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Abgang mit gemischten Gefühlen: Danny da Costa (links) und Jonathan de Guzman kehren der Ukraine mit einem 2:2 den Rücken.

Eintracht Frankfurt

Déjà-vu mit Schrecken

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Bei Eintracht Frankfurt schwingt trotz des 2:2 gegen Donezk die Sorge mit, dass es schiefgehen könnte in Europa.

Weit nach Mitternacht und als es noch ein bisschen kälter war als beim Schlusspfiff, da haben sich die Frankfurter Gelehrten immer noch darüber gestritten, wie dieses 2:2 (1:1) beim ukrainischen Abonnementmeister Schachtjor Donezk eigentlich einzuordnen sei. Und anderntags, nach dem Frühstück, herrschte immer noch keine Klarheit: Ein Remis geholt, immerhin auswärts, dazu zwei Tore erzielt, die am Ende bei der Addition noch wichtig sein können? Oder den Sieg verschenkt, weil Eintracht Frankfurt mehr als 80 Minuten mit einem Mann mehr spielen durfte, dazu zweimal in Führung gegangen war und den Erfolg trotzdem nicht nach Hause geschaukelt hat? Ja, was denn nun? 

Die Eintracht-Profis jedenfalls wirkten hinterher nicht wirklich glücklich und zufrieden, wurde hernach aus der Kabine berichtet. Die Kälte, die in die Knochen gezogen war, das intensive Spiel, die Vermutung, einen vielleicht entscheidenden Schritt in Richtung Achtelfinale nicht getan zu haben – dieses Potpourri aus Eindrücken und Gefühlen hinterließ bei der Mannschaft erst einmal zwiespältige Gefühle. Peter Fischer, der Präsident, brachte es später, erstaunlich undramatisch, auf den Punkt. „Es war mehr drin. Wir haben etwas liegen gelassen.“ 

Vor der Partie in der Ukraine, auch da gab es keine zwei Meinungen, wäre jeder über ein Unentschieden gottfroh gewesen, „das hätten wir sofort unterschrieben“, sagte Sportdirektor Bruno Hübner. Und ein Remis, noch dazu mit zwei Auswärtstoren, sei eigentlich „ein sehr ordentliches Ergebnis“, fand auch Trainer Adi Hütter. Doch eigentlich hatte Hübner recht: „Das ist ein Ergebnis, das nichts zu bedeuten hat.“ 

Eintracht Frankfurt muss den Platzverweis besser nutzen

Und nach dem Spielverlauf war es insgesamt doch zu wenig. Denn Eintracht Frankfurt hat natürlich viel zu wenig Profit aus der sehr frühen Gelb-Roten Karte für Schachtjor-Profi Taras Stepanenko gezogen, der nach zwei harten Fouls an Ante Rebic und Sebastian Rode bereits in der elften Minute zum Duschen geschickt wurde. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wollten die Hessen den Sieg und hatten ihn auch bereits in greifbarer Nähe, doch nach dem 2:1 durch Filip Kostic (50.) vermochten sie es nicht, ihre zwischenzeitliche Drangperiode zu einem dritten und dann entscheidenden Treffer zu nutzen. 

Martin Hinteregger, der auch das 1:0 erzielte (7.), Luka Jovic und Rebic hatten Chancen dazu. „Es ärgert mich, dass wir die Gelegenheiten ausgelassen haben“, deckelte Trainer Hütter sanft, zudem habe der Ausgleich durch Taison (62.) „niemals passieren“ dürfen. Ist er aber. Im Rückspiel am kommenden Donnerstag im restlos ausverkauften Stadion im Stadtwald wird sich zeigen, „welchen Wert dieses Remis hat“, sagte Hütter und folgerte: „Ich bin nicht unzufrieden.“ Man solle das Ergebnis auch nicht zu schlecht machen. „Auf keinen Fall fühlt es sich wie eine Niederlage an.“ 

Das 2:2 von Charkiw ist dennoch ein gefährliches Resultat. Es wiegt ein bisschen in Sicherheit, weil ein 0:0 oder ein 1:1 schon zum Weiterkommen reichen würde. Es ist aber keinesfalls ein beruhigendes Ergebnis. Wer, wenn nicht Eintracht Frankfurt, wüsste das besser: Vor fünf Jahren waren die Hessen ebenfalls mit einem 2:2 aus Porto zurückgekehrt und schieden dennoch nach einem 3:3 im heimischen Stadion aus. Dazu heißt damals wie heute der Trainer der gegnerischen Mannschaft: Paulo Fonseca. Erstaunliche Parallelen fürwahr. 

