Halbfinal-Aus bei den Bayern

Eintracht Frankfurts später Mut

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
    schließen

Erst deutet sich ein Debakel an. Doch dann berappelt sich Eintracht Frankfurt und kehrt geschlagen, aber erhobenen Hauptes aus München zurück.

  • Eintracht Frankfurt scheidet im Halbfinale des DFB-Pokals aus
  • Beim FC Bayern München agieren die Hessen zunächst zu zögerlich
  • Am Ende reicht es nicht für die Überraschung

Als der spektakuläre Coup dann knapp verpasst war und Eintracht Frankfurt hauchzart nicht ins Berliner DFB-Pokalfinale eingezogen ist, hat Adi Hütter schon ein wenig gehadert: „Sehr nah“ sei man „an der Sensation“ gewesen, haarscharf habe man es nicht geschafft, für eine der größten Überraschungen in der diesjährigen Pokalsaison zu sorgen. „Das tut weh“, sagte der Frankfurter Trainer nach der 1:2 (0:1)-Niederlage von Eintracht Frankfurt beim über die Maßen großen FC Bayern, „einer Klasse für sich“. Der ganz große Traum vom dritten Pokalfinaleinzug binnen vier Jahren ist den Hessen geplatzt, selbst wenn den ohnehin kaum einer seriös auf der Rechnung hatte. Dazu war die Hürde in München trotz eines sehr respektablen Abschneidens in einem im zweiten Abschnitt erstaunlich offenen, echten Pokalkampf viel zu hoch.

Eintracht Frankfurts Coach Adi Hütter hadert

Coach Hütter haderte insbesondere deswegen mit dem nicht ganz unerwarteten Ausscheiden, weil „mehr drin gewesen wäre“, denn in der Tat hatten die Hessen den Münchner Titelverteidiger eine dreiviertel Stunde „dominiert“, wie Torwart und Teamsprecher Kevin Trapp später sagte. Verteidiger Martin Hinteregger, der bei den beiden Toren der Bayern durch Ivan Perisic (14.) und Robert Lewandowski (74.) jeweils sehr unglücklich agierte, lag bei seiner Analyse der 90 Minuten nicht komplett daneben: „Wir gehen mit dem Gefühl, die Bayern an den Rand einer Niederlage bringen zu können.“

Aber eben nur an den Rand. Auch das ist im Grunde schon mehr als man hatte erwarten können. Insbesondere nach der ersten Halbzeit, in der die Hessen fast schon peinlich klar unterlegen waren, hat sich Eintracht Frankfurt in diesem eigentlich ungleichen Halbfinale gut aus der Affäre gezogen, hat sich so teuer wie möglich verkauft. Der Auftritt in der zweiten Hälfte war richtig stark, couragiert, da hatten die Frankfurter endlich ihr Herz in beide Hände genommen, tapfer Paroli geboten und den Bayern, wie Sportvorstand Fredi Bobic hinterher mit einigem Stolz sagte, „kaum Luft zum Atmen gegeben.“

Eintracht Frankfurt zeigt gegen FC Bayern zwei Gesichter

Erstaunlich waren die völlig unterschiedlichen Halbzeiten. „Wir haben zwei Gesichter gezeigt“, sagte Hütter. In den ersten 45 Minuten war die Eintracht, die mit dem Aufdruck „black lives matter“ auf der Trikotbrust ins Spiel gegangen war, ein einziger Spielball für die Bayern, allenfalls ein dankbarer Sparringspartner für eine Trainingseinheit. Obwohl Hütter erneut zur Viererabwehrkette gegriffen hatte – ein taktisches Konzept, das lange nicht mehr funktioniert hat – und den eigenen Strafraum vielbeinig verbarrikadieren wollte, hatten sich den Bayern eine Fülle an Möglichkeiten geboten. Selbst mit einem 0:3 oder 0:4 zur Pause statt eines 0:1 wären die Gäste noch gut bedient gewesen. Sie hatten schlicht Glück, dass die Bayern einen sehr fahrlässigen Umgang mit ihren Chancen pflegten. Die Eintracht ließ viel zu viel zu, agierte ängstlich, schüchtern, extrem fehlerhaft, brachte der Defensive keine Entlastung, wirkte wie das Kaninchen vor der Schlange. Das Spiel nach vorne war ein einziges Armutszeugnis. „Viel zu viel Respekt“ habe sein Team vor den Bajuwaren gehabt, vermutete Trapp. Das Beste war zu diesem Zeitpunkt noch das Ergebnis. „Wir haben das Spiel in der ersten Halbzeit verloren“, sagte Hütter, „das ist ärgerlich.“

Eintracht Frankfurt kehrt verwandelt aus der Kabine zurück

Doch dann kommt die Halbzeitpause, in der Trainer Hütter offenbar die richtigen Worte gefunden hat. Und auf einmal standen da keine elf geprügelten, verhuschten Hunde mehr auf dem Rasen, sondern Männer, die sich auflehnen gegen ein drohendes Debakel, die plötzlich Mut fanden und „alles raushauten“, wie Timothy Chandler später sagte. Und weil Eintracht Frankfurt mindestens einen Gang hochschaltete (und die Bayern einen herunter), entwickelte sich so etwas wie ein echter Pokalfight – und die Bayern zeigten Schwächen. „Unsauber“ habe man gespielt, „geschlaucht“ habe man sich gefühlt, sagte Thomas Müller, „summa summarum war es mit eines der pomadigsten Halbfinals, die ich in Erinnerung habe“. Und hätten die Hessen die Partie nach dem dann absolut verdienten Ausgleich (69.) durch den eingewechselten Danny da Costa (siehe Bericht Seite 19) nur ein wenig länger offen gehalten, womöglich hätte sie Wirklichkeit werden können, die Sensation, von der Adi Hütter gesprochen hatte. Doch Lewandowski zerstörte mit dem „kleinen Nackenschlag“ (Sebastian Rode) zum 2:1 nach (richtiger) Entscheidung durch den Videoassistenten - der Linienrichter hatte zunächst auf Abseits entschieden - alle hochfliegenden Träume.

Eintracht Frankfurt braucht Courage und Willen

Fest steht aber auch: Es liegt schon eine lange Weile zurück, dass eine Mannschaft den FC Bayern, zum 30. Mal seiner Vereinsgeschichte in einem Pokalfinale, derart in die Bredouille gebracht hatte wie das der Eintracht gelungen war. Immerhin hatte der Branchenführer 20 der letzten 21 Pflichtspiele gewonnen. „Die Jungs haben hinten viel weggearbeitet“, sagte Thomas Müller, und das war durchaus als Kompliment für die Frankfurter zu verstehen.

Dieses Duell hat aber auch eines wieder deutlich gemacht: Nur mit Courage und dem Willen, das Heft des Handels selbst in die Hand zu nehmen, kann Eintracht Frankfurt etwas erreichen, das Abwartende, Zögernde. Passive führt bei diesem Team nie zum Erfolg. „Ich habe es immer schon gesagt: Mit der nötigen Aggressivität, der Leidenschaft und Emotion sind wir sehr schwer zu bespielen“, sagte Kevin Trapp, der sich, wie viele andere auch, über die bemerkenswerte Inkonstanz wunderte. Die Schwankungen in den Leistungen seien schon sehr auffällig, am letzten Samstag etwa die schwache Vorstellung gegen Mainz (0:2), drei Tage später diese beachtliche Energieleistung. Zuweilen sind die Hessen eine arge Wundertüte. Was im übrigen auch für die gesamte Saison gilt, in der Meisterschaft sei man „nicht ganz zufrieden“, ansonsten schon, bilanzierte Hütter. Und Bobic empfand die Pokalsaison aus Frankfurter Sicht gar als „überragend, darauf können wir stolz sein“.

Die 45 Minuten von Fröttmaning sollten für die restlichen Spiele Mut und Zuversicht geben, findet Trapp. „Darauf könen wir aufbauen.“ Und ehrgeizig ist der Ballfänger trotz des Scheiterns wie eh und je. „Jetzt kommen Mannschaften auf Augenhöhe, unser Ziel muss sein, diese vier Spiele zu gewinnen“. Zu Beginn am Samstag, 15.30 Uhr, bei Hertha BSC.

Rubriklistenbild: © rtr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare