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Hat schon einen Profivertrag: U19-Kapitän Nils Stendera.

Eintracht-Jugend

Im Sog der Eintracht-Profis

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    Ingo Durstewitz
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Die Eintracht-Jugend will sich weiterentwickeln, stößt am Riederwald aber an Grenzen.

Die Begeisterung rund um Eintracht Frankfurt hat auch den altehrwürdigen Riederwald erfasst. Hier, wo das Herz des eingetragenen Vereins seit 1920 pocht, spüren sie die Strahlkraft, die die Profimannschaft in den vergangenen Monaten versprüht. „Die Eintracht begeistert derzeit Fußball-Deutschland, es ist ein Verein, den aktuell jeder mag, der sexy und erfolgreich ist“, sagt Armin Kraaz. „Das merken wir an jeder Ecke.“ Der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) muss es wissen. Seit 2010 leitet er die Heimat der Eintracht-Jugend an der Alfred-Pfaff-Straße 1 und hat alle Höhen und Tiefen miterlebt. „Es ist leichter für uns, die Spieler zu behalten, weil sie es einfach toll finden, in unserem Verein zu kicken“, nennt Kraaz einen der positiven Effekte der sportlichen Erfolge des Bundesligateams. Die Identifikation sei in den vergangenen Wochen und Monaten enorm gestiegen. „Wir alle profitieren von dem Sog, den die erste Mannschaft entfacht.“

In der Jugendarbeit sind die Bestrebungen groß, es der Fußball-AG nachzumachen und die nächsten Entwicklungsschritte anzugehen. Im Klartext: mehr Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in die Profimannschaft zu führen. Daran hapert es seit einigen Jahren. Lediglich Marco Russ und Marc Stendera, die aus der eigenen Jugend stammen, sind in dieser Saison zu Einsätzen gekommen, zuletzt waren sie außen vor. Der letzte Spieler, der den Sprung aus der A-Jugend direkt zu den Profis geschafft hat, war Aymen Barkok. Doch der 20-Jährige ist seit Sommer an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen und spielte am Montag gegen die Eintracht. Andere wie Marc-Oliver Kempf (VfB Stuttgart), Luca Waldschmidt (SC Freiburg), Sonny Kittel (FC Ingolstadt), Gian-Luca Itter und Davide Itter (beide VfL Wolfsburg) haben den Verein schon vor einigen Jahren verlassen.

Eintracht holte Marco Pezzaiuoli

Um die Verzahnung zwischen Riederwald und Stadtwald, wo die Profis trainieren, voranzutreiben, wurde Marco Pezzaiuoli im Dezember 2017 als Technischer Direktor geholt. Mehr als ein Jahr nach seinem Amtsantritt hat der 50-Jährige schon einiges am Riederwald vorangetrieben, muss allerdings auch mit den vorhandenen Gegebenheiten klarkommen. „Infrastrukturell haben wir sicher Nachholbedarf“, sagt Pezzaiuoli.

Für Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto an den Riederwald bringen, ist der Verkehr jedes Mal aufs Neue eine Geduldsprobe. Das NLZ hat nur 14 Plätze, inklusive eines Spielers aus der U17, der im Sportinternat Haus der Athleten vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) untergebracht ist. Zwei 18-Jährige wohnen zudem in einer WG in Seckbach, ein weiterer ist in einer Gastfamilie untergebracht. Weitere Familien zu finden, die einen angehenden Profi betreuen wollen, mit allen Einschränkungen, die das für die eigene Urlaubs- und Freizeitgestaltung mit sich bringt, ist verdammt schwer.

Der Jugendfußball ist ohnehin nicht mehr der, der er mal war, es hat sich eine ungeheure Dynamik entwickelt. Deshalb muss man konstatieren, dass das NLZ im Grunde eine Fehlplanung war. Doch als die Pläne 2006 gemacht wurden, waren die größten Internate in Freiburg und München mit rund 20 Plätzen. „Heute sind in der Bundesliga 540 Spieler bei den 18 Vereinen untergebracht. Bei uns sind es 14, im Bundesligadurchschnitt 30“, berichtet Kraaz.

An einen Abriss des altehrwürdigen Riederwaldstadions, wo in den 50er Jahren 30 000 Zuschauer hinpilgerten, um mehr Platz zu generieren, verschwendet keiner einen Gedanken. Da das Stadion im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, könnte noch jede Menge Kriegsschutt unter der Erde liegen. Alleine die Entsorgung könnte mehrere Millionen Euro kosten.

Geplant ist deshalb, dass die U17 und U19 nach dem Neubau der Geschäftsstelle am Stadion in den Stadtwald in einen neuen Campus umziehen. Aber: „Wir sind in der AG gerade in einer äußerst positiven Dynamik, da wird sich sicher das eine oder andere auch erweitern“, sagt Pezzaiuoli. Ob in zwei Jahren dann noch genügend Kapazität für die Jugend vorhanden sind, müsse man abwarten. „Natürlich hätten wir gerne einen tollen Campus, wo Profis und Nachwuchs zusammen sind“, so Pezzaiuoli. „Aber die Realität ist eine andere. Wir müssen langsam wachsen, wir können es nicht erzwingen.“

Statt in Steine oder Flächen wird deshalb in Köpfe und Beine investiert. „Unser Ziel muss es sein, dass wir entsprechendes Knowhow haben“, sagt der Technische Direktor. Gute Trainer, gut ausbilden, gut sichten, auch im unteren Bereich. „Wenn möglich, viele Spieler aus dem Frankfurter Raum“, sagt Pezzaiuoli.

In dieser Saison ist auch mehr Geld für die Jugend da. Zum ersten Mal wurden Talente für die U17, vier an der Zahl, aus dem Ausland geholt. „Schritt für Schritt geht der Etat in den normalen Bereich, in dem andere Bundesligisten stehen“, sagt Pezzaiuoli. Wie hoch der ist, will Armin Kraaz nicht verraten. Nur so viel: Aktuell liegt die Eintracht im ligaweiten Vergleich auf einem Relegationsplatz. „Die 17 anderen Bundesligisten haben in der Saison 2017/2018 Saison 138 Millionen Euro für ihre Nachwuchsleistungszentren aufgewendet“, berichtet Kraaz. Das macht rund acht Millionen Euro im Schnitt. „Da liegen wir drunter.“

Dafür wurde das Geld und die vorhandenen Ressourcen gebündelt. Von der medizinischen bis zur sportlichen Abteilung, vom Scouting, den Videoanalysten über das Organisationsteam ist der Austausch zwischen Riederwald und Stadtwald ins Rollen gekommen. „Seitdem Fredi Bobic da ist, gibt es einen kontinuierlichen Prozess, der Stück für Stück voran geht“, sagt Kraaz. Der Sportvorstand hatte sich bei seiner Ankunft in Frankfurt unter anderem darüber beklagt, dass die Jugendspieler zu wenig individuell gefördert wurden.

Zunächst wurde sich aber über das Athletikprogramm ausgetauscht. „Seit Marco Pezzaiuoli da ist, wurde das verfeinert, erweitert und in die jüngeren Jahrgänge getragen“, sagt Kraaz, der Pezzaiuoli noch aus direkten Duellen mit der U19 der Eintracht gegen den Karlsruher SC kennt.

Eintracht U-19 in Abstiegsnot

Bei jenem Verein begann Pezzaiuoli auch 1991 im Alter von nur 23 Jahren als Jugendtrainer. Zuletzt war der ehemalige Jugendnationaltrainer (U15 bis U18) und Cheftrainer der TSG Hoffenheim drei Jahre in China bei Guangzhou Evergrande Jugendleiter, ehe Bobic den gebürtigen Mannheimer nach Frankfurt lotste.

Seinen Fundus und seine Erfahrung gibt Pezzaiuoli an Trainer und Spieler weiter. Er macht Fortbildungen mit dem kompletten Trainerstab von der U10 bis zur U19, 20 Hauptamtliche gibt es am Riederwald, dazu kommen 50, die im Nebenberuf für die Eintracht-Jugend arbeiten.

Pezzaiuoli hat klare Vorstellungen, was er erreichen will. „Wir wollen offensiv spielen. Das ähnelt sehr unseren Profis. Wir attackieren sehr früh, möchten dominant spielen. Wir haben unsere Prinzipien mit Ball und bei der Arbeit gegen den Ball und eine einheitliche Spielphilosophie“, erklärt er. „Das ist ein mittel- bis langfristiges Projekt“. Alles natürlich an die jeweiligen Altersklassen angepasst. Das Training bei den Jüngsten wurde schon umgestellt. Bis zur U14 wird im Training maximal vier gegen vier gespielt. Dadurch hat jedes Kind in jedem Training mehr Ballkontakte und darf mehr Entscheidungen treffen. „Jetzt versuchen wir, gemeinsam mit den Trainerkollegen, unser Gesamtkonzept auf einen Nenner zu bringen“, sagt Pezzaiuoli.

Zudem steht im Training das individualtaktische etwas stärker im Vordergrund als das gruppen- und mannschaftstaktische. Vorbilder sind für Pezzaiuoli Spanien und die Niederlande, wo die Kinder von kleinauf viel intensiver mit dem Ball arbeiten.

