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Völlig losgelöst: Eintracht Frankfurt will auch in dieser Saison die Europa League wieder rocken – ein Anfang ist gemacht.

Eintracht Frankfurt

Ganz viele Willensbiester im SGE-Kader

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Bei Eintracht Frankfurt jagt ein Höhepunkt den nächsten: In der Europa League wartet mit Topklub FC Arsenal ein attraktiver Gegner.

Am Tag danach hat Adi Hütter seine ausgelaugten, aber noch immer selig grinsenden Eintracht-Spieler um die Mittagszeit in einer Loge des Stadions um sich versammelt. Es stand keine Nachlese des Spektakels vom Vorabend an, keine Videoanalyse des nächsten Gegners, sondern eine Auslosung im fernen Monaco, das sich fast die gesamte Eintracht-Entourage im Fernsehen ansah. Und als dann gleich der erste Gegner feststand, ging ein Raunen durch den Raum. Eintracht Frankfurt wird es in der Gruppe F der Europa League mit dem Vorjahresfinalisten FC Arsenal zu tun bekommen. Das ist ein absolutes Hammerlos. „Sie sind der Topfavorit“, urteilte Coach Hütter in einem ersten Statement.

Bemerkenswertes Fußballfest im Stadtwald

Die Eintracht hat es ohnehin gut getroffen, durchaus reizvolle Gegner und spannende Destinationen zu erkunden. Neben dem Londoner Renommierklub bekommen es die Frankfurter mit Standard Lüttich, zurzeit Tabellenführer in Belgien, sowie dem portugiesischen Vertreter Vitoria Guimaraes zu tun. Guimaraes hat bisher zwei Punkte aus zwei Partien geholt, die abgelaufene Runde schloss der Klub als Fünfter ab. Die Stoßrichtung für die am 19. September beginnende Gruppenphase ist klar, das Erreichen des Sechzehntelfinals ist das erklärte Ziel. „Wir rechnen uns gute Chancen aus“, sagte Hütter. Lüttich und Guimares sind Kontrahenten, die die Eintracht, Vorjahreshalbfinalist, eigentlich aus dem Weg räumen müsste.

Dass es der Traditionsklub vom Main überhaupt wieder auf das internationale Parkett geschafft hat, hat mit diesem bemerkenswerten Fußballfest am Donnerstag zu tun, als der französische Teilnehmer Racing Straßburg im entscheidenden Playoffspiel mit 3:0 in die Knie gezwungen und damit das Ticket für die Gruppenphase gelöst wurde. Es war, mal wieder, eine magische Nacht in Frankfurt, ein Abend voller Adrenalin, Emotionen und Tumulte – ausgelöst durch die Rote Karte gegen Ante Rebic kurz vor der Pause.

Gelungener Saisoneinsteiger

Was dann folgte, lässt sich gewiss durch aufwallendes Blut erklären, sollte aber im Fußball (und nicht nur da) nichts zu suchen haben. Beim Gang in die Kabine kam es in einer mächtig aufgeheizten und aggressiven Atmosphäre zu Gedränge und Geschubse, schlimmer noch, sogar die Fäuste sind geflogen. Sicherheitspersonal, Ordner und sogar die Polizei mussten einschreiten, um Schlimmeres zu verhindern. „Das war so ein bisschen Rumble in the Jungle in der Mixed Zone“, beschrieb Sportvorstand Fredi Bobic die Geschehnisse. Sportdirektor Bruno klagte Racing-Trainer Thierry Laures an. „Der hat zugeschlagen.“ Der Coach selbst gab an, geschubst worden zu sein. Manager Hübner wurde auf die Tribüne geschickt, Trainer Hütter sah die Gelbe Karte, und der völlig aufgewühlte Torwart Kevin Trapp ging auf die Straßburger los: „Ich weiß nicht, was die glauben, wer sie sind. Aber so wie sie sich in der Halbzeit aufgeführt haben, könnte man meinen, dass sie schon die Champions League gewonnen hatten.“

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Die hitzige Stimmung spielte den Frankfurtern aber letztlich in die Karten, sie wandelten den aufgestauten Zorn in unbändige Energie um – und griffen gegen die zum Zeitspiel und zur Schauspielerei neigenden Franzosen selbst zu nicht eben sauberen Kniffs. „Unser Trainer hat gesagt, wir sollen provozieren und sehen, was geht“, erzählte Dominik Kohr, Spitzname Hard-Kohr, der diesem Rat stilsicher folgte und seinen Gegenspieler Dimitri Lienard von hinten so rüde in die Parade fuhr, dass dieser ins Gesicht des Eintracht-Abräumers griff. Rote Karte, auch hier. Racing-Coach Laures war klar, dass es „eine Kompensation“ für die Rebic-Hinausstellung geben werde. „Wir sind auf sie reingefallen und ihnen auf den Leim gegangen.“ Das stimmt, einerseits. Ist andererseits aber nur die halbe Wahrheit.

Eintracht mit Rückenwind

Die Eintracht hat sich nämlich zu einer absoluten Topleistung in einem wahren Hexenkessel aufgerafft. „Wir haben viele Willensbiester“, sagte Trapp. In puncto Einstellung, Mentalität und Überzeugung war das eine nahezu unglaubliche Leistung, kein Spieler ist nur einen Zentimeter zurückgewichen, harte Zweikämpfe und kompromisslose Tacklings gab es im Überfluss, das waren weithin sichtbare Zeichen an den Gegner und die frenetischen Fans. Die Straßburger wurde, wie es im Fußballjargon oft heißt, förmlich aufgefressen. „Diese Leidenschaft und diese Wucht sind einzigartig in Europa“, sagte Vorstand Axel Hellmann. „Es ist dieser Spirit, der alle an ihre Leistungsgrenze führt.“ Dieses Erlebnis, „diese Darbietung, die ihresgleichen sucht“ (Hütter), werde der „Saisoneinsteiger“, wie Hellmann glaubt.

Die Eintracht geht nun mit gehörigem Rückenwind die letzte Partie vor der Bundesligapause an, am Sonntag kommt Fortuna Düsseldorf nach Frankfurt (18 Uhr). Natürlich ist Coach Hütter gefragt worden, wie er es nach diesem Glanzlicht schafft, seine Mannschaft in den Alltag zurückzuholen. „Wir wollen die positive Energie mitnehmen“, antwortete der 49-Jährige. Dazu müsse sein Team alle Kräfte mobilisieren und sich konzentrieren. „Denn 90 Prozent Fußball können wir uns nicht erlauben.“ Die Partie gegen die Rheinländer mit Ex-Trainer Friedhelm Funkel sei eine „ganz wichtige“, denn: „Mit einem Sieg können wir für einen perfekten Start in die Saison sorgen.“

Ähnlich spektakulär wie beim 7:1 im Vorjahr oder am Donnerstag dürfte es nicht werden. „Wir können nicht nur Powerfußball spielen“, sagte Hütter, stellte aber auch klar: „Unsere Grundsatzmentalität ist das Spiel nach vorne. Ich will Fußball sehen, der die Leute begeistert.“ Das zumindest hat Eintracht Frankfurt schon zu diesem frühen Zeitpunkt wieder geschafft.

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