„Das kann man nicht vergleichen“, grätschte Hübner noch in Charkiw dazwischen, damals sei man im Hinspiel nicht die bessere Mannschaft gewesen, auch der Spielverlauf sei ein anderer gewesen. Dessen ungeachtet hat nicht nur Präsident Fischer „ein Déjà-vu“, er hoffe nur, „dass sich Geschichte nicht wiederholt“. Mit einem „schmalen Sieg“ wäre der Präsident schon zufrieden. 

Und doch schwingt bei allen Beteiligten ein bisschen die Sorge mit, dass es noch schiefgehen könnte. Denn Schachtjor Donezk präsentierte sich als bärenstarkes Ensemble, dem man die lange Unterzahl kaum anmerkte. Hübner geriet fast ins Schwärmen über die Ukrainer, die er mal als „außergewöhnliche Mannschaft“, dann als „Wahnsinns-Mannschaft“, schließlich als „Bomben-Mannschaft“ adelte. Keine Frage: Die Eintracht wird „eine Topleistung“ abrufen müssen, findet Hütter, um eine Runde weiterkommen zu können, mindestens an die „Leistungsgrenze“ werde man gehen müssen, zudem „unglaublich gut verteidigen“.

Donezk hat viele flinke Individualisten

Denn Schachtjor verfügt über eine erstaunliche Anzahl an flinken Individualisten, enorm ballsicher, die ihre Stärke in der Kontersituation haben. „Die haben vorne sehr viel Qualität mit ihren Brasilianern“, sagte Verteidiger Martin Hinteregger (siehe nebenstehenden Bericht) – und das alles praktisch aus dem Stand. Seit Mitte Dezember ruht der Spielbetrieb in der Ukraine, die Saison wird erst am 23. Februar fortgesetzt. „Es ist schwierig, Donezk mit dieser Geschwindigkeit, Technik und Dynamik über 90 Minuten aus dem Spiel zu nehmen“, resümierte Hütter, der die beiden Auswärtstore als Pfund empfand, mit dem es zu wuchern gilt. 

Dazu blieb die Eintracht 2019 weiterhin ungeschlagen, schaffte aber wieder nur ein Unentschieden, das vierte nacheinander – allerdings gegen vier Topmannschaften. Das stellte auch der Fußballlehrer heraus. „Wir haben gegen starke Gegner gespielt und sind trotzdem noch ungeschlagen“, betonte er, räumte aber gleichzeitig ein: „Wir kommen nicht so vom Fleck, wie wir es uns wünschen.“ Er ist aber guter Hoffnung, alsbald wieder in voller dreifacher Ausführung punkten zu können, am besten schon am Sonntag (15.30 Uhr) gegen Borussia Mönchengladbach. Die Elf vom Niederrhein habe den klaren Vorteil, unter der Woche nicht aktiv gewesen zu sein. „Sie konnten sich genau auf uns vorbereiten.“ Der Eintracht hingegen stecken die Strapazen des intensiven Spiels und der Reise in die Ukraine in den Knochen. Die Stammspieler werden daher lediglich regenerativ arbeiten. „Damit wir körperlich und auch vom Kopf her wieder frisch sind.“ 

Der Trainer kündigte zudem eine Rotation an, mit Augenmaß zumindest. Sicher ist, dass der aus taktischen Gründen in Charkiw nicht eingesetzte Sébastien Haller in die Mannschaft zurückkehren wird, „in ihm haben wir schon mal einen frischen Spieler“, sagte Hütter. Ob Mijat Gacinovic oder der zuletzt sehr glücklos spielende Ante Rebic rausmuss, ließ der Coach offen. 

Dass es Luka Jovic trifft, scheint eher unwahrscheinlich, Hütter lobte den begehrten Serben. Der Rummel um seine Person pralle an dem erst 21-Jährigen ab, „das lässt ihn kalt“, befand der Coach. „Wenn ich sehe, wie er marschiert, dann ist das schon stark.“ Für die Eintracht sei es eine Auszeichnung, wenn viele Spitzenvereine den Stürmer beobachten würden. „Das ist doch sehr erfreulich.“ Vermutlich wird am Sonntag auch Mittelfeldmann Rode fehlen, der ja gegen Donezk zur Pause rausmusste und sich eingehenden Untersuchungen an der Wade unterziehen wird. 

Borussia Mönchengladbach, so viel ist klar, ist nicht gerade Laufkundschaft in der Bundesliga, sondern ein Gegner mit Champions-League-Ambitionen. „Es ist ein wichtiges Spiel. Wenn wir oben dranbleiben wollen, müssen wir fast schon gewinnen“, sagte Hütter. Ein Selbstläufer wird das nicht. Aber das sind die Aufgaben, an denen Eintracht Frankfurt wachsen und reifen kann.

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