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Das Wunder von Camp Nou

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Von: Thomas Kilchenstein

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Kann es nicht gkauben: Trainer Oliver Glasner.
Kann es nicht gkauben: Trainer Oliver Glasner, Eintracht Frankfurt. © dpa

Eintracht Frankfurt gewinnt sensationell in Barcelona – und steht im Halbfinale der Europa League. Der Kommentar.

Phänomenal. Unglaublich. Fantastisch. Grandios. Unvergleichlich. Sensationell. So schnell gehen einem die Superlative nicht aus über das, was da an diesem Donnerstagabend, 14. April, zwischen 21.00 und 23.00 Uhr in Camp Nou, jener legendären Spielstätte des mindestens so legendären FC Barcelona, passiert ist: Eintracht Frankfurt, allenfalls Mittelmaß in der Bundesliga, hat einen der größten Klubs im Weltfußball aus dem Wettbewerb geworfen. Der fünffache Champions League-Sieger ist im Viertelfinale der Europa League an einer Mannschaft gescheitert, die in der katalonischen Metropole kaum einer gekannt hat. Jetzt allerdings schon. Das Weiterkommen der Eintracht ist mindestens eines der größeren Fußballwunder der jüngeren Zeit, es ist ein Märchen, das wahr geworden ist, eine größere Überraschung ist kaum vorstellbar. Eintracht Frankfurt hat den FC Barcelona im eigenen Stadion geschlagen, man kann sich das gar nicht oft genug auf der Zunge zergehen lassen, Eintracht Frankfurt hat den Löwen in seinen eigenen Höhle bezwungen, verdient, hochverdient, mit 3:2 unvorstellbar eigentlich.

Es ist der größte Vereinserfolg seit mehr als 60 Jahren, größer noch als der Uefa-Cup-Sieg 1980, es ist ein Erfolg, der gar nicht hoch genug einsortiert werden kann. Selten waren die Fronten so klar abgesteckt, zwischen beiden Klubs liegen Galaxien – hier der henningerturmhohe Favorit aus Barcelona, dort der krasse Außenseite aus Frankfurt. Und doch war Davids Schleuder treffend genug, Goliath aufs Kreuz zu legen. Es ist unglaublich!

Eintracht Frankfurt gewinnt Jahrhundertspiel in Barcelona

Für die Eintracht war es das Jahrhundertspiel, für Barca nur ein Spiel in einem nachrangigen Wettbewerben, Barca schwebte in anderen Sphären und schlug hart auf. Dieses Match wird, na logisch, eingehen in die Annalen der Hessen, wird ganz oben stehen am Kopf einer Reihe von die Vereins-Identität prägenden Leuchtturmspielen, etwa in Rostock, die Ab- und Aufstiegswunder im Stadtwald, das Pokalfinale von 2018, Spiele, die sich ins kollektive Gedächtnis unauslöschlich eingebrannt haben. Mit diesem niemals erwarteten Einzug ins Halbfinale hat Eintracht Frankfurt ein neues Kapitel im ureigenen Geschichtsbuch geschrieben. Dazu zählt mit Sicherheit auch die bombastische Unterstützung von bestimmt 20.000 , vielleicht auch 25000 Anhänger, die nach Barcelona gepilgert waren und für ein paar Stunden das Bild in der Metropole prägten. So viele hatten die Mannschaft bei Auswärtsspielen im Ausland noch nie begleitet.

Dieser Triumph, der wenigstens zusätzliche 2,8 Millionen Euro bringt, ist ein Quantensprung, Eintracht Frankfurt stößt damit in eine neue Dimension vor – just zum richtigen Zeitpunkt, da der Klub gerade durch die Pandemie finanzielle Einbußen in Höhe von 70 Millionen Euro wegzustecken hat. Es war ja so, dass diese Virus die Eintracht gerade dann ausgebremst hat, als sie zum Überholen ansetzte, den Sturm an die Fleischtöpfe in Angriff nehmen wollte. Nun kann der Klub groß denken, das Halbfinale sollte jetzt – nachdem der stärkste Widersacher aus dem Rennen ist – nicht Endstation sein. Wer wachsen will, muss international sichtbar sein, der braucht die europäische Bühne, der muss den Tellerrand verlassen ohne seine regionalen Wurzeln zu kappen.

Es hat sich mal wieder gezeigt, dass Eintracht Frankfurt das Momentum liebt: Wenn es drauf ankommt, Spitz auf Knopf steht, wenn das Flutlicht angeknipst ist und das Stadion summt und brummt, da entfaltet dieser Klub ganz spezielle Kräfte, Strahlkraft und Magie. Bislang reicht es nur für die besonderen Momente, in den großen, bedeutsamen Spielen hat die Mannschaft oft deutlich bessere Leistungen gebracht, Kontinuität auch im Kleinen und gegen Kleine muss sich der Verein zukünftig auf die Fahnen schreiben.

Eintracht gewinnt in Barcelona

Das Klassenbuch der FR

Eintracht Frankfurt ist ein sehr würdiger Repräsentant der Bundesliga in Europa, die Hessen vertreten inzwischen den deutschen Fußball mehr als ordentlich: Weil sie die Europa League mit jeder Faser ihrer Herzen und Muskel angenommen haben, weil sie Freude an den Reisen und den Spielen unterm Brennglas haben.

Und die Reise muss ja noch lange nicht zu Ende sein. (Thomas Kilchenstein)

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