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Fragestunde vor Anpfiff: Trainer Hütter (Mitte) bei Moderatorin Papendick und Experte Effenberg.

DFB-Pokal

Eintracht Frankfurt im DFB-Pokal: Wenn Stefan Effenberg fröstelt

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Ein Blick hinter die TV-Kulissen beim Pokalspiel von Eintracht Frankfurt gegen RB Leipzig.

  • Eintracht Frankfurt spielt im DFB-Pokal gegen Leipzig
  • Die Partie wird von Sport1 übertragen
  • Wie sieht es hinter den Kulissen einer solchen Produktion aus?

Die Fragen sind auf den Punkt ob dieser neuerlichen Niederlage der Leipziger Fußballer bei Eintracht Frankfurt, diesmal im DFB-Pokal und nicht in der Bundesliga. Erstens: „Herr Nagelsmann, was bedeutet das jetzt für das anstehende Topspiel am Sonntag gegen den FC Bayern?“ Und zweitens: „Wollen Sie wirklich noch Deutscher Meister werden?“ Die Antwort ist kaum weniger eindeutig: „Na klar will ich noch Meister werden, die Spieler aber leider nur teilweise.“ Uiuiui, die kickende Truppe mal eben verbal vermöbelt vom eigenen Trainer. Denkt man zumindest. Eines aber passt dann doch nicht in den Kontext dieser knappen und knackigen Schelte: der lächelnde Verursacher. Zum einen lächelt Herr Nagelsmann nach Niederlagen nun mal äußerst selten, eigentlich nie, Spiele zu verlieren kann er so gar nicht ab. Zum anderen schaut dieser besagte Herr Nagelsmann bei genauem Hinsehen irgendwie so gar nicht wie Herr Nagelsmann aus. Der Grund: Er ist es nicht. Ähm, wie bitte?

Eintracht Frankfurt im Pokalduell gegen Leipzig

Ganz einfach: Jene für Reporter ziemlich angenehme Aussage des vermeintlichen RB-Trainers, ließe sie sich doch so wunderbar zu einer veritablen Krisenstory über die Leipziger ausschlachten, ist dem jungen Fußballlehrer am Dienstagabend beim Pokalduell von Eintracht Frankfurt in Wirklichkeit natürlich nicht über die Lippen gekommen, selbst wenn er innerlich so gefühlt haben sollte. Die Worte fielen in Wahrheit auch schon weit vor der sächsischen 1:3-Pleite bei Eintracht Frankfurt, gesprochen von einem hellseherisch offenbar recht begabten Mitarbeiter des übertragenden Fernsehsenders Sport 1, sozusagen von einem Julian-Nagelsmann-Double während der Probe.

Seit dieser Spielzeit hat sich der Fernsehsender aus Ismaning, nördlich von München gelegen, Rechte am DFB-Pokal gesichert. Von der ersten Hauptrunde bis zum Viertelfinale wird es bis einschließlich der Spielzeit 2021/22 je ein Duell live im Free-TV auf Sport 1 zu sehen geben. In der ersten Runde wurde die Begegnung zwischen Drittligist Uerdingen und Dortmund übertragen, anschließend Zweitligist Bochum gegen die Bayern, nun eben Frankfurt gegen Leipzig. 1,9 Millionen Zuseher hatte das Achtelfinalduell der Bundesligakonkurrenten in der Hochphase, 1,42 Millionen im Schnitt, der Marktanteil lag bei ordentlichen 5,4 Prozent.

Selfies von kahlen Köpfen

Gegen 15 Uhr am Dienstag, also dreieinhalb Stunden vor dem Anpfiff, starten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Senders bereits mit ihrer Arbeit. Rund 20 finden sich zum ersten gemeinsamen Teammeeting in einem umfunktionierten Lkw ein. Es ist ein wenig stickig im Innern, manch einer würde wohl auch einen gewissen Mief heraus schnuppern, angesichts des aufs Dach prasselnden Regenschauers aber mutet die Lage tatsächlich noch recht angenehm an. Im hinteren Bereich des auf dem Arenagelände geparkten Gefährts gibt es eine kleine Küche samt Kaffeemaschine und Kaltgetränken, auf einem seitlich platzierten Regal reihen sich Chipstüten aneinander, die Notration für kritische Stresssituationen offenbar. Im Hauptraum schlängelt sich eine gut gepolsterte Sitzgelegenheit um zwei Tische. Dazu hängen zehn Fernseher an der Wand. Während auf dem größten und mittig platzierten das Liveprogramm läuft, die Pokal-Classics im krisseligen Flimmerformat, ergreift Stefan Thumm das Wort. „Hallo zusammen“, erhebt er seine Stimme: „Heute also Frankfurt gegen Leipzig.“

Teammeeting auf engstem Raum.

Die Köpfe der Kollegen schnellen nach oben, die Ohren lauschen, die Handys werden hastig beiseite geraschelt. Nur Kommentator Markus Höhner, der später die 90 Fußballminuten gemeinsam mit Experte Stefan Effenberg begleiten wird, behält die Ruhe, zückt das Smartphone, wischt ein bisschen nach links und rechts und schießt noch rasch ein Selfie. Knips. Manch Kollegen hat’s zu spät bemerkt und hält den mit Haaren ziemlich dünn besiedelten Hinterkopf in die Linse. Höhner scheint das dufte zu finden und grinst.

