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Ein sündhaft teurer Backup: Dominik Kohr kam für zehn Millionen Euro im Sommer aus Leverkusen

SGE

Eintracht: Der Kader wirkt noch immer irgendwie unausgegoren

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Eintracht Frankfurt hat in den Pokal-Wettbewerben einiges erreicht, obwohl der Kader noch immer nicht homogen wirkt.

Frankfurt - Irgendwann in der Nachbetrachtung der neuerlichen Klatsche von Leverkusen wurde es Adi Hütter zu bunt. Gerade war der Eintracht-Trainer gefragt worden, weshalb er nicht mal den plötzlich aufs Abstellgleis geschobenen Danny da Costa als Rechtsverteidiger probiere und dem immer häufiger überfordert wirkenden Almamy Touré eine Schnaufpause gönne, da lächelte der 50-Jährige eisig. „Ich weiß schon, warum ich wen aufstelle“, entgegnete er und gab eine grundsätzliche Einschätzung ab, die er auch an die FR adressierte. Er lese ja ab und an, dass er zu wenige Fußballer, „technisch gute Spieler“ aufstelle, aber in Leverkusen hätten schließlich Makoto Hasebe gespielt oder Daichi Kamada, doch das Ergebnis, 0:4, spreche wohl Bände.

Es gehe, präzisierte Hütter, also gar nicht so sehr um einzelne Akteure, um Dreier- oder Viererkette oder gewiefte taktische Winkelzüge, sondern um „die Mannschaftsleistung“, um die Bereitschaft und die Einstellung, um gemeinsames Verschieben, Organisation und Kompaktheit. „Das haben wir nicht so hinbekommen.“ Das ist sicherlich richtig.

Eintracht Frankfurt: Leverkusen hat anderes Niveau

Genauso richtig ist aber, dass eine Einheit mit ihren Einzelspielern steht oder fällt, genau das war am Samstag in Leverkusen zu beobachten. Die Bayer-Elf hat schlichtweg ein anderes Niveau – spielerisch um Längen besser, aber auch sehr viel schneller und an diesem Tage aggressiver in den Zweikämpfen. „Es gibt nicht viele, die da besser sind als wir“, befindet Hütter.

Für den Fußballlehrer ist so eine Packung daher erklärbar, gerade dann, wenn man selbst nicht mal annähernd an seine Leistungsgrenze heranreiche. „Sie sind technisch viel sauberer als wir“, stellte der Coach nüchtern fest. Aber das verwundere ihn nicht, der Werksklub habe ganz andere wirtschaftliche Möglichkeiten. „Deshalb spielen diese Spieler in Leverkusen und nicht in Frankfurt.“ Das ist korrekt. Ein Lukas Hradecky ist unterm Bayer-Kreuz zum Großverdiener aufgestiegen, streicht per annum 5,5 Millionen Euro ein, das Gesamtpaket seines bis 2023 laufenden Vertrags hat ein Volumen von rund 30 Millionen Euro. Das konnte die Eintracht dem Torhüter nicht im Ansatz bieten.

Der Frankfurter Bundesligist, ein florierendes Unternehmen und wirtschaftlich auf dem Vormarsch, aber hatte in den vergangenen Jahren aus weniger eine ganze Menge gemacht. Und auch in dieser Saison ist das bisher Erreichte aller Ehren wert und sogar erstaunlich. In der Bundesliga hinkt das Team zwar deutlich hinter den Erwartungen her, insgeheim war die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb wieder das Ziel, momentan aber müssen die Frankfurter eher sehen, dass sie schnellstmöglich genügend Punkte zusammenzuklauben, um sich aller Abstiegssorgen zu entledigen. „Ich habe immer gewarnt“, sagte Hütter. „Pokal und Europa League sind ja gut und schön, aber unser täglich Brot ist die Bundesliga.“ Da klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Doch in den nationalen und internationalen Cupwettbewerben hat die Eintracht die Erwartungen voll erfüllt oder übertroffen, selbst wenn jetzt im DFB-Pokal beim Halbfinale in München das Aus droht. Diese Erfolge sind umso bemerkenswerter, da vor der Saison viel Klasse verlustig ging und der Kader doch deutlich verändert werden musste. Die Abgänge konnten nicht adäquat ersetzt werden, das Aufgebot wirkt noch immer irgendwie unausgegoren, heterogen und halbfertig. Auch jetzt noch, nach 42 Pflichtspielen. Das sieht man auf dem Platz, wo das Ensemble sich zu vereinzelten Highlights aufraffen kann, aber auf die Strecke nicht die Konstanz hat, um auch in der Liga weiter vorne mitzumischen. Das ist, alles in allem, gewiss auch eine Frage der Qualität.

