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Eintracht Frankfurt im Trotzkopf-Modus

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Von: Ingo Durstewitz

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Die Frankfurter Eintracht muss die bittere Pille von Sporting Lissabon schnell verdauen und ihre Lehren ziehen.

Frankfurt - Jörn Hoffmann ist, wenn man so will, die gute Seele des Waldstadions. Der Marathonmann kümmert sich um das leibliche Wohl tief unten im Keller der Arena, dort, wo Spieler, Trainer und Schiedsrichter vor und nach den Partien ihre Heimat haben. Jörn Hoffmann, von der FR einst als „Dauerläufer“ oder auch liebevoll als „Herr der Flaschen“ bezeichnet, hat schon alles erlebt, er ist seit 2005 dabei, er beliefert Schiris mit Champus, karrt Bier in die Trainerkabinen und erfüllt alle Sonderwünsche – auch die des Gegners.

Am Mittwoch nun kam dem guten Mann etwas unter, was selbst für ihn in seiner bewegten Karriere neu war: Die Sporting-Entourage verlangte neben handelsüblichen Vitaminspendern wie Orangen, Mangos und Ananas auch – Gurkenwasser. Also kein feines San Pellegrino mit ein paar Scheibchen, sondern den Sud der Gewürzgurken. Also zapfte Jörn Hoffmann verwundert einen Eimer voll ab und schleppte ihn in die Kabine der Portugiesen. „Ob sie es getrunken oder sich damit eingerieben haben, weiß ich nicht“, erzählte er später grinsend. Offenbar hat es aber die Wirkung nicht verfehlt, weshalb ein Umherstehender trocken bedeutete: „Jörn, hättest Du das Zeug mal lieber in die Eintracht-Kabine gebracht.“ Wenn es nur so einfach wäre.

Auf die Unterstützung der Anhängerschaft ist Verlass: die Eintracht-Spieler am Mittwochabend auf dem Weg in die Fankurve.
Auf die Unterstützung der Anhängerschaft ist Verlass: die Eintracht-Spieler am Mittwochabend auf dem Weg in die Fankurve. © IMAGO/Thomas Frey

Eintracht Frankfurt: Festtag mündet in einem veritablen Kater

Sehr wahrscheinlich hat der ungewöhnliche Zaubertrank nur marginalen Einfluss auf das Geschehen auf dem Feld im Frankfurter Stadion gehabt, und es ist nun auch nicht so, dass sich Eintracht Frankfurt, um im Bild zu bleiben, einen zurecht gegurkt hat in ihrem Premierenspiel in der Champions League. Doch nach den ersten 90 Minuten unter dem Sternenbanner muss man konstatieren: Der Festtag mit allerlei Bohei und Tamtam mündete in einem veritablen Kater. Samt Schädelbrummen. Da hilft auch kein Gurkenwasser.

Null zu drei gegen Sporting Lissabon, kein Schwergewicht unter den Schwergewichten, aber ein Opponent, der cleverer, spielstärker und reifer war. Es war eine herbe Niederlage, die Spuren hinterlassen hat bei den Eintracht-Spielern, die nach der Glanzvorstellung gegen RB Leipzig vielleicht schon dachten, sie würden nun auch über die Portugiesen hinwegfegen. Wer ist schon Sporting Lissabon? Doch Pustekuchen. „Wir haben viel Lehrgeld bezahlt“, urteilte Torwart Kevin Trapp. „Wenn du am Ende kein einziges Tor schießt, wird es schwierig. In der Champions League entscheiden die Details, das hat man wieder gemerkt.“

Der späte, aber brettharte Knockout nagte an den Frankfurter Profis, die wie begossene Pudel in der Umkleide saßen, obwohl sie von den Fans noch Minuten nach dem Abpfiff frenetisch gefeiert wurden. Den Schmerz über den verpatzten Start konnte aber auch der kollektive Zuspruch von den Rängen nicht mildern. Fast schien es, als hätten sie sich ein solches Resultat selbst nicht vorstellen können. Da ist jemand ganz schön unsanft in die Realität zurückgeholt worden. Nicht zum ersten Mal in dieser jungen Spielzeit, die einem Wellenbad gleicht.

Eintracht Frankfurt: Glasner beginnt mit verbaler Aufbauhilfe

„Die Köpfe waren ein bisschen unten“, berichtet Trainer Oliver Glasner, der unmittelbar nach dem Nackenschlag mit der verbalen Aufbauhilfe begann. „Ich habe den Jungs gesagt, es gibt keinen Grund, den Kopf hängenzulassen. Wir nehmen den Kopf hoch und weiter geht’s. Das Ergebnis darf uns nicht zermürben. Das wirft uns nicht um.“ Er habe viel Gutes gesehen, führte der Österreicher aus, der sogar von einer „großartigen“ ersten Halbzeit schwärmte. Das war dann ein bisschen zu dick aufgetragen. Die Eintracht-Darbietung war solide, voller Bemühen und Verlangen, aber letztlich auch unfertig, angestrengt, nicht flüssig und smooth.

