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Eintracht-Kolumne Ballhorn: Mit dem Jürgen 

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Von: Thomas Stillbauer

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Vor dem Spiel gedenkt Eintracht Frankfurt der SGE-Legende Jürgen Grabowski, der in der Nacht zum Freitag im Alter von 77 Jahren verstarb.
Vor dem Spiel gedenkt Eintracht Frankfurt der SGE-Legende Jürgen Grabowski, der in der Nacht zum Freitag im Alter von 77 Jahren verstarb. © Jürgen Kessler/imago

Die Eintracht gewinnt ein Spiel gegen Bochum und verliert Jürgen Grabowski. Ungetrübte Fußballfreude war früher mal. Unsere Kolumne Ballhorn.

Frankfurt - Ballhorn, der einzige Liveticker, der erst nach dem Spiel erscheint, muss mal wieder grundsätzlich werden. Und sentimental. Auch wenn wir gewinnen. Aber lesen Sie selbst.

-23 Minuten: Frieden.  

-22 Minuten: Peace. 

-20 Minuten: Pace, Jeschäftsfreunde. 

-19 Minuten: Und die Mannschaftsaufstellung:  

-18 Minuten: Kevin – Grabowski!  

-17 Minuten: Evan – Grabowski!  

-16 Minuten: Kristijan – Grabowski! 

-15 Minuten: Djibbi – Grabowski! 

-14 Minuten: Filip – Grabowski! 

-13 Minuten: Hinti – Grabowski! 

-12 Minuten: Deitschi – Grabowski! 

-11 Minuten: Rafael – Grabowski! 

-10 Minuten: Jesper – Grabowski! 

-9 Minuten: Tu … – Grabowski! 

-8 Minuten: Ansgar – Grabowski! 

-7 Minuten: Danke für alles, Jürgen. 

-6 Minuten: Wie Peter Fischer sagt:  

-5 Minuten: Er wird immer da sein.  

-4 Minuten: Insofern: Mit dem Jürgen Grabowski! So ist es und so bleibt es.  

-3 Minuten: Reporter redet nicht rein in das Lied. Danke.  

-2 Minuten: Schweigeminute. Das Trikot mit der 10 im Mittelkreis

-1 Minute: Auch die Bochumer Fans absolut still. Das macht einen Traditionsverein aus. Sauber, VfL. Ihr seid Bundesliga.  

Anpfiff: Marco Fritz. Grabowski! 

1.Minute: Und jetzt bitte: Kick it like Jürgen.   

3. Minute: Puh, das war bewegend eben. 

4. Minute: Die Mannschaft legt ordentlich los.  

7. Minute: Aber der kleine Junge von einst muss erst mal noch einige Tränen verschlucken.  

9. Minute: Wegen Jürgen Grabowski.  

10. Minute: Als kleiner Junge hast du ja ein völlig anderes Zeitverständnis.  

12. Minute: Eine Bundesligasaison ist ja im Vergleich zu deinen – sagen wir: sieben oder acht bisherigen Lebensjahren unglaublich lang.  

14. Minute: Nach so einer unendlich langen Bundesligasaison kannst du dir als Sieben-, Achtjähriger überhaupt nicht vorstellen, dass sich das Leben jemals so krass ändern könnte … 

15. Minute: … dass Grabowski, Nickel, Körbel und Hölzenbein nicht mehr bei der Eintracht spielen.  

17. Minute: Da gehst du nach der Schule durch die Reihenhaussiedlung, wirst dauernd Pokalsieger und denkst dir: 

18. Minute: Das Leben ist schön. Was soll schon passieren, solange Hölzenbein, Körbel, Nickel und Grabowski bei der Eintracht spielen.  

19. Minute: Solange die bei Eintracht sind, denkst du dir, auch als Zehnjähriger noch, (Mist: null zu eins Bochum) … 

20. Minute: … nee, solange die im Waldstadion kicken, freue ich mich, am Leben zu sein. 

22. Minute: Später stellst du dann fest:  

24. Minute: Die ungefähr zehn Jahre, die du die fantastischen Vier bei der Eintracht erlebt hast, waren nicht nur eine wahnsinnig lange Zeit im Verhältnis zu deiner noch jungen Lebenszeit. 

