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Eintracht-Analyse: Wackliges Gebilde

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Von: Daniel Schmitt

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Die neue Mannschaft von Eintracht Frankfurt findet (noch) nicht zueinander - Trainer wie Manager sind nun gefordert – und was wird aus Djibril Sow?

Frankfurt – Am Samstagnachmittag, exakt 15.54 Uhr, brach in Berlin-Charlottenburg ein Vulkan aus. Die Eruption war weithin hörbar, das Epizentrum deutlich sichtbar: Oliver Glasner, der menschliche Feuerberg, kochte über. Die Halsschlagader des Trainers von Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt schwoll an, pochte bedenklich, bis der Österreicher die innere Wut-Glut entlud. Einer Trinkpause sei dank. Glasner also faltete seine Spieler in jener 24. Minute des Spiels bei Hertha BSC (1:1) nach allen Regeln der Kunst zusammen. Gestenreich, wortreich, lautstark. Er gab Gründe.

Dieser anfängliche Auftritt im Berliner Olympiastadion zeigte all das, was Eintracht Frankfurt nicht zeigen wollte. Es war eine Minusleistung gegen einen angeknockten Gegner, der nach überstandenen Relegations-Mühen und Fehlstart derzeit vor allem darum bemüht ist, kein zweiter Hamburger SV zu werden. Gegen solch eine biedere Truppe wusste die Eintracht nicht, was sie tun sollte. Vorne lief nichts zusammen, hinten die Gegenspieler reihenweise durch die großen Lücken hindurch. Nun stand nach 95 Minuten in Berlin immerhin ein Punkt aus Eintracht-Sicht, der erste der Saison, der auch verdient war. Haften aber bleibt vom 1:1 vor allem der Eindruck, dass das Frankfurter Fußball-Ensemble in einer Schaffenskrise steckt.

Eintracht Frankfurt: Abgang von Kostic ist schmerzhaft

Es ist jetzt nicht so, dass es das eine große Ding wäre, an dem es hapert, das nur abgestellt werden muss, um Besserung zu erfahren. Wenngleich der Abgang von Filip Kostic natürlich ein großes Ding ist für Eintracht Frankfurt. Vielmehr aber häufen sich derzeit die Problemchen. Angefangen bei der richtigen Einstellung zur Arbeit, die in den vergangenen Jahren immer eine Stärke der Mannschaft war, aktuell aber droht, ihr abhanden zu kommen.

Mehrfach ermahnte Glasner nun schon seine Spieler, den Europapokalsieg aus den Köpfen zu verbannen, was ihnen offenbar nicht ganz gelingt, zumindest nicht allen. Täuscht der Eindruck nicht, wird der Trainer den Ton vor den wichtigen Wochen mit Spielen gegen vermeintlich schwächere Teams aus Köln und Bremen verschärfen, ist der Bonus für die Euro-Helden aufgebraucht.

Ist mehrfach explodiert in Berlin am Seitenrand: Oliver Glasner, Fußballtrainer und HB-Männchen. imago images
Ist mehrfach explodiert in Berlin am Seitenrand: Oliver Glasner, Fußballtrainer und HB-Männchen. imago images © Imago

Eintracht Frankfurt: Hippelige Abwehr

Evan Ndicka etwa macht links hinten den Eindruck, nicht ganz bei der Sache zu sein. Womöglich ist mit dem Kopf bei einem anderen Klub. Jedenfalls schlurft er derzeit mehr uninspiriert über den Rasen, als das er als Abwehrsouverän die Dinge klärt. Oder seine Verteidigerkollegen Almamy Touré und Tuta. Die stecken sich mit ihrer Hippeligkeit gegenseitig an, was nicht immer in kapitalen Schnitzer mündet, aber doch im Grundgefühl, das hinten gerade Unsicherheit vorherrscht. Die Oberschenkelblessur von Touré, zugezogen kurz vor Schluss in Berlin, könnte fürs Team daher was Positives haben: Makoto Hasebe, der fußballerischen Ruhe in Person. Wenngleich jeder Trainer in den vergangenen Jahren versuchte, den Altmeister, 38, anfangs außen vor zu lassen, sollte sich Glasner nun ans Leistungsprinzip erinnern und Hasebe in die Elf beordern. Er, Hasebe, habe das in den finalen Minuten mit seiner Routine locker heruntergespielt, so Glasner: „Wenn es so weiter geht, hoffe ich, dass er noch bis 45 spielt.“