Der Fußballlehrer sieht das anders. Seine Elf sei insgesamt 122 Kilometer gelaufen, habe im ersten Abschnitt fünf gute Gelegenheiten gehabt und nur einen einzigen Torschuss des Kontrahenten zugelassen, das sei im gesamten Wettbewerb ein Alleinstellungsmerkmal. „Sogar Viktoria Pilsen hatte in Barcelona mehr Abschlüsse als Sporting bei uns.“

Der Trainer wird weiter an einem tragfähigen Konzept arbeiten, um seinem Team zu mehr Konstanz und Standfestigkeit zu verhelfen. Interessant dabei, ob er es bei der zuletzt praktizierten Viererkette belässt oder zum alten System zurückkehrt. „Das ist eine Option, die wir durchdenken“, sagt Glasner. Eigentlich hat sich das neue System ganz gut bewährt, allerdings bleiben die beiden Außenverteidigerpositionen die Problemzonen. Zumal nun auch Christopher Lenz bis Ende September ausfällt und Vertreter Luca Pellegrini alles andere als fit ist.

Aurelio Buta auf der anderen, der rechten Seite ist sogar bis ins neue Jahr hinein keine Alternative, der Neuzugang musste erneut unters Messer, da sich im operierten Knie Keime gebildet hatten.

Das Verletzungspech ist zurzeit ein treuer Begleiter der Eintracht, auch Jerome Onguene meldete sich mit schmerzenden Adduktoren wieder ab, zudem geht Eric Dina Ebimbe nach zwei Spielen binnen vier Tagen auf dem Zahnfleisch. Glasner schmeckt das alles nicht, aber er lamentiert nicht. „Das sind ein paar Themen, die du dir als Trainer nicht wünschst, aber wir werden Lösungen finden.“ Auf jeden Fall wird Youngster Marcel Wenig in den Kader rücken. „Vielleicht feiert der 18-Jährige ja sein Debüt“, orakelt der Coach. Wenig hat allerdings zuletzt im Youth-League-Spiel gegen Sporting wenig aufgezeigt.

Kommentar: Champions League - nicht die Kragenweite der Eintracht

Eintracht Frankfurt bleibt nicht viel Zeit zum Aufarbeiten

Die erste Champions-League-Partie war trotz des betrüblichen Ausgangs in vielerlei Hinsicht lehrreich. Klar ist, dass die Mannschaft ihre Naivität schnellstmöglich ablegen muss. Nach dem 0:1, einem Treffer, der nicht unbedingt in der Luft lag und in der Entstehung unglücklich war, rannte das Team kopflos nach vorne und blindlings ins Verderben. Innerhalb weniger Minuten machten die Portugiesen kurzen Prozess mit der Eintracht. „Sie haben uns dann einfach knallhart abgeschossen“, urteilte Glasner. Der 48-Jährige vermisste die „taktische Disziplin“ seiner Spieler, die „zu schnell auf hohes Risiko gesetzt haben“. Dabei hätte das Ensemble nach dem 0:1 noch fast eine halbe Stunde Zeit gehabt, das Resultat zu korrigieren. Ähnlich vogelwild war es schon den Bayern ins offene Messer gelaufen. „Wir waren da auch zu passiv, wir müssen den Willen haben, unsere Verhaltensweisen zu verbessern“, verlangte der Trainer und schlussfolgerte, dass sein Team nicht am Gegner, sondern an sich selbst gescheitert sei. „Wir haben es selbst in der Hand, das zu verändern. Das ist das Positive.“

Viel Zeit zum analytischen Aufarbeiten bleibt jedoch nicht, learning by doing ist eher das Motto, denn es geht Schlag auf Schlag. Schon am Samstag kommt der schwer unter Druck stehende VfL Wolfsburg nach Frankfurt, Bundesliga, Alltag. Vielleicht wird Glasner ein wenig rotieren, schließlich geht es schon am Dienstag international weiter, dann in Südfrankreich bei Olympique Marseille. Die nächste knifflige Aufgabe. Da ist die Eintracht schon unter Zugzwang, will sie das Ziel Achtelfinale im Visier behalten. Glasner gibt sich trotz (oder gerade wegen) des harten Aufpralls im ersten Anlauf trotzig: „Ich habe gelesen, dass seit 25 Jahren kein Neuling die Gruppenphase überstanden hat. Wir wollen die Ersten sein.“ Na dann. (Ingo Durstewitz)

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