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Eintracht Frankfurt hat die Reifeprüfung bestanden

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Von: Ingo Durstewitz

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Das 0:0 gegen Tottenham Hotspur war ein Charaktertest, der zeigt, dass Eintracht Frankfurt erwachsen geworden ist.

Frankfurt – Und dann, spät am Abend, hat der Seppl Rode von der Bergstraße wieder dieses typische Seppl-Rode-Grinsen aufgesetzt, mit dem der Kapitän von Eintracht Frankfurt ganz gerne seine Sätze einleitet. „In Bochum“, hob Sebastian Rode also an, „wollen wir nicht, wie so oft, Aufbaugegner sein.“

Man kennt das ja beim Traditionsklub vom Main, seit Jahrzehnten schon, wenn es gegen die Beladenen und Geplagten geht, entpuppen sich die Hessen als nette Spielgefährten und lassen die Punkte gerne mal denen, die noch nicht so viele haben. Generös. Das und noch ein paar andere Besonderheiten hatte ihnen einst den Beinamen launische Diva eingebracht, von der aber schon lange nichts mehr übrig ist, so im Allgemeinen.

Bekam nicht viel zu tun; Der Frankfurter Torwart Kevin Trapp hinter Harry Kane von Tottenham.
Bekam nicht viel zu tun; Der Frankfurter Torwart Kevin Trapp hinter Harry Kane von Tottenham. © dpa

Eintracht Frankfurt erwartet Charaktertest in Bochum

Und doch ist diese Bundesligapartie am Samstag in Bochum, im Herzen des Ruhrpotts, eine nicht ganz unbedeutende, denn der gastgebende VfL schaut sich die Tabelle von ganz unten aus an: acht Spiele, ein Remis, sieben Niederlagen, fünf Tore geschossen, aber schon 23 kassiert, macht eine Differenz von minus 18. Zahlen eines potenziellen Absteigers. Da kommt die Eintracht gerade recht. Oder doch nicht?

Für die Frankfurter kommt es in Bochum zum Charaktertest, zur Nagelprobe. An ihnen ist es nun zu beweisen, dass sie etwas verstanden haben, dass sie den Schwung mitnehmen und dokumentieren können, dass sie wichtige Entwicklungsschritte genommen haben. Es ist eine Frage der Einstellung, des Kopfes, der Bereitschaft, auch im Alltag zu bestehen und sich keine Blöße zu geben. Das ist die große Kunst auf dem Niveau, auf dem sich die Eintracht mittlerweile bewegt, und auf dem sie sich gut bewegt.

Eintracht Frankfurt spielt nun Erwachsenenfußball

Der Auftritt in der Champions League am Dienstag gegen den englischen Vertreter Tottenham Hotspur war keiner im Hurra-Stil, mit wehenden Fahnen und offenem Visier, das ist auf diesem Parkett nicht möglich oder zumindest nicht ratsam. Im Harakiri-Stil war der Europa-League-Sieger früh in der Saison unterwegs und ist von den Bayern gleich böse vermöbelt worden: eins zu sechs.

Auch zum Auftakt in der Königsklasse gegen Sporting Lissabon zahlte er reichlich Lehrgeld: null zu drei. Nun aber spielt die Mannschaft Erwachsenenfußball, seriös, klug, mit hoher Intensität und voller Leidenschaft, aber auch mit der nötigen Organisation und Kompaktheit. Eintracht Frankfurt hat sich eingegroovt auf dem Level der Besten, die Reifeprüfung bestanden.

Eintracht Frankfurt hat Achse um Trapp und Hase entwickelt

Coach Oliver Glasner hat es geschafft, seine Mannschaft so zu präparieren, dass sie – auch ohne Feinschliff im Training – einen klaren Plan verfolgt und für jeden Gegner unangenehm zu bespielen ist, wenn sie sich an die Vorgaben hält und an ihre Grenzen kommt. Das muss sie, sonst fällt es ihr schwer, Spiele zu gewinnen.

Das Team hat nun etwas, worauf es sich zurückziehen kann, eine gefestigte Struktur, eine Achse mit Kevin Trapp als Führungskraft zwischen den Stangen, Makoto Hasebe als Ruhepol in der Abwehr und Anker für die beiden talentierten Verteidiger Evan Ndicka und Tuta, im Mittelfeld die Marathonmänner Djibril Sow und Sebastian Rode – das ist das Korsett, die Basis, auf dem die anderen, die Freigeister und Sprinter, sich entfalten können. Dass freilich nichts von alleine läuft und wie dünn die Luft auf dieser Stufe ist, hat am Dienstag auch Shootingstar Randal Kolo Muani zu spüren bekommen, der Neu-Nationalstürmer Frankreichs ist klassisch abgekocht worden und musste entnervt vom Feld.

Chancen in Europa zu überwintern, stehen für Eintracht Frankfurt gut

Für die Eintracht ist das Achtelfinale der Königsklasse keine Utopie, und selbst wenn sie in einer Woche in London verlieren sollte, was bei dieser geballten Offensivkraft der Spurs locker drin ist, hat sie noch alle Chancen, europäisch zu überwintern. Das hat sie sich verdient, die Frankfurter sind angekommen im erlauchten Kreis. Das ging schneller als gedacht.

Doch Europa muss man sich verdienen, das geht in der Regel über in der Bundesliga, denn Europa-League-Champion wird man nicht jedes Jahr. Auf nationalem Parkett zählt daher jeder Punkt, jeder Sieg – auch und gerade solche bei einem abgeschlagenen Schlusslicht. (Ingo Durstewitz)

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