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„Hier in Frankfurt, das ist unglaublich, ich würde nicht einfach irgendwo hingehen, nur um noch weiterzuspielen“: Gelson Fernandes.

SGE-Mittelfeldspieler

Gelson Fernandes - der Grübler und Mahner

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Der kluge Eintracht-Mittelfeldspieler aus der Schweiz macht sich so seine Gedanken, nicht erst seit der Corona-Krise. Der Abschied von Frankfurt naht - und damit wohl auch von seiner Karriere als Fußballprofi.

Frankfurt - Vor gut zwei Wochen, als Corona zwar schon so ziemlich im Anmarsch, die Bedrohung aber noch immer eher latent denn omnipräsent war, hat sich der Frankfurter Mittelfeldspieler Gelson Fernandes bereits gewundert, dass er kein Toilettenpapier mehr findet im Supermarkt und vor allem keine Milch für seine kleine Tochter. „Ausverkauft“, sagte er der FR reichlich verwundert. Die Familie habe sich dann dazu entschieden, Milch übers Internet zu bestellen, zwei Wochen dauert so eine Lieferung, erzählte der lange verletzte Schweizer, 33 Jahre alt, „das ist verrückt“.

Fernandes wirkte damals nicht allzu besorgt, aber er war gedanklich schon einen Schritt weiter als es einige Mitbürger vor 14 Tagen waren. „Das große Problem ist doch, wenn zu viele Menschen auf einmal krank werden und in die Klinik müssen. Da gibt es dann keinen Platz mehr und du kannst nicht alle auf einmal behandeln. Das ist die große Angst, die man haben muss.“

Das ausführliche Interview mit dem früheren eidgenössischen Nationalspieler ist in der FR nicht erschienen, weil das Gespräch vor dem schließlich abgesagten Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach stattfand. Da ging es noch um Fernandes‘ Schufterei in der Reha, den Leistungseinbruch und die Auswärtsschwäche der Mannschaft, Alltagsgeschichten rund um ein Fußballteam, die dann von der Realität ad absurdum geführt und zur Seite gedrängt wurden.

Mittlerweile befindet sich der kluge Kopf, der acht Sprachen spricht und aus der Republik Kap Verde stammt, in häuslicher Quarantäne, wie auch seine Mitspieler und die Sportliche Leitung. Er ist negativ auf das Virus getestet worden, hält sich daheim fit, aber klar fällt ihm schon mal die Decke auf den Kopf, zumal seine Frau Tiffany mit der acht Monate alten Tochter Sienna nach Hause ins Wallis gereist ist – kurz bevor der Familienvater in die Isolation kam. Ariela, Fernandes‘ zehnjährige Tochter aus einer früheren Beziehung, lebt ohnehin zurzeit bei ihrer Mutter in der Schweiz.

„Natürlich ist die momentane Situation sehr schwierig“, sagte der Spieler am Mittwoch auf Nachfrage der FR: „Ich kommuniziere unglaublich viel mit meiner großen Tochter. Wir lernen beispielsweise zusammen über Facetime, zuvor hatten wir nie die Zeit dafür. Wir müssen alle unsere Kontakte pflegen, heutzutage haben wir sämtliche Mittel dazu, die sollten wir nutzen.“

In acht Tagen endet die Quarantäne, dann hofft der weltoffene Mann, zu seiner Familie nach Sion reisen zu können. Er wäre natürlich schon jetzt gerne da, die Sehnsucht macht ihm zu schaffen. Aber er versteht, dass es um etwas Größeres geht: „Die Situation ist für uns alle neu, so etwas hat noch keiner von uns erlebt. Das Thema erfordert ein hohes Maß an Disziplin, wir müssen aufmerksam bleiben. Wir kämpfen gegen etwas, das wir nicht sehen können, es ist sehr gefährlich.“

Der reflektierte Denker, ein positiver, motivierender Typ, der stets das Große und Ganze im Kopf hat, macht sich Gedanken über die Auswüchse der Gesellschaft, erst vor wenigen Tage postete er ein Foto von Menschen, die bei schönstem Sonnenschein gemütlich in einem Café saßen. „Keine Disziplin. Der volle Stillstand ist der einzige Weg. Wir sind dumm!“ Er ist sich zudem, wie er der FR nun sagte, „ziemlich sicher, dass die Krankheit ein Zeichen der Natur ist. Wir müssen die Welt pflegen, das zeigt sie uns immer wieder.“

Auch für den Globetrotter haben sich die Prioritäten längst verschoben. In besagtem Interview äußerte der so lange unpässliche Akteur die Hoffnung, in dieser Saison noch mal aufs Feld zurückzukehren und „ein paar Grätschen“ machen zu können. Mittlerweile weiß niemand mehr, wie, unter welchen Umständen und ob diese Runde noch zu Ende geführt werden kann. Er würde es sich wünschen.

Gelson Fernandes aber ist, so oder so, mit sich im Reinen, die schwere Sehnenverletzung in der Wintervorbereitung samt folgender Hüft-OP wertete er als ein Zeichen, dass sich die lange Karriere nach 13 Jahren und zehn Stationen vielleicht nun doch langsam dem Ende zuneigt. „Das war ein Signal von Gott. Ich glaube an so was. Vielleicht braucht man manchmal so einen Hinweis“. Corona könnte diesen Fingerzeig verstärkt haben.

Fernandes will sich aber noch nicht definitiv festlegen, auch wenn die Richtung klar scheint. „Ich hatte hier eine wunderschöne Zeit, die letzten drei Jahre waren außergewöhnlich“, sagte er: „Was ich hier erlebt habe, das würde ich gerne mitnehmen in die Zeit nach meiner Karriere. Ich möchte mit einem guten Gefühl aufhören. Hier in Frankfurt, das ist unglaublich, ich würde nicht einfach irgendwo hingehen, nur um noch weiterzuspielen. Es war für mich nie eine Frage des Geldes, und wird es auch nie sein“, sagte der polyglotte Mittelfeldspieler.

Er macht sich viele Gedanken, auch schon vor Corona. „Ich möchte den richtigen Zeitpunkt aufzuhören, nicht verpassen. Ich möchte keine Belastung sein oder eine Saison erleben, in der ich mich irgendwie durchschleppen muss.“

Er sei viel unterwegs, habe oft das zu Hause gewechselt. „Da fragt man sich jetzt schon: Will ich das noch mal? Und wenn ich noch mal woanders hingehe, wie lange? Ein Jahr, zwei Jahre? Das ist schwierig. Es muss alles stimmen, es müsste eine gute Stadt sein, ein guter Verein. Finde ich das?“ Die Frage läuft aus in die Tiefe des Raums. „Hier weiß ich, was ich habe“, sagt er. „Ich schätze das sehr. Ich werde auf jeden Fall bis zum letzten Tag alles geben, das ist mein Klub, hier schlägt mein Herz.“

Anschließend, das steht fest, wird er zurück in die Schweiz gehen, nach Sion, in die Heimat. Dorthin, wo seine Familie zurzeit ist und er nicht sein kann. Corona hat das vorherige Leben einfach weggefegt.

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