Stefan Thumm also, ein großgewachsener Blonder, Jeans, dunkelblaues Hemd, hippe Sneaker, ist der Leiter der Sendung. Er hat sich den Programmablauf für den Pokalabend in Frankfurt ausgedacht. Wann treten die Leipziger vor dem Spiel zu den Liveinterviews vor die Kamera? Wann ist RB-Boss Oliver Mintzlaff dran, wann Trainer Nagelsmann? Und wann folgen deren Pendants von Eintracht Frankfurt, Fredi Bobic und Adi Hütter? Grundsätzlich, so erläutert Thumm später im Gespräch, entstehe der konkrete Ablauf erst „in den letzten acht Tagen vor dem Spiel, damit auch die aktuellen Entwicklungen rund um die Klubs berücksichtigt werden können.“ Der Plan, die beeindruckende 1,90-Meter-Spannweite des Eintracht-Maskottchens, die von Adler Attila, während der Vorberichterstattung ins Bild zu platzieren, wurde dagegen schon weitaus früher festgezurrt. Seit der Pokalauslosung und der feststehenden Paarung für das Livespiel wird quasi daran getüftelt. Thumm erläutert denn auch im Team-Lkw seine Ideen den Kollegen, die sich anhand eines mehrseitigen, detaillierten Ausdrucks schon selbst hatten vorher in die Themen einlesen können.

Finales Freestyle

Und falls es während der Übertragung dann trotzdem mal Probleme gibt, wenn zum Beispiel die Technik streikt? „Man muss immer flexibel sein und einen Plan B in der Tasche haben“, antwortet Thumm und beschließt daher das Teammeeting auch mit folgenden Worten: „Hintenraus kann es Freestyle geben.“ Er meint eine mögliche Verlängerung oder gar ein Elfmeterschießen. Das lässt sich nur schwer planen.

So neu der DFB-Pokal bei Sport 1 für die Zuschauer noch ist, so erfahren sind die Protagonisten. Thumm ist schon „gefühlt ewig“ dabei, Kommentator Höhner, der Mann mit der tiefen Kratzstimme und dem Selfie-Faible sowieso, und einem Experten wie Stefan Effenberg macht in diesem medialen Fußballgeschäft wohl ohnehin niemand etwas vor. „Mit Effe proben wir nicht, der kann das“, sagt Thumm daher. Der einstige Profi, Spitzname Tiger, der heute hauptsächlich als Manager des Drittligisten KFC Uerdingen herumtigert, reist an diesem Dienstag mit dem Auto an, und das verspätet. Das blöde Sauwetter ist schuld. Bei Köln, sagt Effenberg, nach seiner Ankunft um 16.19 Uhr, habe es mächtig runtergemacht. „Und dann noch Unfälle auf der Autobahn. Aber jetzt bin ich ja da.“ Die Proben laufen bereits eine halbe Stunde.

Jede Menge Knöpfe, Schalter und Monitore: Der Technikraum.

75 Minuten vor Anpfiff, 17.15 Uhr, ist die ehemalige Ikone des FC Bayern und von Borussia Mönchengladbach dann in seinem Element. Nicht mehr im Innern des Lasters, sondern mit dem Rücken zum Spielfeld steht er da, das feuchte Grün unter den sportlichen Sneakern, die dicke Winterjacke übergestreift. „Effe“ ruft es von der nur fünf Meter entfernten Haupttribüne herüber. Und der fröstelnde Effe, die Hände ein wenig in den Ärmeln versteckt, guckt und winkt und wird just in diesem Moment von fünf Handykameras gleichzeitig abgelichtet. Ganz klar, solange das Spiel noch nicht läuft, und die Aufzeichnung noch nicht begonnen hat, ist er der Star.

Selbst die professionellen Fotografen reihen sich hinter der bestens ausgeleuchteten Szenerie auf, an der Seite von Moderatorin Laura Papendick lächelt er entspannt zurück. Noch ein Bild mit Adler Atilla, eines mit dem seitlich positionierten DFB-Pokal-Plagiat, auch noch eines fürs private Fotoalbum. Knips, Knips, Knips. Selfies können sie bei Sport 1.

Der echte Julian N.

17.30 Uhr, noch eine Stunde bis zum Anpfiff, die Übertragung beginnt. Papendick und Effenberg schreiten lässig zu ihrem Platz an der Seitenlinie. Mintzlaff spricht, Nagelsmann auch, dann noch Hütter und Bobic. Adler Attila schwingt mit seinen Flügeln, das Pokal-Plagiat glänzt trotz Nieselregens. Zwischendurch überbrücken Papendick und Effenberg gekonnt die Zeit mit fachlichen Expertisen, oder aber die achtminütigen Werbepausen. Geld will schließlich auch verdient werden im Privatfernsehen. Später dann, während der 90 Minuten, reden sich Höhner und Effenberg dick eingemummelt in Decken die Kälte vom Leib. Alles läuft nach Plan.

Nach dem Abpfiff übrigens, noch auf dem Rasen, wird dann tatsächlich ein Liveinterview mit Julian Nagelsmann, dem Echten wohlgemerkt, geführt. Die Frage: Was bedeutet die Niederlage für das Topspiel gegen die Bayern?“ Die Antwort: „Bayern wird am Sonntag ein ganz anderes Spiel, wir müssen aber die richtigen Lehren aus der Niederlage ziehen.“ Verbal vermöbelt wird niemand, gelächelt aber auch nicht. Manchmal wären Trainerdouble also doch ganz nett.

Von Daniel Schmitt

Eintracht Frankfurt trifft in der Bundesliga auf den FC Augsburg. In der Vergangenheit haben die Hessen nicht die besten Erfahrungen mit diesem Gegner gemacht. Diesmal soll alles besser werden. Eintracht-Trainer Adi Hütter hat sich einiges vorgenommen.  

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