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Martin Hinteregger reagiert nach seinem verschossenen Elfmeter.

Eintracht Frankfurt

Trotz furioser Partie: Endstation London

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Eintracht Frankfurt zeigt beim FC Chelsea eine furiose Partie, schnuppert am Finale in der Europa League und muss sich doch im Elfmeterschießen geschlagen geben

Was für ein Spektakel, welch Krimi, was für ein Drama. Eintracht Frankfurt hat am Donnerstagabend in einem schier unglaublichen Fußballspiel gegen den so hoch favorisierten FC Chelsea an der Stamford Bridge das Finale der Europa League um Haaresbreite verpasst. Im Elfmeterschießen unterlagen die Hessen dem FC Chelsea mit 3:4, die Londoner treffen im Finale auf den FC Arsenal.

Die Entscheidung folgte, irgendwie logisch nach diesem unbeschreiblichen Nervenspiel, vom Punkt um kurz vor Mitternacht deutscher Zeit. In der regulären Spielzeit hatte es 1:1 (1:0) gestanden. Für die Eintracht trafen vom Punkt Sebastien Haller, Lukas Jovic, Jonathan de Guzman. Martin Hinteregger und Goncalo Paciencia verschossen, da half es auch nicht, dass Kevin Trapp den Elfer von Cesar Azpilicueta parierte. Es war der Endpunkt eines denkwürdigen, unvergesslichen Abends an der Stamford Bridge.

Es war ein furioser Wildwestfight, ein heißer Kampf mit offenem Visier, ein mitreißenes, atemberaubendes Fußballspiel von höchster Intensität. Es war schier unglaublich, welch Mentalität und Behauptungswillen diese unbeugsame Mannschaft an den Tag legte, es war ein beispielhafter Auftritt, ein Paradebeispiel dafür, was mit Willen und Glauben möglich ist. Vor diesem Team kann man nur den Hut ziehen. Ihm gebührt der größte Respekt und höchste Achtung. Auch wenn es am Ende nicht reichte.

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Schon eine Stunde vor dem Anpfiff hatten die Frankfurter Fans das Kommando an der Stamford Bridge übernommen, als die Mannschaft zum Aufwärmen aufs Feld lief, brandete ohrenbetäubender Jubel auf. „Auswärtssieg, Auswärtssieg“, skandierten die gut 2500 Eintracht-Anhänger immer wieder. Trainer Adi Hütter nahm den Ball auf: „Wir können Frankfurter Geschichte schreiben.“ Und Sportvorstand Fredi Bobic flankierte: „Zusammen können wir das Wunder schaffen.“ Und sie arbeiteten mit Hingabe und Leidenschaft daran.

Cesar Azpilicueta von Chelsea jubelt beim Elfmeterschießen vor den Spielern von Eintracht Frankfurt.

Trainer Adi Hütter hatte seine Mannschaft in der gewohnten taktischen Formation antreten lassen, also mit einer Dreierabwehrkette und zwei Spitzen. Kleine Überraschung: Der laufstarke, aber spielschwache Gelson Fernandes musste weichen, für ihn rückte Makoto Hasebe ins Mittelfeld. Simon Falette übernahm die linke Abwehrseite. Der Coach hatte seine Lehren aus dem Debakel in Leverkusen gezogen und nicht mehr so ängstlich und defensiv agieren lassen. „Wir müssen mutig auftreten, es geht um den Glauben daran, dass wir das schaffen können. Wir müssen ein Tor schießen, deshalb habe ich die Variante mit zwei Spitzen gewählt.“ In der Theorie hörte sich das ganz schlüssig an, der einzige, aber unübersehbare Haken an der Sache: Die Engländer waren der Eintracht im ersten Abschnitt einfach überlegen, zeitweise sah das nach einem Klassenunterschied aus, bei den Platzherren lief das Bällchen wie am Schnürchen.

Die Eintracht wehrte sich mit allem, was sie hatte, aber sie kam zumeist einen Schritt zu spät, außer einem Volleyschuss von Danny da Costa nach 14 Minuten, den Torhüter Kepa Arrizabalaga zur Ecke lenkte, fanden die Gäste im Angriff so gut wie gar nicht statt. Das lag zum einen an der Dominanz der Londoner, aber auch an der fehlende Präzision und der generellen Haltung zum Spiel: Im Zweifel wurde der Ball zurückgepasst oder nach vorne geschlagen. Spielerisch war das zu dünn.

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Nach 28 Minuten gingen die Gastgeber verdient in Führung. Der fintenreiche Eden Hazard narrte den um Orientierung bemühten Frankfurter Kapitän David Abraham, passte auf Loftus-Cheek, der die Kugel zum 1:0 ins lange Eck schob (28.) – weshalb Martin Hinteregger in dieser Szene nicht eingriff und stattdessen die Mitte absicherte, muss man freilich auch nicht verstehen.

Eintracht Frankfurt kommt mit anderer Körpersprache aus der Kabine

Mit dem 0:1 zur Pause waren die Hessen noch gut bedient, doch Manager Bruno Hübner gab die kämpferische Losung aus: „Wir müssen weiter nach vorne spielen und daran glauben.“ Hörte sich zu diesem Zeitpunkt wie das berühmte Pfeifen im Walde an, doch seine Mannschaft hatte sich in der Halbzeit sehr wohl gesammelt und Trainer Adi Hütter die passenden Worte gefunden.

Die Eintracht kam mit einer anderen Körpersprache und einer anderen Überzeugung aus der Kabine. Es dauerte auch nicht lange, ehe sich das in Zählbarem niederschlug. Makoto Hasebe, sehr umsichtig im Mittelfeld, passte den Ball in die Spitze, Luka Jovic legte ab auf Mijat Gacinovic, der den Ball prompt in die Tiefe durchsteckte, und Jovic verwertete in bester Torjägermanier eiskalt, sein zehnter Treffer im laufenden Wettbewerb. Ein klasse Angriff. 1:1 nach 49 Minuten. Alles wieder offen.

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Die Frankfurter blieben am Drücker, jagten den Kontrahenten aus England nun, der zwar im Gegenzug durch Giroud fast geantwortet hätte, aber die Eintracht ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie ging mit einem anderen Selbstverständnis an die Sache heran, nahm den Kampf an und präsentierte sich so, wie man sich in einem K.o.-Spiel zeigen muss: furchtlos, aggressiv und mutig. Da stand auf einmal wieder die alte Eintracht-Mannschaft mit all ihren Primärtugenden auf dem Platz, die in dieser Spielzeit so lange für Furore gesorgt hatte. Die Stoßrichtung hatte ja Verteidiger Hinteregger vorgegeben: „Für viele von uns ist es das Spiel ihres Lebens.“ Und so traten die Mannen in den weißen Hemden dann auch auf. Die kollektive Aufopferung ging so weit, dass Vorkämpfer Sebastian Rode sich bei einem Pressschlag das rechte Knie übel verdrehte und ausgetauscht werden musste (70.). Die Engländer waren beeindruckt von dieser fußballerischen Auferstehung der Frankfurter, sie schienen dieser Verwandlung einigermaßen fassungslos gegenüberzustehen.

Es entwickelte sich ein offener Schlagabtausch, in dem keiner der Kontrahenten einen Zentimeter zurückwich. Es war ein Ritt auf des Messers Schneide, der auch nach 95 Minuten kein Ende gefunden hatte. Verlängerung. In der hatte der eingewechselte Sebastien Haller dann tatsächlich zwei Riesenchancen, doch einmal rettete David Luiz (100.) und ein anderes Mal Davide Zappacosta auf der Linie (105.). Und am Ende mussten die Schüsse aus elf Metern entscheiden.

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