Die Architekten: Der Technische Direktor Marco Pezzaiuoli (li.) und der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, Armin Kraaz. r

Seit vergangener Woche ist er selbst wieder verstärkt am Ball, weil er die abstiegsbedrohte U19 bis Saisonende übernommen hat. Das schränke ihn in seiner Arbeit als Technischer Direktor aber nicht ein. Vor elf Tagen hatte der bisherige Trainer Tomislav Stipic, um die Auflösung seines Vertrags gebeten. Einen Tag später wurde er als Cheftrainer von Grashoppers Zürich vorgestellt. „Er hat nicht um die Auflösung gebeten, um nach Zürich gehen zu können“, betont Kraaz. Pezzaiuoli ergänzt: Stipic habe der Mannschaft, die auf dem elften Platz steht und zwei Pünktchen Vorsprung auf den ersten von drei Abstiegsrängen hat, einen Schub geben wollen. Ob der Kroate vorher von dem Angebot aus der Schweiz gewusst hat, darüber wollen weder Kraaz noch Pezzaiuoli spekulieren. Für den Außenstehenden liegt das aber auf der Hand. Da bleibt ein Geschmäckle. Für die beiden Verantwortlichen war klar, dass der Nachfolger aus dem eigenen Stall kommen muss. „Wir haben ein schwieriges Restprogramm und versuchen natürlich, die Klasse zu halten“, sagt Pezzaiuoli.

Die A-Junioren waren schon vergangene Saison das Sorgenkind der Eintracht. Mit Ach und Krach rettete sich die U19 am letzten Spieltag. Niemand aus dem älteren Jahrgang dieses Teams hat den Sprung zu den Profis geschafft, einige spielen jetzt in der vierten oder fünften Liga, nur der streitbare Stürmer Renat Dadashov spielt etwas höherklassiger - in Estoril in der zweiten portugiesische Liga.

„Wir müssen generell über das aktuelle Konstrukt Übergangsbereich vom Nachwuchsfußball in den Profifußball nachdenken“, findet Pezzaiuoli. Erweitert man also die U19 oder führt man eine Reserveliga ein, so wie das in Europa gang und gäbe ist? Die Eintracht wird erst einmal keine U23 anmelden, die 2014 abgemeldet worden war. Stattdessen setzen die Frankfurter auf die Kooperation mit dem SC Hessen Dreieich, der in der Regionalliga Südwest gegen den Abstieg kämpft. „Wir haben dort einen Scout installiert und es gibt ein gewisses Budget“, sagt Pezzaiuoli. Dreieich verjünge gerade das Team, sodass das der Klub in zwei, drei Jahren die „zweite Mannschaft“ der Eintracht werden könnte.

Selbst Kinderfußball ist knallhartes Geschäft

Wobei der Einfluss aber wesentlich geringer ist, als wenn es die eigene Mannschaft wäre. Einige Jugendspieler, die noch keinen Profivertrag haben - im Gegensatz zu vielen A-Jugendlichen, die aufgrund der Local-Player-Regelung mit einem ausgestattet wurden - seien schon angesprochen worden. „Gerade bei Spielern, bei denen wir denken, dass es Talente sind, die in zwei, drei Jahren den Weg zu den Profis schaffen können“, sagt Pezzaiuoli.

Der Druck für die jungen Spieler ist enorm. Seitdem alle Vereine international scouten, wird es für den eigenen Nachwuchs an allen Standorten immer schwieriger. Evan Ndicka, der im Sommer als 18-Jähriger aus der zweiten Liga in Frankreich aus Auxerre kam, spielt so souverän wie ein alter Hase. Er ist nur ein Beispiel. Und das ist nicht nur bei den Profis so, sondern der harte Wettbewerb fängt schon bei den Kleinsten an. Bei den U12-Spielen der Eintracht-Jugend stehen jedes Wochenende die Scouts aus Hoffenheim, Leipzig, München und Wolfsburg am Spielfeldrand und versuchen, die Kinder manchmal samt Eltern abzuwerben. „Wir reden von Kinderfußball, aber auch von einem knallharten Geschäft“, sagt Kraaz.

Die fehlende Kapazität am Riederwald kann da schon zu einem echten Problem werden. „Es ist für uns manchmal sogar schwierig, einen Spieler aus Wieseck oder Friedberg zu holen, wenn er gleichzeitig ein Internatsangebot aus Köln oder Dortmund hat“, gibt Kraaz ein Beispiel. Umso wichtiger sind Schnelligkeit, Knowhow, Begeisterung und eine familiäre Atmosphäre. „Es wird nicht immer klappen, aber das ist das, was wir bieten können“, sagt Pezzaiuoli, der etwas Bleibendes aufbauen, eine Identität schaffen will. „Die Leute sollen sehen, dass die Kinder Spaß und Freude haben. Sie sollen erkennen, was wir vermitteln wollen – und dass man es im Wettkampf sieht.“

Primäres Ziel bleibt aber, den Talenten den Sprung zu den Profis zu ermöglichen. Es wird mal wieder Zeit, dass es einer packt.

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