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Fans bleiben weiter draußen.

Leere Stadien

Eintracht Frankfurt und die Geisterspiele: „Die Situation belastet uns“

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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  • Thomas Stillbauer
    Thomas Stillbauer
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Die Politik verbietet weiterhin Großveranstaltungen bis Ende Oktober – und Eintracht Frankfurt ist richtig sauer aufs Frankfurter Gesundheitsamt

Die Fußball-Bundesliga wird bis mindestens Ende Oktober vor weitgehend leeren Zuschauerrängen spielen müssen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder einigten sich am Donnerstag darauf, dass eine Arbeitsgruppe auf Ebene der Chefs der Staatskanzleien in den kommenden beiden Monaten einen Vorschlag für den Umgang mit Fans bei bundesweiten Sportveranstaltungen, nicht nur im Fußball, sondern auch im Handball, Basketball oder Eishockey, erarbeiten soll. Großveranstaltungen, bei denen eine Kontaktverfolgung und die Einhaltung von Hygieneregelungen nicht möglich ist, sollen mindestens bis Ende Dezember 2020 nicht stattfinden.

Fußball mit Fans auf keinen Fall zum Saisonstart

Inwieweit schon früher eine überschaubare Menge an Fans zugelassen werden, blieb zunächst offen. Die Beschränkungen für Teilnehmer an solchen Veranstaltungen unterscheiden sich derzeit in den Bundesländern stark. Die Deutsche Fußball Liga hatte am Mittwoch im Zusammenspiel mit dem Deutschen Fußball-Bund ein überarbeitetes Hygienekonzept vorgestellt und den Vereinen der Bundesliga und Zweiten Bundesliga zugesendet. Die 36 Klubs der DFL sollen den Leitfaden auf ihrer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 3. September in den Statuten verankern. Darin sind personalisierte Tickets für Zuschauer vorgesehen. Dies würde die geforderte Kontaktverfolgung ermöglichen.

„Beim Fußball ist es nicht sinnvoll, jetzt im September mit Zuschauern zu starten“, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nach dem Gipfel, dies sei „bei steigenden Infektionszahlen ein falsches Signal“. Auch die Hoffnungen der anderen Sportarten auf eine kurzfristige nennenswerte Zuschauer-Rückkehr in die Arenen haben sich vorerst zerschlagen. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, sagte: „Jede Verlängerung der Einschränkungen im Sport stellt eine wachsende Gefahr für Vereine, Verbände, Ligen sowie Veranstalter und damit für die Vielfalt von ganz Sportdeutschland dar.“

Eintracht Frankfurt ist „not amused“

Weitere Probleme tun sich zudem auf: Wie der Beschluss am Donnerstag vorsieht, sollen möglichst ab 1. Oktober Reiserückkehrer aus Risikogebieten eine Quarantäne frühestens durch einen Test ab dem fünften Tag nach der Einreise nach Deutschland verlassen können. Sollte es keine Ausnahmen für Fußballprofis geben, würden Reisen zu Europacup- und Länderspielen demnach ein immenses Chaos hervorrufen – etwa auch die Nations-League-Partie der deutschen Nationalmannschaft am 10. Oktober in der Ukraine wäre betroffen.

Bei Eintracht Frankfurt sind die Verantwortlichen von den Beschlüssen der Politik nicht überrascht, sie sind aber ob der hiesigen Behörden absolut not amused. Vorstand Axel Hellmann berichtete am Donnerstag frustriert davon, dass der Fußball-Bundesligist mehrfach um ein Gespräch mit der Stadt gebeten habe, „aber wir bekommen nicht mal einen Termin beim Gesundheitsamt“. Im 49-Jährigen brodelt es schon seit einiger Zeit. Die Eintracht fühlt sich im Regen stehen gelassen, im luftleeren Raum sozusagen, obwohl es den Entscheidungsträgern im ersten Schritt erst einmal darum geht, ihr sorgsam ausgearbeitetes Hygienekonzept vorstellen zu dürfen.

