Rigoros vom Ball getrennt: Timothy Chandler (Mitte) zieht hier gegen Suat Serdar den Kürzeren - wie die komplette Frankfurter Elf.
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Rigoros vom Ball getrennt: Timothy Chandler (Mitte) zieht hier gegen Suat Serdar den Kürzeren - wie die komplette Frankfurter Elf. 

„Hammerlos“ Salzburg in der Europa League

Eintracht Frankfurt im freien Fall

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Eintracht Frankfurt schmiert in der Liga auf bedenkliche Weise ab, muss sich nach unten orientieren und erwischt in Europa das „Hammerlos“ Salzburg.

Man kann nun nicht behaupten, dass sich Frédéric Oumar Kanouté, früher ein Mittelstürmer mit Gardemaß und von Format, als großer Glücksbringer für Eintracht Frankfurt entpuppt hätte. Am Montag um die Mittagszeit loste der heute 42-Jährige, einst ein unerbittlicher Knipser beim FC Sevilla und Tottenham Hotspurs, dem Frankfurter Bundesligisten in Nyon einen dicken Brocken für das Sechzehntelfinale der Europa League zu: Die Hessen bekommen es am 20. und 27. Februar mit dem österreichischen Serienmeister RB Salzburg zu tun, der international als FC Salzburg firmiert. Die Eintracht genießt zunächst Heimrecht, muss eine Woche später an der Salzach antreten.

Eintracht-Trainer Adi Hüter reist in die Vergangenheit

Pikanterie am Rande: Der aktuelle Eintracht-Trainer Adi Hütter reist somit in seine eigene Vergangenheit, der 49-Jährige war selbst schon Trainer in Salzburg, holte mit dem von Brauseunternehmer Dietrich Mateschitz gepamperten und hochgezüchteten Retortenklub das Double. Hütter wird der RB-Schule zugerechnet. Für den Österreicher ist das Duell gegen seine Landsleute und gegen den Ex-Verein natürlich etwas ganz Besonderes, für die Eintracht ist es in erster Linie eine sehr ambitionierte Aufgabe. „Auf der einen Seite freue ich mich auf das Wiedersehen mit Salzburg, auf der anderen Seite ist uns bewusst, dass wir ein schweres Los erwischt haben“, sagte Hütter. Salzburg habe in den vergangenen Jahren gerade international für Furore gesorgt. Für den Frankfurter Sportdirektor Bruno Hübner sind die Österreicher daher auch „ein Hammerlos“, und Eintracht-Stürmer Bas Dost rechnet denn auch mit „zwei geilen Spielen“.

Eintracht Frankfurt steckt in der Krise

Die beiden europäischen Auftritte in der K.o.-Runde liegen jedoch noch in ferner Zukunft, doch Europa wirkt in Frankfurt zurzeit ohnehin ganz weit weg, das liegt an der Gegenwart, die ist bleiern und mühselig und knüppelhart. Die Eintracht steckt in einer handfesten Krise und muss den Blick in der Bundesliga nach unten richten, nach der 0:1-Niederlage auf Schalke rangiert der Klub weiterhin auf Rang zwölf des Klassements, das ist unteres Mittelfeld, der Vorsprung auf Fortuna Düsseldorf auf dem Relegationsrang beträgt sechs Punkte. Das ist nicht die Welt. „Natürlich müssen wir auch nach unten schauen“, sagt Trainer Adi Hütter.

Es ist vor allen Dingen der Trend, der die Sorgenfalten der Verantwortlichen tiefer werden lässt. Von den zurückliegenden acht Pflichtpartien haben die Hessen nur eine gewonnen, dafür sechs verloren. Aus den vergangenen fünf Ligaspielen holten sie nur einen einzigen Zähler. Bei Eintracht Frankfurt schwebt der „Bayern-Fluch“ in der Luft. Die Situation ist verfahren und prekär, die Eintracht ist angeknockt und angeschlagen. Als Sinnbild geht der tapfere Mijat Gacinovic durch, der am Sonntag auf Schalke durch einen Kung-Fu-Tritt des Schalker Torwarts Alexander Nübel niedergestreckt wurde, benommen, blutend und mit zerfetztem Trikot ausgetauscht und im Krankenhaus behandelt werden musste. Es war die Aufregerszene des Spieltags und das vielleicht brutalste Foul in diesem Jahr.

