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Glücklich, wieder in Deutschland dem Ball hinterherzujagen: Erik Durm.

Interview

Erik Durm: Einbrecher erkannten Weltmeistermedaille nicht

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Eintracht-Neuzugang Erik Durm über seine Rolle als Backup, sein lehrreiches Jahr in England und Einbrecher, die die Weltmeistermedaille von 2014 einfach liegengelassen haben.

Frankfurt - Erik Durm steht ungern im Mittelpunkt, das ist nicht sein Ding. Der 27-Jährige ist kein Lautsprecher, eher das Gegenteil, und bevorzugt es, private Dinge auch privat zu belassen. Er wurde in Pirmasens geboren, wechselte in der Jugend vom 1. FC Saarbrücken zum FSV Mainz 05, für den er später in der zweiten Mannschaft unter Trainer Martin Schmidt (heute Chefcoach beim FC Augsburg) kickte. 2012 schloss sich Durm der Borussia aus Dortmund an, bei der er schneller als gedacht seinen Durchbruch schaffte.

Eintracht Frankfurt: Durm von Klopp umfunktioniert

Jürgen Klopp funktionierte den jungen Mann 2013 kurzerhand vom Stürmer zum Außenverteidiger um, was ihn einen Sommer später in den Weltmeisterkader von Bundestrainer Joachim Löw brachte. 2017 gewann Durm zudem mit dem BVB den DFB-Pokal – ausgerechnet gegen den seinen heutigen Klub aus Frankfurt, der ihn vor dieser Saison ablösefrei vom Premier-League-Absteiger Huddersfield Town an den Main lotste.

Herr Durm, am vergangenen Donnerstag haben Sie in der Schlussphase gegen Tallinn Ihr erstes Pflichtspiel für Eintracht Frankfurt absolviert. Wie hat sich das angefühlt?
Wir sind weiter, das war das primäre Ziel. Die Stimmung war sehr gut, die Fans haben es super gemacht. Ein perfekter Abend.

Wie ist Ihr Leistungsstand?
Am Anfang war es schon eine Umstellung von Huddersfield nach Frankfurt, das hat mein Körper schon gespürt. In England haben wir zwar auch ein laufintensives Spiel betrieben, dort aber deutlich defensiver. Unter Adi Hütter gehen wir bei der Eintracht dagegen ständig ins Gegenpressing. Immer sprinten, sprinten, sprinten. Ich kann zwar lange und viel laufen, aber das hat direkt nach der Sommerpause schon wehgetan. Mittlerweile spüre ich, dass die Spritzigkeit zurückkommt.

Ist denn der Trainingsaufbau in England grundsätzlich einen anderer als in Deutschland?
Das war sehr ähnlich, wir hatten mit David Wagner in Huddersfield aber einen deutschen Trainer. Ein kleiner Unterschied war vielleicht, dass die Athletiktrainer noch einen Tick mehr auf das Körperliche geachtet haben, weil die Physis in England extrem wichtig ist.

Können Sie das genauer erklären?
Mo Salah vom FC Liverpool zum Beispiel, der im Fernsehen gar nicht so kräftig rüberkommt, ist eine echte Maschine. Er hat seinen Körperschwerpunkt weit unten, zudem ist der Oberkörper sehr ausgeprägt, das ist dann schon schwer gegen solch einen Mann zu spielen. In jeder Mannschaft sind eigentlich zwei, drei Klötzer drin, die 90 Minuten marschieren, in die Zweikämpfe mit dem ganzen Körper reingehen. Und dann wird das eben auch von den Schiedsrichtern laufen gelassen. Das unterscheidet die Bundesliga und die Premier League sicher am meisten. Wenn du weißt, dass wenig abgepfiffen wird, haust du dich voll in die Zweikämpfe rein. Das macht Laune.

Hätten Sie auch in England weiter Fußball spielen können oder wollten Sie unbedingt zurück nach Deutschland?
Ich wollte definitiv zurück und hatte das dem Verein gegenüber früh kommuniziert. Mal abgesehen vom Abstieg, der natürlich sehr negativ war, habe ich aber viel gespielt und stufe England deshalb als tolle Erfahrung ein. Aber ich muss auch ehrlich sagen, dass es dort nicht so mein Leben war. Ich habe Deutschland vermisst, meine Freunde, meine Familie, sich einfach mal ins Auto zu setzen und nach Hause zu fahren, in der Muttersprache kommunizieren zu können. Das sind Gründe, weshalb ich zurück wollte.

Eintracht Frankfurt: Durm nimmt seine Rolle an

Nun haben bei der Eintracht ihre Konkurrenten auf der Außenbahn, links Filip Kostic und rechts Danny da Costa, starke Leistungen in der vergangenen Saison gezeigt. Sie gelten deshalb als deren Backup, als Ergänzungsspieler. Stört Sie das?
Es wäre vermessen, von einem Absteiger zu kommen und dann beim neuen Klub sofort irgendwelche Parolen rauszuhauen. Das ist nicht meine Art, das bin ich nicht. Ich kenne Danny ja gut von früher aus den U-Nationalteams und habe natürlich auch die starke Saison von Filip wahrgenommen. Ich nehme meine Rolle an und werde im Training richtig Gas geben, um möglichst viel zu spielen und meiner Mannschaft zu helfen. Das macht nun mal ein echtes Team aus.

