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Axel Hellmann sieht eine erneute Teilnahme am internationalen Geschäft keineswegs als selbstverständlich an.

Hellmann warnt

Nur nicht den Kopf verdrehen lassen

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Eintracht-Vorstand Hellmann spricht mahnende Worte: „Wir müssen mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben.“

Während der Fußballprofi Timothy Chandler, ein cooler Frankfurter Junge, locker daherplaudert und für die kommenden Jahre immer wieder mal europäische Festspiele in Aussicht stellt, weil sich der gesamte Klub halt in diese Richtung entwickelt habe, hat bei Eintracht Frankfurt auf administrativer Ebene die große Zurückhaltung eingesetzt. Das latente Schielen zu den Champions-League-Rängen, die forsch formulierten und deutlich gestiegenen Ansprüche, all das ist den Verantwortlichen ein Dorn im Auge. „Wir müssen aufpassen, dass sich die Dinge nicht verselbständigen und am Ende alles andere als ein internationaler Platz als eine Enttäuschung wahrgenommen wird“, mahnt Vorstand Axel Hellmann.

Obwohl der Klub einen Rekordumsatz von 160 Millionen Euro zu verzeichnen hat (ohne Transfererlöse), obwohl er 55 Millionen Euro in das kickende Personal stecken kann und in der kommenden Saison sicherlich die 60-Millionen-Grenze überschreiten wird, liege die Eintracht wirtschaftlich noch immer klar hinter den Topklubs. „Wir haben in den letzten Jahren überperformt und uns über dem Markt entwickelt“, befindet der 47-Jährige und wundert sich schon ein wenig darüber, dass er bei dem einen oder anderen „leichte Enttäuschung“ darüber wahrgenommen habe, dass man in Bremen nur 2:2 gespielt und nicht gewonnen habe. „Wir sollten da mit ein bisschen mehr Augenmaß rangehen und die Kirche im Dorf lassen.“ 

Hellmanns Appell, klar und deutlich: „Wenn wir in der Rückrunde Erfolg haben wollen, dann müssen wir mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben.“ 

Ein kleiner Warnschuss und prophylaktischer Wachrüttler, womöglich auch für die Mannschaft, die in den ersten beiden Rückrundenspielen zwar vier Punkte einfuhr, aber nicht überzeugen konnte. Vielleicht treibt den Vorstand auch die Sorge um, dass der große Hype und die vielen Schulterklopfer so ein bisschen den Blick für das Wesentliche verstellen. Zufall kann es jedenfalls kaum sein, dass erst Vereinspräsident Peter Fischer wieder mehr Realismus anmahnt und dann Vorstand Hellmann nachlegt. Am Samstag in Bremen hatte auch Trainer Adi Hütter durchblicken lassen, dass ihn die sprunghaft gestiegene Erwartungshaltung ein wenig irritiere. 

Keine tanzenden Bären 

Offenbar sollen die Sinne geschärft und jedem verdeutlicht werden, dass die zweite Saisonhälfte gewiss kein Selbstläufer wird und man nichts als selbstverständlich begreifen soll. Zumal es das anstehende Programm in sich hat: Dortmund, Leipzig, Donezk, Gladbach, Donezk. Da kann man Ambitionen untermauern – oder Boden verlieren.

Für Hellmann sind gerade die beiden Partien im Sechzehntelfinale der Europa League gegen Schachtjor Donezk von großer Bedeutung. „Europa ist im Blut und der DNA von Eintracht Frankfurt“, weshalb die internationalen Auftritte „hier jeden berühren“, wie der Vorstand befindet. Auch die Funktionäre bringen dem Wettbewerb den größtmöglichen Respekt gegenüber. „Wir zelebrieren das so stilvoll es geht“, in dem festen Glauben, dass diese Haltung auf den gesamten Verein und auch die Mannschaft abfärbe. Die Reise soll jedenfalls noch weitergehen. „Wir haben Hunger auf mehr, wir hoffen, dass Donezk nicht die Endstation sein wird.“ 

Hellmann sieht eine erneute Teilnahme am internationalen Geschäft keineswegs als selbstverständlich an. Die Voraussetzungen seien schwierig, weil das Gefälle in der Bundesliga größer wird. Borussia Dortmund, am Samstag zu Gast in Frankfurt, habe in diesem Jahr eine gute Chance, den Titel zu holen. „Aber das wird die Ausnahme bleiben“, unkt der 47-Jährige. „Danach wird wieder achtmal Bayern Meister.“ Alle anderen Klubs könnten die Meisterschale ohnehin nur mit „dem Fernglas“ betrachten. Der Jurist prangert die Ungleichheit an. „Wir müssen uns etwas einfallen lassen, damit der Wettbewerb wieder offener wird.“ Er weiß auch, was: „Das geht nur über eine andere Verteilung des Fernsehgeldes.“ 

Hellmann kämpft schon lange für einen anderen Schlüssel, ist mit dem Team Marktwert, einem Verbund von Bundesligisten wie der Eintracht, Werder Bremen, Hertha BSC oder dem VfB Stuttgart, aber vor zweieinhalb Jahren abgeblitzt. Mittlerweile, glaubt Hellmann, seien jedoch noch deutlich mehr Profiklubs für eine andere Verteilung des TV-Geldes. 

Bis dahin wird sich die Eintracht aus den eigenen Reihen behelfen müssen. Die Vermarktungsituation sei sehr gut, „es brummt“, befindet Hellmann. Und mit der ab Sommer einsetzenden Eigenvermarktung werde der Klub noch mehr erlösen können. Doch man werde sich nicht gänzlich dem Kommerz verschreiben, „wir werden keine tanzende Bären mit Werbeaufdruck übers Feld jagen“. Die Eintracht müsse aufpassen, „ihre Besonderheit und Eigenart“ nicht zu verlieren. „Bei dem ganzen Hype muss man genau hinschauen, wo Grenzen überschritten werden.“ Für den Marketingchef steht fest: „Wachstum zu schaffen und die kulturelle Identität zu bewahren – das wird die größte Herausforderung in den kommenden Jahren.“

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