+
rtr

Bundesliga

Eintracht dreht Spiel in letzter Minute

  • schließen
  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
    schließen

Eintracht Frankfurt dreht in den letzten dramatischen Minuten ein wildes Spiel und gewinnt noch 3:2 gegen die TSG Hoffenheim.

Und dann segelte doch tatsächlich noch diese eine Flanke in den gegnerischen Strafraum. Eigentlich war die Partie schon längst beendet, die 90 Minuten waren gespielt, doch weil die TSG Hoffenheim es bei eigener 2:1-Führung für erforderlich gehalten hatte, extrem auf Zeit zu spielen, hat Schiedsrichter Manuel Gräfe, am Tag zuvor Papa geworden, die Tafel mit der „sechs“ hochhalten lassen. Sechs Minuten Nachspielzeit ist eine Menge, wenn man im Flow ist, wenn alles zu gelingen scheint, wenn das Gros der knapp 50000 Zuschauern einen nach vorne peitscht; erst der späte Ausgleich zum 2:2 durch Sebastien Haller in der 89. Minute.

Und dann kommt, wie erwähnt, diese wunderschöne Flanke, geschlagen von Haller, in der 96. Minute. Und ganz hinten „an der zweiten Stange“, wie Trainer Adi Hütter in schönster österreichischer Diktion sagte, schraubte sich plötzlich ein Frankfurter Spieler in die Höhe, den kaum einer auf der Rechnung gehabt hatte: Goncalo Paciencia. Und der Portugiese köpfte den Ball tatsächlich schulbuchmäßig ins Tor – 3:2. Kurz darauf pfiff Schiedsrichter Gräfe eine mitreißende Partie ab. Die Frankfurter Eintracht hat in den letzten Minuten ein Spiel noch zu ihren Gunsten gedreht, das eigentlich schon verloren schien. „Das kann man sich ansehen“, sagte hinterher die Eintracht-Ikone Jürgen Grabowski, ein viel größeres Lob kann es eigentlich kaum noch geben.

Fotostrecke: Sieg der Eintracht in letzter Minute

Die Hessen bleiben damit 2019 und auch im neunten Pflichtspiel hintereinander ungeschlagen und liegen damit nur noch drei Punkte hinter einem Champions League-Platz. „Ich bin stolz, dass wir nach 24 Spieltagen 40 Punkte haben“, sagte Trainer Hütter hinterher. Vor allem haben die Hessen mittlerweile ein Puffer von sechs Punkten vor den von hinten mächtig schiebenden Kraichgauern.

Es war ein wildes, unbändiges Spiel zweier Mannschaften, die ihr Heil in bedingungsloser Offensive gesucht hatten. Mittelfeldgeplänkel gab es so gut wie keines, es ging hoch und runter, bei fast jedem Angriff lag ein Treffer in der Luft – oder ein Konter des Gegners. Wahrscheinlich war es für beide Trainer ein bisschen zu vogelwild, zu ungestüm, vielleicht zu chaotisch, für die Zuschauer aber bot das Spiel beste Unterhaltung bis zum Frankfurter Happyend. „Das war ein richtig gutes Bundesligaspiel“, fand Sportdirektor Bruno Hübner, beide Teams „hatten einen offenen Schlagabtausch zugelassen“ und dann kommt eben solch ein Offensivspektakel mit fünf Toren, einem Lattenschuss und zahllosen Großchancen heraus.

„Knackpunkt“ (Hütter) dieser Begegnung war ohne Zweifel die Gelb-Rote Karte für den Hoffenheimer Innenverteidiger Kasim Adams in der 65. Minute. Zu diesem Zeitpunkt hatten die bärenstarken Hoffenheimer die Frankfurter Führung durch Ante Rebic (20.) durch Joelinton (43.) und Ishak Belfodil (60.) in ein 2:1 verwandelt, und da waren sie sogar einem dritten Treffer näher als die Gastgeber dem Ausgleich, die zudem auf David Abraham (Oberschenkelblessur) und nach der Pause auch auf Rebic (Knie verdreht) verzichten mussten. Doch in Überzahl zogen die Frankfurter, immer wieder initiiert von Makoto Hasebe, Sebastian Rode und Filip Kostic, der in der Offensive eine unglaublich gute Partie spielte, ein Powerplay auf, das sich gewaschen hatte und dem die Sinsheimer am Ende auch nicht mehr gewachsen waren.