Nehmen Sie überhaupt wahr, was über Sie geschrieben wird?
Ich habe es mir ein bisschen abgewöhnt, Sachen über mich selbst zu lesen. Geschrieben wird immer, positiv wie negativ. Manchmal bekommt man sicher von Bekannten auch mal etwas zugeschickt. Aber am Ende zählt die Leistung auf dem Platz. Dort möchte ich mit mir im Reinen sein, nur das zählt.

Die diesjährige Vorbereitung ist ungewöhnlich, wegen der Europacup-Spiele und der Trainingslager ist die Mannschaft ja schon zu einem frühen Zeitpunkt der Saison sehr viel unterwegs. Ist das ein Problem?
Nein, nein. Wir Profis kennen das mittlerweile gar nicht mehr anders. Auch damals in Dortmund hatten wir alle drei Tage ein Spiel und haben daher ständig in anderen Hotels übernachtet. Das ist in unserem Beruf normal und macht ja auch Spaß. Vor allem, wenn uns zu den Auswärtsspielen – wie bei der Eintracht – so viele Fans begleiten. Wir haben wohl alle irgendwann mal davon geträumt, europäisch zu spielen, deshalb in andere Länder zu reisen und andere Stadien zu sehen. Das macht es doch aus.

Druck machen, den Konkurrenzkampf anheizen: Erik Durm weiß genau, was seine Aufgabe in Frankfurt ist

Aber um auch privat anzukommen in Frankfurt, ist die Zeit doch recht knapp, oder?
Ich fühle mich allein schon deswegen heimisch, weil der Dialekt meinem ähnelt. Ich spreche zwar nicht hessisch, aber pfälzisch ist ja nicht so ganz weit davon weg. Außerdem habe ich früher eine Zeit lang in Mainz gewohnt und kenne die Region natürlich. Ich werde mich schon schnell zurechtfinden.

Wenn der Name Erik Durm fällt, verbinden viele damit den Mann, der zwar offiziell Weltmeister ist, aber dafür doch eigentlich gar nichts getan hat. Sie saßen das ganze Turnier nur auf der Bank. Welche Erinnerungen kommen bei Ihnen auf, wenn Sie an 2014 zurückdenken?
Den Moment werde ich nie vergessen, das war der schönste meiner Karriere – egal, ob ich gespielt habe oder nicht. Ich habe die komplette Zeit mitgemacht, mich als Teil der Mannschaft gefühlt, im Training immer alles gegeben. Was andere darüber sagen, ob ich in deren Augen ein Weltmeister bin oder nicht, ist mir eigentlich völlig wurscht. Es war das größte Karrierehighlight, das man haben kann. Für mich, meine Freunde und Familie war es ein ganz besonderer Moment.

Eintracht Frankfurt: WM-Medaille liegt im Bankschließfach

Wo heben Sie denn Ihre Medaille vom Titelgewinn auf? In einer großen Vitrine?
Im Bankschließfach. (lacht) Ich hatte sie nur anfangs daheim, weil ich mir nicht so viel Gedanken deshalb gemacht habe. Dann wurde aber leider bei uns eingebrochen und die Medaille auch gefunden. Doch sie haben wohl nicht erkannt, was sie da vor sich hatten und haben die Medaille einfach auf dem Tisch liegengelassen. Da hatte ich noch mal Schwein, seitdem liegt sie sicher verwahrt in einem Bankschließfach.

Ist eine Rückkehr ins DFB-Team überhaupt noch irgendein Thema für Sie?
Nein, das ist gar kein Thema, daran verschwende ich keine Gedanken. Ich war in den vergangenen Jahren oft verletzt, hatte einige langwierige Sachen, und konnte erst in der vergangenen Saison wieder häufiger spielen. Jetzt muss ich mich erst einmal auf mich konzentrieren und hoffen, dass ich gesund bleibe.

Was ist Ihr persönliches Ziel für die Premierensaison bei der Eintracht?
Ich möchte natürlich der Mannschaft helfen, damit wir so weit wie möglich im Europacup kommen und auch in der Bundesliga eine gute Rolle spielen. Dabei kann uns zugutekommen, dass wir schon jetzt so viele Pflichtspiele haben. Das ist für uns Spieler einfacher vom Fokus her als eine Freundschaftspartie. Das ist noch mal ein anderes Level, ein anderes Empfinden, ein anderes Schlafen in der Nacht vorher, ein bisschen mehr Nervosität. Das hilft hoffentlich für einen gelungenen Saisonstart.

Interview: Daniel Schmitt

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