Hauge nach Belgien

Jens Petter Hauge wird sich für ein Jahr auf Leihbasis dem belgischen Erstligisten KAA Gent anschließen. Der Offensivspieler schaffte es zuletzt nicht in den Eintracht-Kader. Hauge, 22, Vertrag bis 2026 in Frankfurt, spielte eine schwache Vorbereitung, ist im internen Ranking aufgrund der größer gewordenen Konkurrenz noch mal abgerutscht. Dabei ist der zuvor ausgeliehene Norweger erst vor dieser Spielzeit per verpflichtender Kaufoption fest vom AC Mailand geholt worden – ein Gesamtpaket von rund zehn Millionen Euro. In Gent erhofft sich die Eintracht mehr Spielpraxis für Hauge, damit er reifen und womöglich gestärkt zurückkehren kann. Sie übernimmt Teile seines Gehalts. (dani)

Im rechten Mittelfeld steckt derweil Ansgar Knauff in einem Leistungstief, das normal ist für einen 20-Jährigen und ihm auch zugestanden werden sollte, wo sich des Trainers personelle Alternativen jedoch in argen Grenzen halten. Ein Faride Alidou wird nun auch nicht gleich über eine längere Dauer die Sterne vom Himmel spielen. Und Timothy Chander, nun ja, ist eben Timothy Chandler. Auf links sind die Probleme nach dem Kostic-Abgang offensichtlich, sie sollen alsbald von Neuzugang Luca Pelligrini eingedämmt werden. Er, der nicht im Spielrhythmus ist, sollte bestenfalls gleich liefern. Nicht ganz leicht.

Eintracht Frankfurt: England-Angebot für Djibril Sow

Während Glasner in seiner Offensive zwar reichlich Personal zur Verfügung weiß, er aber noch nicht die am besten zueinander passenden Profis gefunden hat, entscheidet im Mittelfeldzentrum durchaus auch die Form von Djibril Sow über Wohl und Wehe des Teams. Doch der Schweizer, der zur Leitfigur aufsteigen will in dieser Saison, kämpft mit sich. Er weiß, schließlich ist er ein kluger Kopf, dass er die Kollegen führen soll, wirkt darob aber etwas überfordert und schwächt damit sein eigenes Tun. Oft spielt er zurück, manchmal quer, selten nach vorne. Es kommt zu wenig. Nun beschäftigt die Eintracht zudem ein Angebot für den 25-Jährigen. Nottingham Forest aus England, mit Millionen vollgepumpt vom zwielichtigen Reeder Evangelos Marinakis (ihm gehört auch Olympiakos Piräus), hat sich bei der Eintracht gemeldet. Eine Ablöse von 20 Millionen Euro für Sow steht im Raum, dessen Fernziel die Premier League immer war. Aber auch jetzt schon? Zu einem Aufsteiger? Eher nicht.

Die allgemeine Eintracht-Lage soll nicht dramatisiert werden, denn das ist sie nicht, aber doch müssen die Verantwortlichen nun die richtigen Schlüsse ziehen und Gegenmaßnahmen ergreifen. Zum einen Manager Markus Krösche für die restlichen Wochen der Transferzeit. Sollte die Mannschaft nach Martin Hinteregger und Filip Kostic tatsächlich noch weitere gehobene Qualität verlieren, müsste ihr diese im Gegenzug sofort wieder zugeführt werden. Ohne Wenn und Aber.

Zum anderen Trainer Oliver Glasner. Er muss Stabilität reinbringen - nur wie? Das System wechseln, was er in Nuancen bereits in Berlin probierte? Die Neuen vermehrt bringen, was sich bei Randal Kolo Muani auszahlte, bei Mario Götze und Lucas Alario dagegen nicht? Klar ist: Die Eintracht steckt mitten in einer Findungsphase, erschwert durch den laufenden Transferperiode, die besser bald enden sollte. Sonst wird’s ungemütlich. (Daniel Schmitt)

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