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Aktuell als Torjäger kaum zu halten: Florian Niederlechner.

Eintracht-Gegner Augsburg

Florian Niederlechner: Der Spätstarter

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Florian Niederlechner vom FC Augsburg  ist mit 29 auf dem Höhepunkt.

Tobias Haupt schlägt immer häufiger Alarm. Der umtriebige Leiter der Akademie des Deutschen Fußball Bundes (DFB) kritisiert inzwischen öffentlich, dass die Nachwuchsleistungszentren landauf, landab viel zu wenige Typen ausspucken. Die Talente haben kaum noch Ecken und Kanten, weil ihnen zu früh alles abgenommen wird. Seine These: „Reißt man Jugendliche zu früh aus ihrem sozialen Umfeld, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit auf eine Profikarriere signifikant.“ Am Freitagabend bei Eintracht Frankfurt tritt nun beim FC Augsburg ein Spieler auf, der genau den Weg genommen hat, den sich der Niederbayer Haupt wünscht: Florian Niederlechner, Vorzeigefigur der bayrischen Schwaben.

Der 29-Jährige spielt die beste Saison seiner Karriere. Ohne seine elf Tore und neun Vorlagen – damit steht er auf Platz vier der Bundesliga-Torjägerliste – hätten die Augsburger akute Abstiegssorgen. Niederlechner trifft und trifft. Der von Martin Schmidt praktizierte Umschaltfußball passt perfekt zu seinen Eigenschaften. Lauf-, zweikampf- und abschlussstark. Der Vater eines sechs Monate alten Sohnes schwebt auf Wolke sieben.

Prototyp Spätstarter. Es ist schon lange her, dass er einfach mal den heutigen DFB-Trainer Manuel Baum in der Realschule in Markt Schwaben bei München ansprach. Baum, damals auch Nachwuchstrainer beim TSV 1860 München, absolvierte ein Praktikum als Lehramtsstudent. Der Pennäler Niederlechner wollte wissen, ob er nicht bei den Löwen unterkommen könne. Vier Jahre lang spielte er dann in der 1860-Jugend, wurde dann allerdings aussortiert.

Florian Niederlechner ist kein Kostverächter

Es begann ein Leben abseits der hochgezüchteten Internate, fernab jeglicher Bevormundung. Der kernige Bursche kickte in der Jugend für seinen Heimatverein TSV Ebersberg, machte eine Lehre als Industriekaufmann. Sein Mittagessen bestand aus Pizza oder Döner, und ein Weißbier schmeckte ihm genau so gut wie mehrere Latte Macchiato am Tag. Und wenn eine gute Party anstand, fehlte der junge Mann selbstredend nicht. Die Profikarriere? Ganz, ganz weit weg.

Trotzdem war er gut genug, um bald für den FC Ismaning in der Bayernliga auf Torejagd zu gehen. „Ich habe einmal gegen ihn gespielt“, erinnert sich Haupt, der selbst in dieser Spielklasse das Tor hütete. Der 36-Jährige weiß noch: „Er war damals schon ein extrem torgefährlicher Mittelstürmer und insbesondere körperlich sehr präsent.“

Niederlechner sollte deswegen bald wieder Baum begegnen. Der aktuelle U20-Nationaltrainer arbeitete als Co-Trainer bei der SpVgg Unterhaching, als Niederlechner ein Profiangebot erhielt. Der 20-Jährige schlug 2011 indes mit der Figur eines Freizeitkickers im Sportpark auf. Baum: „Flo war kein Kostverächter.“

Gescheitert unter dem jetzigen Trainer

Die nächste Station wurde der Zweitligist FC Heidenheim, wo sich Frank Schmidt an den nächsten Feinschliff machte. „Ich habe ihn manchmal etwas härter angepackt“, so der Kulttrainer. Niederlechner musste bei Fitness und Schnelligkeit zulegen. Aber selbstredend schoss er bald 15 Tore und landete schließlich 2015 beim FSV Mainz 05. Es gehört zum krummen Werdegang, dass ihm ausgerechnet unter seinem heutigen Trainer Schmidt der erste Anlauf misslang, in der Bundesliga Fuß zu fassen.

Also zog der Angreifer noch einmal weiter. Zum SC Freiburg, wo sich Christian Streich um den immer noch nicht ausgereiften Spieler kümmerte. „Der Fußballer, der ich jetzt bin, wurde ich zum größten Teil in Freiburg“, sagt Niederlechner. Ihm gelangen gleich 2016/2017 elf Treffer, dann stoppten ihn schwere Verletzungen. Sogar ein Bruch der Kniescheibe war dabei. Weil er danach oft nur auf der Bank saß, verbreitete er häufig schlechte Laune. Streich sagte über ihn: „Er hat auch einen bayerischen Dickschädel, der ihn manchmal vorwärts bringt, der ihm aber auch manchmal im Weg steht.“

Im Sommer 2019 wollte Niederlechner nur noch weg aus dem Breisgau. Augsburgs Manager Stefan Reuter, der den Angreifer schon ein Jahr vorher zum FCA lotsen wollte, machte ein Angebot, für 2,5 Millionen Euro durfte Niederlechner schließlich wechseln. Dort wartete zwar erneut Coach Martin Schmidt, aber im zweiten Anlauf passte es mit Schweizer, der seinen Schnäppchenstürmer gar nicht mehr missen will.

Für Niederlechner war der zweite Bildungsweg der bessere. Haupt sagt der FR: „Florian ist definitiv ein Paradebeispiel dafür, wie man es ohne Nachwuchsleistungszentrum in den Profibereich schaffen kann.“

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