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Djibril Sow: Der Moderator

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Von: Thomas Kilchenstein

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Das macht er doch mit links: Djibril Sow bei seinem Treffer zum 1:0 gegen die TSG Hoffenheim.
Das macht er doch mit links: Djibril Sow bei seinem Treffer zum 1:0 gegen die TSG Hoffenheim. © dpa

Zuweilen muss der Dauerläufer im Eintracht-Mittelfeld Djibril Sow das eigene Team mit ungewöhnlichen Methoden aufwecken.

Frankfurt - Zählte man alle Kilometer zusammen, die Djibril Sow in dieser Bundesliga-Saison gelaufen ist, käme man bis nach Saarbrücken. Oder, um in der Bundesliga zu bleiben, nach Leverkusen, Luftlinie versteht sich. Gute 155 Kilometer hat der Schweizer Dauerläufer in seinen 15 Einsätzen in der Liga bislang abgespult, die allermeisten über 90 Minuten, und wenn ihm Oliver Glasner, sein Trainer, nicht ab und an, gegen Union Berlin zum Beispiel, eine Verschnaufpause gegönnt hätte, der Mann würde zu Fuß noch weiter Boden gut machen. „Laufen liegt mir, das habe ich in den Genen“, hat er einmal gesagt.

Und dazu bekommt der Mittelfeldspieler bei Eintracht Frankfurt genügend Gelegenheit, in allen 24 Pflichtspielen war er dabei, Supercup, Pokal, Champions League, Liga - nahezu immer in der ersten Elf, 1980 Minuten stand er auf dem Rasen, von 2160 möglichen. Und dazu kommen zwei weitere Auftritte mit der Schweizer Nationalelf in der Nations League gegen Spanien und Tschechien, im WM-Kader steht er ohnehin.

Sow lässt selten Wünsche offen

Sow lässt bei aller Belastung in puncto Fleiß und Einsatzwillen selten Wünsche offen. „Wenn Djibril Sow, der mit Abstand die meisten Minuten gespielt hat, unser aggressivster Spieler auf dem Platz ist, dann machen viele andere etwas falsch“, lobte Coach Glasner extra den 25-Jährigen, um den anderen den Marsch zu blasen. Er tat das nach einem 0:1 gegen den VfL Wolfsburg.

Man muss sagen: Sow ist an den Aufgaben in Frankfurt gewachsen, er ist ein anderer Spieler als noch zu seiner Anfangszeit, als er sich nicht so richtig traute und aus Angst vor Fehlern lieber quer oder zurück spielte. Da tauchte er oft ab, war eher ein Mitläufer. Und auch heute, das gehört ebenfalls zur Wahrheit, versteckt er sich noch ab und an, wenn es hart auf hart geht. Wenn es fürs gesamte Team nicht gut läuft, läuft es für Djibril Sow zumeist auch nicht gut. Auch in dieser Halbserie hat sich der Vater der kleinen Maliya zuweilen weggeduckt statt den Stier bei den Hörnern zu packen.

Das liegt beim Eidgenossen ein bisschen in der Natur. Der in Zürich geborene Sohn einer Schweizerin und eines senegalesischen Vaters ist ein kleines Sensibelchen, ein kluger Kopf, der nachdenkt, zuweilen grübelt und sich auch mal runterziehen lässt. Am liebsten hat er es, wenn er die Last der Verantwortung nicht alleine schultern muss, ob in der Schweizer Nati, wo er lange hinter Granit Xhaka spielte, oder jetzt in Frankfurt, wo Daichi Kamada und Mario Götze stärker im Mittelpunkt stehen.

Eintracht-Zeugnis

Europa-League-Triumphator , Champions-League-Achtelfinalist, Tabellenvierter in der Bundesliga mit so vielen Punkten nach 15 Spieltagen wie seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr – Eintracht Frankfurt blickt auf ein außergewöhnliches, ja historisches Jahr zurück, das beste und schönste seit einer ganzen Ewigkeit. Grund genug, die Mannschaft zu würdigen, die ein Zwischenzeugnis mit der Note eins erspielt hat.

Das große Klassenbuch der Eintracht, dieses Mal in Serienform und loser Folge. Spieler für Spieler im Einzelportrait – vom Musterschüler bis hin zu jenen mit einem Blauen Brief. Eine Gesamtübersicht mit Artikeln zu allen Spielern. (FR)

Bereits zwei Tore

Wenn er sich aber sicher fühlt, ist er ein prima Mittler zwischen Angriff und Defensive, er moderiert dann das Spiel, hält den Ball sicher in den eigenen Reihen und wagt auch mal den langen Risikopass in die Tiefe. Oder er schießt aufs Tor. Das kommt nicht so häufig vor, neun Torschüsse (vier auf den Kasten) stehen in seiner Bilanz, das ist für einen zentralen Mittelfeldspieler nicht besonders viel. Dennoch hat er zweimal getroffen, gegen Werder Bremen und jüngst gegen die TSG Hoffenheim, so viel, wie in der gesamten letzten Saison in 31 Spielen. Seine seltenen Treffer, das muss man sagen, sind dann in der Regel schön anzusehen, mit der Innenseite in den Winkel.

Djibril Sow, dessen Vertrag bis 2024 läuft und der sich in dieser Saison trotz Interesses von Nottingham Forest bewusst für die Eintracht entschieden hat, ist mittlerweile auch einer, der nach den Spielen vor die Kameras tritt und für die Mannschaft spricht. Das zeigt seinen gehobenen Stellenwert innerhalb der Mannschaft. Sow, so gut wie kaum verletzt, spielt eine relativ stabile Saison, ohne ihr den ganz großen Stempel aufzudrücken. Trotzdem dürfte er im Sommer ein Verkaufskandidat sein, denn seinen Kontrakt über 2024 hinaus will er dem Vernehmen nach nicht verlängern.

Pikanterie am Rande: Es war jeweils Djibril Sow, der Eintracht Frankfurt in den beiden wichtigsten Spielen des letzten halben Jahres arg in die Bredouille brachte: Im Europa League-Finale führte sein Klärungsversuch im Mittelfeld zur Führung für Glasgow Rangers, in Lissabon folgte seiner missglückten Kopfballabwehr das 1:0 für Sporting. Man kann es auch positiv wenden: Dadurch waren die Hessen wach, beide Male drehten sie noch das Spiel. (Thomas Kilchenstein)

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