Eintracht Frankfurt: Langfristige Verträge bei Neuzugängen

Die Eintracht hat vor der Saison versucht, Substanz aufzubauen, ein Fundament zu schaffen und eine verlässliche Größe zu errichten, eben Sicherheit zu gewährleisten. Deshalb hat sie den meisten Spielern langfristige Verträge gegeben, Erik Durm einen bis 2023, Dominik Kohr bis 2024.

Es haben aber nicht alle Neuzugänge gezündet: Durm und Kohr sind allenfalls Backups, Kohr war noch dazu sündhaft teuer, fast zehn Millionen Euro schwer. Djibril Sow hatte Anpassungsschwierigkeiten, Bas Dost ist zum Dauerpatienten geworden, Talent Dejan Joveljic längst wieder weg und ausgeliehen an den RSC Anderlecht. Immerhin kommt Stürmer André Silva ins Rollen. Nicht auszudenken, wenn der Portugiese ähnlich schlaff auftreten würde wie in seiner Anfangszeit.

Dennoch muss man festhalten: Das Team ist in der Breite aufgepumpt worden, aber in der Spitze nicht.

Auffällig ist, dass es gerade in der Offensive klemmt. Die Mannschaft hat deutlich an Wucht, Durchschlagskraft und Tempo verloren. Es ist einigermaßen verwunderlich, dass nicht mit aller Macht versucht wurde, Spieler mit diesen Fähigkeiten zu verpflichten, gerade weil Trainer Hütter durchaus ein Offensivverfechter ist, der auf schnelle Umschaltmomente baut. Das geht zurzeit aber einzig und alleine noch mit Powerpaket Filip Kostic, an seinem Tropf hängt das gesamte Team. Hütter, der größeren Einfluss auf die Zusammenstellung des Kaders hatte, und die Sportliche Leitung werden in der Analyse zu keinem anderen Schluss kommen können.

Im Mittelfeld fehlen zudem Fußballer, die kreativ sind, aber dennoch eine gewisse Zweikampfstärke und Dynamik mitbringen. Es sind zumeist (zu) viele Läufer oder Zerstörer in der Mannschaft. Das könnte auch an der nach der neuen Ausrichtung liegen, die zwar anfangs mehr Stabilität brachte, mittlerweile aber auch bröckelt.

Eintracht Frankfurt: Da Costa aktuell außen vor

Im derzeitigen System agieren nicht alle Spieler auf ihren angestammten Positionen, das macht sich bemerkbar. Die Außenverteidiger Evan Ndicka (links) und Almamy Touré sind gelernte zentrale Abwehrmänner, im Grunde spielt die Eintracht mit vier Innenverteidigern auf einer Linie. Gerade gegen wendige, schnelle Außenstürmer hat ein hochaufgeschossener Spieler wie Ndicka (1,90 Meter groß) Probleme. Das liegt in der Natur der Sache. Seltsam ist, dass der gelernte Außenverteidiger Danny da Costa gar keine Rolle mehr spielt, der 26-Jährige stand in der Vorsaison in allen 50 Partien in der Startformation, jetzt ist er außen vor.

Und auch die Position des Rechtsaußen ist im Kern nicht besetzt, da spielte erst Timothy Chandler und machte anfangs sogar erstaunlich viele Tore. Aber auf Dauer ist er dort keine Lösung, in Leverkusen agierte Daichi Kamada weiter rechts, „aber er ist eigentlich kein Flügelspieler“, räumte der Coach ein, der sein Team am Donnerstag in der Europa League gegen den FC Basel in Richtung des Viertelfinales bringen will, seine Mannschaft in der Bundesliga aber in ruhiges Fahrwasser führen muss. Das wird schwer genug.

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