar, Torro war nicht richtig fit, spielte in der Schlussphase der Saison nicht besonders gut und daher auch keine allzu große Rolle mehr.

Das ist nun anders. Wenn es so etwas wie Gewinner der Vorbereitung bei der Eintracht gibt, dann gehört Lucas Torro sicher zu ihnen. Er wirkt top austrainiert, vor allem einen Tick spritziger als noch vor einem Jahr, in der Luft bei Kopfballduellen war ihm ja sowieso schon vorher kaum beizukommen, auch die Zweikampfführung am Boden zählt zu seinen Stärken – und plötzlich strahlt Torro sogar Torgefahr aus.

Beim Europa-League-Qualispiel in Tallinn hämmerte er mit seinem vermeintlich schwächeren linken Fuß gleich zweimal den Ball brandgefährlich aufs Tor. Erst parierte der estnische Keeper stark, dann war er bei der Frankfurter Führung machtlos. „Ich dachte mir, ich haue einfach mal drauf“, so Torro hinterher, „hat ja geklappt.“ Er strahlte.

Wenn die Hessen an diesem Donnerstag (20.30 Uhr/RTL Nitro) zum Rückspiel in Frankfurt gegen Tallinn antreten, wird auch der sympathische Lockenkopf höchstwahrscheinlich wieder in der ersten Elf von Trainer Hütter stehen. Momentan hat er im Vergleich zu Gelson Fernandes im defensiven Mittelfeld eindeutig die Nase vorne, auch, weil der Schweizer einige Tage der Vorbereitung wegen der Geburt seiner Tochter verpasste.

Nicht unwahrscheinlich ist, dass sich Torro und Fernandes im Saisonverlauf je nach Stärken und Schwächen des jeweiligen Gegners auf der Position vor der Abwehr abwechseln werden. „Wir haben einen guten Konkurrenzkampf, dem stelle ich mich“, sagt Torro, „und vor allem brauchen wir diesen auch.“ Nur so könne eine Mannschaft stärker werden und die einzelnen Spieler sich verbessern.

So deutlich Torro nämlich den unfairen Zweikampf gegen Kamerad Abraham, der zu seinen dicksten Kumpels im Team zählt, nach dem Training auch verloren hatte, so deutlich gewann er jenen während einer Übungseinheit gegen Jonathan de Guzman. Der Mittelfeldspieler war bei einem Trainingsspielchen von Dejan Joveljic mit einem feinen Hackentrick perfekt in Szene gesetzt worden, stand frei vor dem Tor und wollte gerade schießen, als Torro von der Seite heranrauschte – den schlaksigen Körper nach unten auf den Boden geschmissen, das linke Bein ganz lang nach vorne gestreckt, den Ball zur Seite gespitzelt und Kollege de Guzman über den Haufen gegrätscht.

Während sich der niederländische Duellverlierer noch auf dem Boden kugelte, stand Lucas Torro unter Applaus seines Trainers auf und lächelte. Ganz nach dem Motto: Seht her, ich bin wieder da.

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