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Die Eintracht darf nach dem 2:1 gegen Schalke weiter von der Champions League träumen.

Eintracht Frankfurt

Eintracht-Happy-End nach 99 Minuten

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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In einer dramatischen Schlussphase schießt Luka Jovic die Frankfurter auf Schalke zum 2:1-Sieg und lässt die Hessen weiter von der Champions League träumen´.  

Am Ende war es der alte Hase, der die Weichen doch noch auf Sieg stellte. In der Nachspielzeit, zwei Minuten waren schon rum, konnte es Makoto Hasebe nicht schnell genug gehen. Mit fuchtelnden Armen verlangte er nach dem Ball, noch in der eigenen Hälfte, um den Freistoß rasch auszuführen. Das 1:1 auf Schalke war dem Eintracht-Routinier nicht genug, das war nicht zu übersehen, da wollte einer den Sieg, und zwar mit aller Macht.

Noch einmal zwei Minuten später war es wieder der 35-Jährige, der mit weit ausgebreiteten Armen auf Schiedsrichter Sascha Stegemann zustürmte und vehement auf ihn einwirkte. „Ich habe es genau gesehen, es war klar Hand“, bekundete der Frankfurter Spieler. Nach einem letzten, verzweifelten Versuch von Filip Kostic war die Kugel dem Schalker Daniel Caligiuri an den ausgefahrenen Arm gesprungen, im Strafraum, doch der Unparteiische ließ weiterspielen, ein paar Sekunden noch, dann würde er abpfeifen. Doch dann nahm das Drama seinen Lauf. Der Referee entschied sich nach Intervention aus dem Kölner Keller dazu, sich die strittige Szene auf dem Bildschirm anzusehen. Nach 96 Minuten zeigte Stegemann tatsächlich auf den Punkt, nach 99 (!) Minuten hatte Stürmer Luka Jovic die Eintracht per Strafstoß zum 2:1-Sieg geschossen. Eiskalt, gnadenlos, unbarmherzig. Es folgten die üblichen Bilder, die einen, die aus Frankfurt, konnten ihr Glück kaum fassen und bildeten eine riesige Jubeltraube. Die anderen, die aus Gelsenkirchen, konnte so viel Unbill nicht ertragen, sie rotteten sich zusammen und gingen in geballter Mannschaftsstärke auf den Schiedsrichter los. Minutenlang. Fußball in Reinkultur, ein Festival der Emotionen. „So einen Sieg“, sagte Eintracht-Trainer Adi Hütter, als er die Contenance wiedergefunden hatte, „habe ich auch noch nie erlebt.“

Es war aus Sicht der Eintracht ein geschichtsträchtiger Nachmittag, einen späteren Strafstoß hat es in der Historie der Bundesliga noch nie gegeben, zudem haben die Frankfurter erneut zwei eigene Bestmarken pulverisiert: Seit Einführung der Bundesliga 1963 hat die Eintracht nach 28 Spieltagen noch nie 52 Punkte auf dem Konto gehabt - und sechs Siege in Serie gelangen ihr ebenfalls noch nie. „Es ist toll, dass wir wieder Geschichte geschrieben haben“, sagte Kapitän David Abraham.

Die Turbulenzen in der Nachspielzeit beschäftigten gerade die geschlagenen Schalker natürlich. „Man sieht, dass ich noch einen kleinen Schubser von hinten kriege. Meiner Meinung nach geht der Ball erst an die Schulter und dann an den Arm. Dann ist es kein Handspiel", sagte Caligiuri. Der Frankfurter Kapitän Abraham schob seinen Widerpart tatsächlich zur Seite, nachdem es vorher zu einem Gerangel kam. Strittig allemal. Referee Stegemann stand schon vorher einmal im Blickpunkt, nach 31 Minuten, als Eintracht-Stürmer Ante Rebic im Strafraum zu Boden ging, getroffen von Jeffrey Bruma, der ihn oben mit dem Arm hielt und unten auch noch in die Hacken trat. Stegemann ließ weiterlaufen, doch der Videoassistent schritt erstmals ein, doch der Schiedsrichter blieb, obwohl er sich die Szene in der Review-Area ansah, bei seiner Entscheidung. Sehr seltsam. Sehr viel klarere Elfer gibt es nicht.

Zu diesem Zeitpunkt stand es 1:1, die Eintracht hatte gleich zu Beginn das Heft des Handelns in die Hand genommen, Luka Jovic hätte schon früh auf 1:0 stellen können, doch der formidable Schalker Torhüter Alexander Nübel parierte glänzend. Chancenlos war er nach 13 Minuten, als Ante Rebic einen Pass von Kostic aufnahm, den Ball in höchstem Tempo mit der Sohle an Nübel vorbeistreichelte und zur Führung einschoss. Die war mehr als verdient.

Doch die Schalker wurschtelten sich irgendwie ins Spiel zurück, sie spielten sehr körperbetont und manchmal auch überhart, und sie schlugen zurück. Suat Serdar überwand Eintracht-Keeper Kevin Trapp im Nachschuss (21.). Das brachte die Gäste aus dem Konzept.

Die Hessen spielten lange nicht mehr so klar, „wir haben uns dem Schalker Spiel angepasst“, monierte Adi Hütter. „Das hat mir überhaupt nicht gefallen.“ Und das Schalker Spiel ist nun mal sehr unrund und körperlich und irgendwie unkonventionell. Die Eintracht hatte darauf in der Folge nur noch wenig Antworten, „da war wenig Zusammenhängendes“, kritisierte der Coach völlig zu Recht. Es ist natürlich auch eine Frage der Qualität, Akteure wie Jetro Willems oder Jonathan de Guzman können einen „Schlüsselspieler“ (Hütter) wie Sebastian Rode nicht ersetzen. Ob Rode und auch Sebastien Haller oder Mijat Gacinovic am Donnerstag in der Europa League in Lissabon zum Einsatz kommen können, ist noch unklar. „Hoffnung habe ich immer“, sagte Hütter. Ohnehin wird die Liste der Verletzten immer länger, „da müssen wir aufpassen“, sagte Makoto Hasebe. Auf Schalke erwischte es auch noch Martin Hinteregger, der nach einem überharten und sinnfreien Einsteigen von Breel Embolo mit „Schwindelanfällen“ (Hütter) nach 38 Minuten vom Platz musste.

Der späte Sieg war zwar glücklich, wie Hütter anmerkte, aber nicht unverdient. Die Eintracht war die klar bessere Mannschaft - obwohl sie gewiss keinen guten Tag erwischt hatte. Solche Spiele dennoch zu gewinnen, zeugt auch von Qualität. Genauso wie die Ausführung des Strafstoßes von Luka Jovic, der den Ball nach minutenlangen Diskussionen brachial unter die Latte drosch. Nerven kennt er nicht, der erst 21-Jährige. „Die Art und Weise, wie er ihn reingemacht hat, war beeindruckend“, sagte Hütter. Und das obwohl der Serbe kein gutes Spiel gemacht hatte. „Aber er ist halt ein Goalgetter“, befand Hütter, der zudem aufklärte, dass dieser Schuss definitiv der letzte war. „Es hätte keinen Nachschuss mehr gegeben.“

Durch das 15. Spiel ohne Niederlage hat die Eintracht Platz vier gefestigt und „Druck auf Borussia Mönchengladbach aufgebaut“, wie Hütter sagte. Die Elf vom Niederrhein muss am Sonntag gegen Werder Bremen ran. „Unser Traum von der Champions League lebt“, schloss Hütter den turbulenten und denkwürdigen Nachmittag ab. 

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