Mijat Gacinovic  nimmt Nübel in Schutz

Der Serbe hatte Glück im Unglück, nach dieser rücksichtslosen Attacke mit gestrecktem Bein halbwegs unversehrt davongekommen zu sein. Anderntags postete der 24-Jährige ein Foto seiner durch Striemen gezeichneten Brust, nahm den Schalker Schlussmann aber in Schutz. „Leider passieren solche Zusammenstöße manchmal im Kampf um den Ball. Alexander Nübel, danke, dass du dich sofort entschuldigt hast. Das kann im Fußball vorkommen.“ Eine feine Geste, die von Sportsgeist und Größe zeugt. Er sei wohlauf. „Mir geht es trotz schwerer Rippenprellung gut.“

Auch Sündenbock Nübel hat sich mittlerweile bedauernd geäußert und öffentlich entschuldigt. „Ich habe es am Ende falsch eingeschätzt – das realisiere ich aber erst kurz vorher. Ich versuche noch abzustoppen, aber es war zu spät, da die Geschwindigkeit von ihm und mir zu hoch war. Es tut mir leid, weil ich ihn voll getroffen habe.“

Eintracht Frankfurt wirkt ausgelaugt

In der breiten Öffentlichkeit überlagerte diese spektakuläre Szene die ansonsten eher unspektakuläre Begegnung in Gelsenkirchen-Buer, doch im Lager der Eintracht ist die aktuelle Situation des abgestürzten Vereins das vorherrschende Thema. Die Mannschaft geht mittlerweile am Stock, sie ist nach 54 Pflichtspielen in diesem Jahr ausgepumpt, geistig und körperlich. „Wir waren müde“, räumt Djibril Sow unumwunden ein: „Ich merke es auch an mir selbst.“ Die vielen Niederlagen sind zusätzlicher Ballast, sie drücken aufs Gemüt und lassen die Beine schwerer werden. Im Sport, das ist unbenommen, spielt das Mentale, das Unterbewusste eine entscheidende Rolle: Wenn man im Flow ist, wenn alles locker fließt und leicht fällt, kann man einen gewissen Grad an Abgeschlagenheit übergehen und über sogenannte tote Punkte hinweggehen – der Umkehrschluss gilt ebenso: Im Misserfolg fällt alles doppelt so schwer. „Das Selbstvertrauen“, klagt Dauerläufer Sow, „ist nicht mehr da.“

Die Eintracht wird höllisch aufpassen müssen, nicht gänzlich abzuschmieren und noch weiter durchgereicht zu werden. Von einer Ergebniskrise kann schon lange keine Rede mehr sein, die Spiele laufen nach ähnlichem Muster, in elf von 15 Begegnungen ist die Eintracht in Rückstand geraten, auswärts ist sie die Ausgeburt an Harmlosigkeit, stellt sie die schlechteste Mannschaft der Liga. Erschreckend ist vor allem die Planbarkeit der Angriffe, das ganze Spiel scheint nivelliert, ohne Überraschungsmomente.

Die SGE ohne wirkliche Torchance

Auch die Umstellungen von Trainer Hütter verfingen nicht, auf Schalke erspielten sich die Frankfurter keine einzige hochkarätige Torchance, auch die fast halbstündige Überzahl verpuffte im Nichts, die Einfallslosigkeit und das Drucklose waren frappierend, sogar irritierend und verstörend. „Was ich nicht verstanden habe, das war die Phase, als Schalke in Unterzahl war, da hatten wir zu wenige Lösungen“, monierte Hütter. Der Fußballlehrer ist sich der schwierigen Situation bewusst, versucht sie aber einzuordnen und wirbt um Verständnis. „Das ist für unsere Ansprüche natürlich zu wenig, wir haben eine sehr unangenehme Phase“, sagte der Coach. „Die Erwartungshaltung wird größer und größer und größer, wir können mit ihr momentan nicht mithalten.“

Hütter zählte ein paar Parameter auf, die sein Team seiner Ansicht nach in die Bredouille brachten. Die Mannschaft habe im Sommer drei Topspieler verloren, sei nicht mit Selbstvertrauen gesegnet, hinzu kommen Rotsperren und Verletzte. „Und man darf nicht vergessen: Wir sind seit sind eineinhalb Jahr nur unterwegs.“ Eine Form der Erschöpfung sei da normal. „Zurzeit spielt uns vieles nicht in die Karten.“ Und er, Hütter, habe schon nach dem 5:1-Glanzstück gegen Bayern München gewarnt: „Immer schön die Kirche im Dorf lassen. Wir müssen schon aufpassen, dass wir wissen, wo wir herkommen.“ Für Hütter steht dennoch fest, dass wir uns „nach der Winterpause ganz anders präsentieren müssen“.

Bis dahin stehen noch zwei Spiele auf dem Programm, Mittwochabend (20.30 Uhr - Eintracht Frankfurt gegen Köln im Liveticker) zu Hause gegen den Vorletzten 1. FC Köln und am Sonntag beim Schlusslicht SC Paderborn. Von der Papierform geht es nicht mehr leichter, doch was ist für die Eintracht in ihrer Verfassung schon leicht? Gerade die Partie gegen Köln erachtet Hütter als eine von „sehr, sehr großer Bedeutung“, sein Team müsse da irgendwie einen „Sieg erzwingen, von mir aus auch einen ganz dreckigen“. Wird wohl nicht ganz so leicht.

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