25. Minute: Diese zehn Jahre werden sich so auch niemals wiederholen.  

26. Minute: Das Stadion heißt offiziell nicht mehr Waldstadion.  

28. Minute: Nie wieder werden Spieler dieser Klasse ihre gesamte Karriere bei einem Verein verbringen.  

30. Minute: Bei den meisten Bundesligisten wird man sich sowieso fragen müssen, ob es sich überhaupt um Vereine handelt.  

32. Minute: Fest steht: Sobald ein Spieler gut genug ist, dass er anderswo mehr Geld verdienen kann …  

33. Minute: … Geld, das auch nicht mehr dein Opa Alfred mit seiner Stehplatzkarte in die Vereinskasse bringt, sondern ein arabischer Scheich oder ein Autohersteller oder ein Milliardär, der eine ungenießbare klebrige Flüssigkeit in umweltzerstörende Blechdosen füllt, in die Kasse eines Unternehmens, dem es nicht um Sport geht, sondern um Geld …  

35. Minute: Wo waren wir? 

36. Minute: Ach so, ja.  

38. Minute: Sobald also der Spieler viel Geld wert ist, betrachten es alle als logisch, dass er umgehend den Arbeitgeber wechselt.  

39. Minute: Oder glaubt jemand, dass Jesper, der N’Dicke, Tuta, ihre Karriere in Frankfurt beenden? 

41. Minute: Keiner glaubt das. Alle gehen davon aus, dass die in spätestens zwei Jahren weg sind.  

43. Minute: Alle. Der alte Arbeitgeber, der neue Arbeitgeber, der Spieler, die Fans.  

44. Minute: Wenn jemand sagt: Aber Jürgen Grabowski hat seine ganze krasse Karriere bei der Eintracht verbracht!  

45. Minute: Dann wird er verlacht. Blauäugig ist der dann.  

HZP: Ok. Er bezahlt die ganze Angelegenheit. Der Blauäugige.     

.  

INHZP: Will er alle Eintracht-Spiele im Fernsehen oder im Stadion sehen, kostet das den Blauäugigen inzwischen jede Menge Geld.  

INHZP: Geld, das er eigentlich nicht übrighat. Aber er legt sich krumm. Für seinen Verein.  

INHZP: Das Geld bekommen dann die Spieler. Die eigentlich schon genug davon haben. Mehr als genug. 

46. Minute: Und ihre Berater. Die ebenfalls mehr als genug Geld haben. Und noch nicht mal kicken. (TOOOOR! 1:1) 

47. Minute: Und die Funktionäre. Die Weltmeisterschaften an Unterdrücker- und Kriegsverbrecherstaaten verkaufen. Und noch mehr Geld dafür kriegen.  

49. Minute: Der Einzige, der die ganze Zeit bei seinem Verein bleibt und bezahlt … 

51. Minute: … und bezahlt … (TOOOOOOOR! 2:1) 

54. Minute: … und bezahlt … 

56. Minute: … und bezahlt … 

58. Minute: … ist der Fan.  

59. Minute: Was er zurückbekommt: gelegentlich ein magisches Spiel gegen die Bayern.  

61. Minute: Oder eine magische Europacupsaison.  

62. Minute: Oder einen Pokal von Zeit zu Zeit.  

64. Minute: 30 Jahre kann das Warten darauf schon mal dauern.  

67. Minute: Lacht ruhig.  

70. Minute: Für den Fan ist es das Warten wert. Und sogar das Bezahlen. Weil er diesen Verein liebt.  

74. Minute: Jedenfalls für den Fan, der die Eintracht im Endspiel gesehen hat.   

77. Minute: Mit dem Jürgen.  

80. Minute: Mit dem Jürgen. 

82. Minute: Mit dem Jürgen Grabowski.  

85. Minute: Aber die Romantik, Jeschäftsfreunde.  

87. Minute: Die ist weg.  

90. Minute: Und ob die junge Generation, die sich mehr mit einzelnen Stars identifiziert als mit Vereinen …  

92. Minute: … ob diese Leute wirklich die ganze Kohle weiterhin locker machen? 

95. Minute: Sky, Dazn, RTL+, Eurosport, Magenta, Amazon, dies, das, Pipapo … „das Spiel re-live sehen, ohne gespoilert zu werden“?  

Abpfiff: Schaumer mal.       

100. Minute: Gewonnen. Die drei Punkte gehen auf den Jürgen. Und auf den Frieden.  

102. Minute: Jürgen Grabowski. Fußballgott.

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