Überragend: Daichi Kamada.
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Überragend: Daichi Kamada.

Eintracht Frankfurt

Die große Show des Daichi Kamada

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Eintracht Frankfurt schlägt den FC Salzburg mit 4:1 und stößt das Tor zum Achtelfinale durch einen Dreierpack des Japaners ganz weit auf.

Auf der internationalen Bühne fühlt sich Daichi Kamada, der Mann aus Nippon, pudelwohl. Das ist sein Metier, da blüht der feingliedrige Techniker auf und verzaubert die Massen. Durch seinen Doppelpack zum 2:1-Sieg in London beim FC Arsenal hat der 23-Jährige der Eintracht erst das Tor zur K.o.-Phase weit aufgestoßen, insgesamt hat er in der Gruppenphase drei Treffer erzielt und zwei wichtige Tore zum 2:1-Erfolg gegen Standard Lüttich vorbereitet. Nicht schlecht.

Eintracht Frankfurt: Souverän gegen enttäuschende Salzburger

Am Donnerstagabend folgte die nächste mitreißende Daichi-Kamada-Show, dieses Mal im pickepacke vollen Stadion im Frankfurter Stadtwald. Da zerlegte der Japaner den hoch gehandelten, aber schwer enttäuschenden FC Salzburg im Sechzehntelfinalhinspiel der Europa League beinahe im Alleingang. Im ersten Abschnitt steuerte der Mittelfeldakteur zwei Tore bei, das erste nach zwölf Minuten nach Vorlage von Almamy Touré, das zweite kurz vor der Pause nach einem herrlichen Solo (43.). Das dritte machte er nach der Pause per Kopf (53.), ehe Filip Kostic das 4:0 (56.) machte und dafür sorgte, dass die Eintracht mit einem Bein im Achtelfinale der Europa League steht. Eine noch bessere Ausgangsposition machte Hee-Chan Hwang zunichte, der nach einem von Djibril Sow verursachten, aber umstrittenen Strafstoß vom Punkt auf 1:4 verkürzte (85.). In sechs Tagen benötigen die Österreicher dennoch zumindest ein 3:0, um die Eintracht noch aus dem Wettbewerb zu kegeln. Die Frankfurter können also, zumindest vorsichtig, schon mal die Planungen für das Achtelfinale vorantreiben, das am 28. Februar in Nyon ausgelost und am 12. sowie 19. März ausgespielt wird.

Fredi Bobic sprach sicherheitshalber eine zarte Warnung aus: „Die Salzburger sind eine gute Mannschaft, und diese Runde ist noch nicht entschieden“, sagte der Eintracht-Sportvorstand: „Das ist eine sehr gute Ausgangslage, aber im Fußball, speziell im Europapokal, ist alles möglich. Wir brauchen im Rückspiel noch einmal so eine Leistung wie heute.“ Diese Leistung gefiel Bobic deshalb, weil man „konzentriert und kompakt verteidigt und die Situationen nach vorne genutzt“ habe.

Eintracht Frankfurt: Fans skandieren „Nazis raus!“

Das Spiel begann unter den Eindrücken des erschütternden Attentats in Hanau, beide Teams trugen einen Trauerflor. Ärgerlicherweise wurde die angesetzte Schweigeminute von Zwischenrufe und einem dadurch einsetzenden Pfeifkonzert gestört. Das ist hochgradig unanständig und pietätlos. Anschließend reagierten die Zuschauer hervorragend, fast das gesamte Stadion skandierte lauthals „Nazis raus“. Ein wichtiges Signal.

Fußball wurde dann auch gespielt, eine Absage der Begegnung stand nach Aussage von Vorstand Axel Hellmann übrigens „nie zur Debatte“. Eintracht-Trainer Adi Hütter hatte sein Team maßvoll durcheinander gewirbelt, drei Änderungen nahm er vor: Djibril Sow rotierte in die Startelf, genauso wie Kamada und Makoto Hasebe. Timothy Chandler (Bank), Mijat Gacinovic (krank) und Martin Hinteregger (gesperrt) mussten dafür weichen.

Es waren Maßnahmen, die sich auszahlen sollten. Der bemühte Sow gab die Vorlage zum 2:0, Makoto Hasebe war der Kopf, das Herz und die Seele der Mannschaft. Er ist in dieser Verfassung unersetzlich. Unverständlich, dass der Stratege zuletzt vermehrt auf der Bank Platz nehmen musste.

Tja, und dann war da noch Daichi Kamada, der in der Rückrunde nur eine enttäuschende Halbzeit in Düsseldorf spielen durfte. Ansonsten saß er auf der Bank. Und dann drehte der Mittelfeldmann derart auf, dass den staunenden Zuschauern die Münder offen standen. Kamada war stets gefährlich, hatte gute Ideen – und war vor dem Tor eiskalt. Das frühe 1:0 war sicherlich der Türöffner für diese Partie, danach spielten die Frankfurter die fast schon desolaten Salzburger förmlich her, Kamada hätte das 2:0 machen können (21.), genauso wie Filip Kostic (33.) oder zuvor André Silva (12.). Doch der Treffer war dann natürlich doch Kamada vorbehalten, nach einem wunderbaren Tänzchen samt feinem Abschluss gingen die Frankfurter mit dem erhofften Zwei-Tore-Vorsprung in die Kabine. „Wir haben gewusst, was wir wollen, waren konzentriert, aggressiv in den Zweikämpfen“, sagte Torwart Kevin Trapp.

Eintracht Frankfurt mit Chancen auf das 5:0

Doch es sollte noch besser kommen, nach einer Flanke des munteren Evan Ndicka köpfte der nicht eben als Kopfballungeheuer bekannte Kamada den Ball in die Maschen, abgefälscht war er, aber wen störte das? Und beim vierten Tor war selbst der Schiedsrichter samt Videoassistent offenbar kurzzeitig eingenickt, André Silva stand eigentlich klar im Abseits, doch das Spiel lief weiter. Der Portugiese bediente Kostic und der Serbe lupfte den Ball hinein ins Glück (56.). 4:0. Eine Hausnummer, eine Ansage.

Wenn sich Eintracht Frankfurt an diesem Abend einen Vorwurf gefallen lassen muss, dann den, in der verbleibenden halben Stunde nicht mehr so konsequent auf den nächsten und damit insgesamt entscheidenden K.o.-Treffer für Salzburg gespielt zu haben. Und die Hessen ließen auch noch zwei hervorragende Gelegenheiten aus, Sebastian Rode hätte nach 62 Minuten das 5:0 erzielen müssen, doch sein Schuss zischte eineinhalb Meter am Pfosten vorbei. Die noch dickere Möglichkeit versiebte aber der eingewechselte Goncalo Paciencia, der nach 78 Minuten den Kontrahenten aus der Mozartstadt endgültig auf die Bretter hätte schicken müssen. Nach einem Schuss von Ndicka und einer Parade von Gäste-Torwart Cican Stankovic prallte die Kugel dem Portugiesen vor die Füße, doch er brachte sie nicht am Keeper vorbei, sondern schoss ihn an (78.).

So bleibt ein Haar in der Suppe, das späte Gegentor, das der Eintracht nicht schmeckt, aber vielleicht auch die Sinne schärft. Und ein 4:1 hätten vor dem Anpfiff gewiss alle Frankfurter unterschrieben. „Es war ja so nicht zu erwarten, dass wir gegen eine Mannschaft wie Salzburg so dominieren würden“, sagte der tadellose Trapp abschließend: „Eine Top-Vorstellung von uns.“

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