Ein Hygienekonzept liegt vor

Das ist schon vor Wochen mit Experten, Wissenschaftlern und Medizinern ausgetüftelt und wasserdicht gemacht worden, in dem umfassenden Leitfaden sind alle Maßnahmen und Maßgaben detailliert beschrieben, wie eine Rückkehr mit einer begrenzten Anzahl an Fans aussehen könnte.

Darin sind auch der Einlass, die An- und Abreise sowie die Abstände im Stadion und die generellen Abläufe genau geregelt. Natürlich gebe es durch die Personalisierung der Tickets auch die Möglichkeit, im Fall der Fälle mögliche Infektionsketten zu durchbrechen. Die Funktionäre sind der hundertprozentigen Überzeugung, dass mit ihrem Plan ein geordneter und geregelter Ablauf im und ums Stadion herum möglich sei – das gilt für 15 000, 17 000, womöglich gar für eine Auslastung von 20 000 Zuschauern.

Eintracht Frankfurt findet kein Gehör

Doch der Eintracht-Vorstand findet kein Gehör. Seit dem Kommunikationsdesaster rund um das Europa-League-Hinspiel gegen den FC Basel im März, als sich Corona gerade ausbreitete, das Gesundheitsamt am Morgen noch ein Spiel mit vollen Rängen in Aussicht stellte, dann aber zurückrudern musste und die Partie letztlich als Geisterspiel stattfand, ist die Behörde vorsichtig geworden, wagt sich nicht aus der Deckung. Axel Hellmann kann das nicht verstehen, er übt scharfe Kritik: „Es kann nicht sein, dass wir immer helfen, wenn man uns bittet, aber wenn wir mal ein Anliegen haben, stoßen wir auf eine Wand des Schweigens. Es ist eine Situation, die uns sehr belastet.“

Dem Juristen geht es nicht darum, sich über Beschlüsse oder Anordnungen hinwegzusetzen, sondern einen offenen Diskurs anzuschieben, in den Dialog zu kommen. Und auch, um Wege aufzuzeigen, wie selbst jetzt die Rückkehr einer bestimmten Zuschauermenge aussehen könnte. Es ist kein Geheimnis, dass es für einige Profiklubs längst ums nackte Überleben geht – andere Sportarten trifft es da noch deutlich härter als den Fußball.

Seehofer ist für eine gewisse Anzahl von Fans im Stadion

Es gibt auch Politiker, die den Plänen der Klubs aufgeschlossen gegenüberstehen. Bundesinnenminister Horst Seehofer hat sich dafür ausgesprochen, Fans in begrenztem Umfang in die Stadien zu lassen. „Die Bevölkerung versteht es nicht, wenn im Nahverkehr viele Menschen auf engem Raum unterwegs sein dürfen, aber ein Fußballspiel mit wenigen Zuschauern und großen Abständen nicht möglich sein soll“, sagte der CSU-Politiker der „Augsburger Allgemeinen“. „In einem Stadion mit 80 000 Plätzen kann man eine nennenswerte Anzahl von Zuschauern unterbringen und dabei alle Infektionsschutzregeln einhalten." Auch Baden-W��rttembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) hat sich für die Rückkehr von Fans ausgesprochen – mit personalisierten Tickets. „Wir müssen uns auf ein Leben mit dem Virus einstellen – und Fußball gehört zum Leben.“

Beim hessischen Fußball-Regionalligist Kickers Offenbach sind sie indes froh, dass sie die Heimspiele im eigenen Stadion auf dem Bieberer Berg austragen dürfen. Ob allerdings auch vor Publikum, müsse von „Spiel zu Spiel entschieden werden“, teilte die Stadtverwaltung Offenbach mit. Nach Angaben von Oberbürgermeister Felix Schwenke sei das Ziel der Stadt, „bei Spielen des OFC mehr als die in Hessen aufgrund der Landesverordnung aktuell möglichen 250 Zuschauer zuzulassen, wenn es die Lage erlaubt. Da dürfte der Wunsch Vater des Gedankens sein: Derzeit ist Offenbach eine der Städte mit den bundesweit meisten Corona-Neuinfektionen. (mit dpa/sid)

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