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De Guzman (oben) trifft, und alle feiern.

Sieg gegen Augsburg

Eintracht Frankfurt jetzt schon Zweiter

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Die SGE gewinnt auch beim Angstgegner Augsburg und baut ihre Siegesserie aus. Und trotzdem findet Trainer Adi Hütter etwas zu meckern.

Nachdem dann auch der Angstgegner in die Knie gezwungen und der Fluch von Augsburg besiegt war, sagte der Frankfurter Trainer Adi Hütter: „Ich finde viel, was mir nicht gepasst hat.“ Er meinte es verdammt ernst.

Zur besseren Einordnung: Die Eintracht hat an diesem  Samstagnachmittag nach sechs vergeblichen Versuchen erstmals ein Bundesligaspiel in der Fuggerstadt gewonnen, mit 3:1 (1:0), sie ist auf Platz zwei der Tabelle geklettert und hat ihren fast schon beängstigenden Siegeszug fortgesetzt: Von den letzten zehn Pflichtspielen hat sie nur ein einziges nicht gewonnen, das endete 1:1 in Nürnberg, macht in der Endabrechnung 28 von 30 möglichen Punkten. Die Hessen surfen weiter auf einer Erfolgswelle, eilen von Sieg zu Sieg, manchmal fragt man sich, wer diese furiose Mannschaft zurzeit eigentlich stoppen will. „Es ist unglaublich, so einen Lauf hatten wir noch nie, nicht mal im Ansatz“, sagte Marco Russ. Er muss es wissen, der alte Haudegen trägt die Farben der Eintracht schon seit einer ganzen Ewigkeit.

Und dann findet Adi Hütter, der Erfolgscoach, mehr als nur ein Haar in der Suppe? Der 48-Jährige sagte das nicht einfach so, er meinte es ganz genauso.

Adi Hütter und die leichte Unzufriedenheit

Das zeigt zum einen, dass die Ansprüche in Frankfurt rapide gestiegen sind, was angesichts dieser unglaublichen Serie nicht mal verwundern kann. Und Hütters leichte Unzufriedenheit zeugt zum anderen von einem ausgesprochenen Realitätssinn, denn die Leistung in Augsburg war zumindest in der ersten Hälfte ganz und gar nicht nach dem Geschmack des Trainers. Auch seine Spieler gingen selbstkritisch mit sich um: „In der ersten Hälfte hätten wir das Spiel verlieren können“, sagte der nimmermüde Dauerläufer Gelson Fernandes. „Da hätten wir auch 1:3 zurückliegen können.“

 Sie führten aber mit 1:0, die Frankfurter, durch einen Treffer von Jonathan de Guzman, der die Kugel nach Vorarbeit von Sebastien Haller nach nur 53 Sekunden ins Netz des FCA hämmerte. Ein Paukenschlag zu Beginn. Der nächste Aufreger folgte nur 120 Sekunden später, da musste der Frankfurter Kapitän David Abraham nämlich schon vom Feld. Nach einem harmlosen Zweikampf sackte er auf dem Boden zusammen, die Wade hatte zugemacht. Für ihn kam Marco Russ ins Spiel, völlig kalt, „blanko“, wie er selbst sagte. Russ brauchte einige Zeit, ehe er sich in die Partie hereingefunden hatte, mit dem sehr agilen und spielstarken Caiuby hatte er seine liebe Mühe und Not. Auch wenn es nicht so schlimm war, wie er selbst urteilte: „Caiuby hat mich im ersten Abschnitt komplett durch den Fleischwolf gedreht.“ Dafür sah er noch ganz schön frisch aus, der Routinier.

Die Eintracht hatte im Mittelfeld keinen Zugriff auf die flinken Augsburger, die Platzherren kamen öfter mal in gute Abschlusssituationen, verschluderten diese aber fahrlässig. Die besseren Chancen hatte dennoch die Eintracht, allen voran Ante Rebic, der nach einem feinen Zuspiel vom Sturmpartner Luka Jovic das Kunststück fertigbrachte und den Ball am leeren Tor vorbeischoss (17.). Und auch Jovic ließ eine gute Gelegenheit aus, seinen Lupfer erwischte FCA-Keeper Andreas Luthe noch mit den Fingerspitzen (30.). Davor und danach waren die Bayerischen-Schwaben aber „Chef im Ring“, wie Hütter sagte. Der 48-Jährige verdichtete das Mittelfeld dann etwas mehr, zog Ante Rebic etwas zurück und mahnte mehr „taktische Disziplin“ an. Es sollte sich auszahlen: Nach einer herrlichen Vorarbeit von Luka Jovic machte Sebastien Haller das 2:0. Eine Duplizität zum ersten Durchgang: Auch im zweiten Abschnitt waren nicht mal zwei Minuten gespielt. Das war die Vorentscheidung, zumal Rebic nach Vorarbeit von da Costa den Deckel draufmachte (68.).

Es war zumindest für da Costa ein schmerzhafter Treffer, er war bei seiner Vorarbeit mit Schlussmann Luthe zusammengeprallt und hatte das rechte Knie des Torwarts in die Weichteile bekommen. „Ich muss erst mal nachsehen, ob noch alles da hängt, wo es hängen soll“, witzelte da Costa. „Es waren Höllenschmerzen.“ Gezögert habe er aber keine Sekunde,  obwohl er den Zusammenprall kommen sah: „Es war mir egal, ob das schmerzhaft endet, ich bin ohne Rücksicht auf Verluste rein, weil ich wusste, dass es die Entscheidung ist, wenn ich noch an den Ball komme.“ Das mag Normalität im Profisport sein, zeigt dennoch, welche Mentalität und welcher Geist in diesem Team stecken.

Genauso sinnbildlich kann man den mächtigen Ärger von Kevin Trapp über das späte Gegentor von Sergio Cordova (90.) werten. Der Schlussmann war erst nur schwer zu beruhigen. „Es ärgert mich, dass wir den Gegner so wieder in Spiel kommen lassen“, sagte er. „Das müssen wir unbedingt besser machen.“ Auch das zeigt den Ehrgeiz und die Einstellung der Spieler. Es ist  allerdings auch Mosern auf ziemlich hohem Niveau. Das bemerkte auch Trapp und schob angesichts des Auswärtserfolges an ungeliebter Stätte lächelnd nach: „Ich will nicht zu viel meckern.“

Und nun? Greift Eintracht Frankfurt nach den Sternen? Jagt sie Borussia Dortmund? Ist die Champions League drin? Die Fans waren natürlich völlig aus dem Häuschen, sie intonierten den alten Klassiker „Deutscher Meister wird nur die SGE“, und auch Marco Russ wurde, halb im Spaß, gefragt, ob er sich geärgert habe, dass Borussia Dortmund doch noch in Mainz gewonnen habe. Russ schmunzelte und befand nur: „Wir sollten nicht auf die Euphoriebremse treten“, allerdings sehr wohl aufpassen, dass „es nicht in Überheblichkeit oder Arroganz ausartet“. Sorgen habe er da aber eigentlich nicht. „Das Trainerteam und wir erfahrenen Spieler achten schon darauf.“

Das ist sehr im Sinne von Adi Hütter, der den Ball schön flachhielt. „Ich bin Realist, ich weiß, wo wir herkommen. Die Situation ist etwas Tolles, das ist etwas Besonderes, aber wir können es gut einordnen.“ Vielleicht hilft ihm ja auch die erste, weniger gute Halbzeit aus Augsburg, um die Sinne zu schärfen und die Spannung hochzuhalten.

Dann ist der Mannschaft der Stunde eine ganze Menge zuzutrauen, denn eines ist auch klar: Vor noch nicht allzu langer Zeit wären die Frankfurter von den Angriffswellen der Augsburger irgendwann überrollt worden – jetzt haben sie den FCA mit ihrer eigenen Wucht zermalmt. Und Hütter war, bei allen Härchen in der Suppe, natürlich dennoch zufrieden: „Ich bin stolz, diese Serie hier durchbrochen zu haben.“ Wo soll das alles noch enden?

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