Es war aber auch ein Sieg des Willens, der Leidenschaft, der Mentalität; den Charaktertest, wenn es denn überhaupt noch eines bedurft hätte, haben die Frankfurter mit Bravour bestanden. Bis zum Schluss hatten sie alles in die Waagschale geworfen, hatten gekämpft und geackert, sind 124 Kilometer gelaufen (drei mehr als die TSG) und spulten fast 100 intensive Läufe mehr ab als der Gegner. „Nur eine Mannschaft, die diese Mentalität und Qualität hat, konnte dieses Spiel noch drehen“, sagte hinterher der neue Held Paciencia. Der späte Treffer sei für ihn „etwas ganz, ganz Besonderes“, denn er hatte fast eine Dreiviertelsaison auf seine Chance warten müssen. Eine Meniskusoperation im Sommer hatte den 24 Jahre alten Neuzugang aus Portugal weit zurück geworfen. Umso schöner, dass „ich der Mannschaft heute helfen konnte“. Dass er das kann, war für Sebastien Haller, der nun mit zwölf Treffern und elf Vorlagen in Scorerliste weit oben steht, klar: „Ich habe ihm beim Reinkommen gesagt, dass er ein Tor schießen würde.“

Lesen Sie auch: Interview mit Eintracht-Neuzugang Martin Hinteregger

Die Ballhorn-Kolumne zum Spiel

Erneut haben damit wieder alle Stürmer – mit Ausnahme von Luka Jovic – die entscheidenden Tore gemacht. „Jeder von unseren Stürmern ist in der Lage, ein Tor zu machen. Sie besitzen das Gen, Tore zu erzielen“, sagte Hütter, der Joker Paciencia erst in der 80. Minute eingewechselt hatte. Dessen Torquote ist dennoch sehr beachtlich: Bislang kam er – wegen der Verletzung – erst zu vier Einsätzen, er spielte insgesamt nur ganze 23 Minuten, und schaffte dabei zwei Treffer. Sein erstes Tor erzielte er im August bei der peinlichen 1:2-Niederlage in der ersten Pokalrunde gegen den SSV Ulm.

Wie unbedingt die Mannschaft diesen Sieg wollte, ließ sich auch daran ersehen, wie schnell sie nach dem 2:2-Ausgleich durch Haller (prima von Mijat Gacinovic vorbereitet) den Ball aus dem Tor holte und auf den Mittelkreis legte. Diese Frankfurter Spieler wollten sich nicht mit einem Remis zufrieden geben, sie wollten mehr. Und bekamen mehr. „Ich muss meiner Mannschaft ein Riesenkompliment machen. Der Wille war bei jedem da, das Spiel noch zu gewinnen“, lobte Hütter, er sprach aber zu Recht von „einem glücklichen Sieg“.

TSG-Trainer Julian Nagelsmann, der sich nach Spielschluss noch ein heftiges Wortgefecht im Spielertunnel mit Makoto Hasebe geliefert hatte, sprach hinterher davon, das „solch ein spätes Siegtor wehtut“. Und: „Wer solche Spiele noch gewinnt, landet am Ende weit oben.“ Die Eintracht-Verantwortlichen hätten sicherlich nichts dagegen.

Doch der Fokus ist schon auf den nächsten Donnerstag gerichtet, wenn im Achtelfinale der Europa League das nächste Highlight wartet: Inter Mailand. Der erzwungene Last-Minute-Sieg vom Samstag wird dem Team neuen Schwung und weiteres Selbstvertrauen geben. „Wir verstecken uns nicht“, kündigte Trainer Hütter schon an. „Wir müssen zu Hause vorlegen, wenn wir weiterkommen wollen.“ Und das will in Frankfurt jeder.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare