Fröhliche Hessen überall.
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Nach 4:1-Gala gegen Salzburg

„Das ganze Land ist stolz“ auf die Eintracht

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Eintracht Frankfurt freut sich über die hervorragende Leistung in der Europa League gegen den FC Salzburg, traut dem Braten aber nicht so ganz.

  • Eintracht Frankfurt mit Gala gegen Salzburg
  • SGE blüht in Europa auf
  • Nächstes Spiel gegen Union Berlin

Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel, leicht spöttisch grinste er, irgendwie hintergründig. „Ich“, hob Kevin Trapp, der Torwart von Eintracht Frankfurt, im Bauch der Frankfurter Arena an, „ich habe es selbst schon erlebt vor einiger Zeit, ich weiß, was passieren kann.“ Vor ziemlich genau drei Jahren geschah es, der 29-Jährige hielt damals noch die Bälle für Paris St. Germain, es war die Zeit der Könige, Barcelona, Camp Nou, eine magische Nacht für alle, die dabei waren, außer vielleicht für Kevin Trapp und seine Entourage, für sie war es eher das historischste Fiasko aller Zeiten nach der wahrscheinlich spektakulärsten Aufholjagd aller Zeiten.

Binnen weniger Schlussminuten wendete der FC Barcelona damals das Aus in der Champions League ab, das Aus, das besiegelt schien, zum einen durch die 0:4-Packung im Hinspiel in Frankreich, und zum anderen durch den Spielstand an diesem Abend, 3:1 für die Spanier, kurz vor Schluss, drei Tore fehlten noch zum Wunder von Camp Nou. Und dann? Dann kam Neymar in der 88. Minute, und Neymar in der 91., und schließlich Roberto in der 95. Minute – 6:1, drei Tore binnen sieben Minuten. Die einen im Himmel, die anderen in der Hölle. Kevin Trapp, der Torwächter, war am Ende, am Boden zerstört. Später sollte er einmal sagen: „Das war historisch und prägend.“

Eintracht Frankfurt mit einer Gala

Aber einmal reicht ihm. Geschichte möge sich bitte nicht wiederholen, und genau deshalb reiste er an diesem Donnerstagabend nach der 4:1-Gala seiner Eintracht im Europapokal gegen den FC Salzburg für ein paar Sekunden zurück in seinen vielleicht schlimmsten Alptraum, solch ein Erlebnis soll Warnung genug sein. „Wir sind noch nicht durch, es ist nicht vorbei“, sagte Trapp. Und vielleicht, orakelte er, sei der späte Gegentreffer per Strafstoß nicht so schlecht: „Jetzt müssen wir konzentrierter sein und nehmen es nicht so locker.“

Die Ausgangsposition der Eintracht in diesem Europa-League-Sechzehntelfinale könnte dennoch kaum besser sein, die Salzburger müssen am kommenden Donnerstag schon mit 3:0 oder vier Toren Unterschied obsiegen, um die Frankfurter noch am Einzug ins Achtelfinale zu hindern. Das wäre schon eine ziemliche Sensation. „Wenn wir uns das noch nehmen lassen, wären wir sehr, sehr doof“, befand Mittelfeldterrier Sebastian Rode.

Eintracht Frankfurt: Auswärts oft hasenfüßig unterwegs

Natürlich mahnten alle, Spieler, Trainer Funktionäre, pflichtgemäß vor der bevorstehenden Aufgabe in der Mozartstadt, und eine latente Gefahr lässt sich nicht leugnen. Jedes Spiel hat seine eigenen Regeln, seine eigene Dramaturgie und Dynamik, und dass die Champions-League-Absteiger aus Salzburg noch einmal derart harmlos und zahnlos auftreten, ist eher nicht zu erwarten, zumal sie zu Hause, sieht man von der jüngsten 2:3-Niederlage gegen den Linzer ASK mal ab, eine Macht sind. Und die Eintracht ihrerseits in der Fremde anfällig und eher hasenfüßig unterwegs ist, zumindest in der Bundesliga.

Doch Europa ist Europa, und da sind die Hessen einfach zu Hause, da blühen sie auf, da entsteht auf einmal ein besonderes Fluidum, eine prickelnde Atmosphäre, die die Mannschaft brillieren und über sich hinauswachsen lässt. „Ganz Deutschland ist stolz auf uns, wie wir in Europa auftreten“, jubilierte Sportdirektor Bruno Hübner und hat damit vielleicht nur ein wenig übertrieben.

„Die Europa League wird in Frankfurt gelebt“, sagte Trainer Adi Hütter. Auch am Donnerstag bebte und pulsierte die Arena im Stadtwald wieder, die Fans peitschten die Mannschaft unerbittlich nach vorne, die Wechselwirkung zwischen dem ungezügelten Treiben auf den Rängen und dem wilden Ritt auf dem Rasen ist nicht zu übersehen. „Die Mannschaft hat das Feuer entfacht“, betonte Hütter, „die Fans sind der zwölfte Mann. Da holen wir zehn Prozent mehr heraus.“ Die Salzburger waren von dieser Kulisse und dem angestachelten Eintracht-Team beeindruckt. „Ich hatte das Gefühl, dass die Mannschaft ein bisschen Angst hatte“, sagte der österreichische Verteidiger Maximilian Wöber. „Wir hatten zu großen Respekt.“

Den hatte sich die Eintracht erarbeitet, sie hat binnen weniger Tagen ihre schlechteste Darbietung mit null Schüssen aufs Dortmunder Tor vergessen machen lassen und sich zu ihrer „besten Saisonleistung“ (Hütter) aufgerafft, „wir haben ihnen vier Trümmer reingehauen, das hat vielleicht nicht jeder gedacht.“ Es wären sogar noch ein paar Trümmer mehr drin gewesen.

Eintracht Frankfurt mag Europa

Das hängt mit der Heimstärke und der Einstellung zu diesem Wettbewerb zusammen, da ist die Mannschaft wie ausgewechselt. „Wir waren bissig, aggressiv, griffig, eklig in den Zweikämpfen“, zählte der Coach auf. „Wir haben ihnen wehgetan, ihnen den Zahn gezogen.“ Die Partie war ein Paradebeispiel dafür, dass Fußballspiele nicht nur, aber zu einem nicht unbeträchtlichen Teil im Kopf gewonnen werden. In dem Maße, in dem eine Mannschaft immer stärker aufkommt und stetig wächst, zieht sich die andere zurück und verzwergt irgendwann. „Sie waren beeindruckt von der Atmosphäre und unserer Aggressivität und davon, dass wir so überfallartig gekommen sind“, sagte Stefan Ilsanker. „Wir sind in jeden Zweikampf gerauscht, als es wäre es unser letzter.“ Eine solche Energieleistung lässt sich natürlich nicht beliebig wiederholen.

Und es gehört mehr dazu, der richtige Matchplan und eine schlüssige Taktik etwa. Das Ziel war, die Österreicher mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen, „Stress auf den Gegner auszuüben“, bekundete Manager Hübner, „auch in deren Hälfte.“ Dieses ständige Pressing ist eigentlich ein Markenzeichen der RB-Schule, doch Hübner fragte sich in gespielter Verwunderung: „Wer spielt denn hier Stressfußball?“

Und Trainer Hütter hatte mal wieder den Mut, seine Mannschaft offensiv auszurichten und attackieren zu lassen. Er entschied sich auch dafür, endlich wieder mehr Fußballer aufzustellen. Die Hereinnahme des Strategen Makoto Hasebe und des Technikers Daichi Kamada erwies sich als goldrichtig. Im Kern sind Sebastian Rode und Makoto Hasebe die Spieler, die gesetzt sein müssten und nur in Ausnahmefälle pausieren dürften. Was zur Folge hätte, dass Djibril Sow oder Stefan Ilsanker (sofern er nicht hinten gebraucht wird, wo er ohnehin stärker ist) ihren Platz räumen müssten. Ob sich der Fußballlehrer dazu durchringen kann? Schließlich hält er große Stücke auf die beiden.

Eintracht Frankfurt: Nächstes Heimspiel schon am Montag

In jedem Fall muss Hütter seinem Team auswärts etwas an die Hand geben, eine andere, mutigere Herangehensweise eintrichtern. Das gilt zunächst einmal für das Rückspiel an der Salzach, zu dem die Eintracht mit breiter Brust anreisen und nicht nur versuchen sollte, den üppigen Vorsprung über die Zeit zu bringen. So etwas kann auch mal ins Auge gehen. Und auch in der Bundesliga muss das Ensemble die Angst im auswärtigen Hause ablegen.

Glücklicherweise tritt die Mannschaft am Montag noch einmal in ihrem Wohnzimmer an, dann kommt Aufsteiger Union Berlin nach Frankfurt. „Wir sind noch nicht konstant genug, alle vier Tage so eine Leistung zu bringen“, sagte Rode. „Daran müssen wir arbeiten.“ Der Adrenalinpegel dürfte dann aber nicht so hoch sein, ein Spannungsabfall ist nach einem solchen Highlight zu befürchten, zumal die Hardcorefans die Partie aus Protest gegen die Montagsspiele bestreiken werden. Vielleicht geht es ja auch mal ohne den Funken von den Rängen.

Von Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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