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Die schüchterne Eintracht-Kante

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Von: Thomas Kilchenstein

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Der aus Salzburg gekommene Jerome Onguene soll die Frankfurter Abwehr dichthalten. Allerdings braucht der 24-Jährige Spielpraxis.

Frankfurt – Jerome Onguene, diese frisch verpflichtete Abwehrkante, wollte nicht so recht raus mir der Sprache, vielleicht war er höflich oder wollte kein Öl ins Feuer gießen. Andererseits wäre es nicht so schlimm gewesen zuzugeben, gegen Eintracht Frankfurt mal ein Tor geschossen zu haben. Bei der offiziellen Vorstellung des bulligen Innenverteidigers aus Kamerun druckste er ein bisschen herum, er habe schon gegen die Eintracht gespielt, „das müsste vor drei Jahren gewesen sein“, ließ er, der passabel Deutsch kann, Dolmetscher Patrick Zeilmann dennoch übersetzen. Nicht ganz, es war, um genau zu sein, am 28. Februar 2020, kurz bevor die Pandemie den Spielbetrieb lähmte und nach einem Stürmchen, der über Salzburg hinwegzog: Da trafen die Hessen auf RB Salzburg in der Zwischenrunde der Europa League, die Eintracht hatte das Hinspiel mit 4:1 (und drei Toren von Daichi Kamada) gewonnen, im Rückspiel in der Mozartstadt trennten sie sich 2:2 (und zwei Toren von André Silva) - die 2:1-Führung für die Österreicher aber besorgte Jerome Onguene, per Kopfball.

Diese Saison 2019/2020 war seine erfolgreichste in Salzburg, 23 Spiele absolvierte der 1,87 Meter-Mann, war Stammspieler, ansonsten kam er in Österreich in der Liga immer seltener zum Einsatz, in der vergangenen Runde absolvierte er elf Partien, auch fünf in der Champions League. Im Jahr 2022 freilich spielte er hingegen so gut wie gar nicht, er kam auf 187 Minuten, zweimal 90 Minuten in der Nationalelf, sieben Minuten in der österreichischen Bundesliga. In fünf Jahren Brauseklub kam er auf 73 Spiele und elf Tore.

Eintracht Frankfurt: Ein Lauter Typ – auf dem Platz

In Frankfurt hält man große Stücke auf den „klassischen Innenverteidiger“, wie er sich selbst charakterisierte. Sportvorstand Markus Krösche, der ihm einen Fünfjahresvertrag bis 2027 vorlegte, geriet bei der Verpflichtung ins Schwärmen: „Er ist sicherlich ein Krieger“, entfuhr es Krösche, er werde der Frankfurter Defensive „weitere Substanz“ zuführen und mehr „Flexibilität verleihen“. Seine physische Präsenz nennt Onguene selbst als seine Stärke, dazu sei er auf dem Platz ganz anders als im echten Leben. Da, sagt er, sei er ein ruhiger Vertreter, fast ein „bisschen schüchtern“, auf dem Rasen das Gegenteil, „ich kämpfe, ich schreie.“ Ob Dreier- oder Viererkette sei ihm egal, er finde sich in jedem System zurecht. Und bislang habe er, was die Intensität im Training betrifft, keinen großen Unterschied zu Salzburg festgestellt.

Jerome Onguene von Eintracht Frankfurt
Jerome Onguene im Eintracht-Training. © Jürgen Kessler / Imago Images

In Salzburg, sagt der 24-Jährige, habe er viel gelernt, habe eine Menge Erfahrung gesammelt, da habe seine Karriere Schwung aufgenommen. Dort, in Österreich, startete er durch. Im Alter von elf Jahren ist er mit seinen Eltern aus Kamerun ins Elsass übergesiedelt, er spielte in der Jugend beim AS Illzach Modenheim, er durchlief ab der U16 alle französischen Auswahlteams, dann beim FC Sochaux, zweite französische Liga. Im Januar 2017 wechselte er, mit 19, zum VfB Stuttgart, schaffte es aber nur in die Reservemannschaft, Regionalliga Südwest, selbst da kam er nur auf zwei Einsätze. Im Sommer wechselte er nach Salzburg, mit Unterbrechungen beim Farmteam FC Liefering und einer Ausleihe an CFG Genua. „Der Jerome von Stuttgart ist nicht mehr mit dem Jerome von heute zu vergleichen“, sagt Jerome. Mittlerweile hat er 13 Champions-League- und acht Europapokalspiele auf dem Buckel, er weiß also, was auf Eintracht Frankfurt zukommt.

Jerome Onguene bei Eintracht Frankfurt – Sergio Ramos als großes Vorbild

Der kopfball- und zweikampfstarke Verteidiger, sagt Krösche, „hätte auch andere Möglichkeiten gehabt“, immerhin vereinige er viel Qualität in sich, zudem sei er ablösefrei gewesen. Seit 2018 ist er zudem Nationalspieler Kameruns, er hat ja beide Staatsangehörigkeiten. Und für ihn war klar, sich für Kamerun zu entscheiden, „das war das einzige, was ich wollte“. Zwar habe er in der Jugend für Frankreich gespielt, weil „ich in Frankreich aufgewachsen und meine fußballerische Ausbildung erhalten“ habe. Aber für Kamerun zu spielen, „war immer in meinem Kopf“.

Zehn Spiele hat er für sein Geburtsland bestritten, auch am jüngsten Afrika-Cup hat er teilgenommen, allerdings hat er sich dort Malaria eingefangen, was ihn sportlich gute fünf Wochen zurückgeworfen und Einsätze gekostet hat, unter anderem die beiden Achtelfinalpartien im Februar dieses Jahres gegen Bayern München, in denen Salzburg im Rückspiel eine Klatsche kassiert hatte, 1:7. Längst sei er nun aber wieder im Vollbesitz seiner Kräfte.

Bei der Eintracht wird Onguene das Trikot mit der Nummer vier tragen, die typische Nummer eines Stoppers, die Vier trägt auch Altmeister Sergio Ramos, die Legende von Real Madrid, aktuell bei Paris St. Germain, sein Vorbild. „Er ist ein großes Idol von mir, er inspiriert mich sehr.“ Das wird er brauchen, denn die Hintermannschaft ist numerisch stark besetzt, in Tuta, Almamy Touré, Makoto Hasebe, Aurelio Buta (der in diesem Jahr aber nicht mehr spielen dürfte), Evan Ndicka, Hrovje Smolcic, Christopher Lenz, Timothy Chandler hat Onguene starke Konkurrenz. „Es ist an mir, mich möglichst schnell ins Team zu integrieren“, sagt er. (Thomas Kilchenstein)

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