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Der Powerriegel auf der linken Außenbahn: Filip Kostic.

FR-Bundesliga-Tipptabelle (18)

Eintracht Frankfurt: Der Schwellen-Klub

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Der wirtschaftlich leicht angeschlagene Bundesligist würde gerne die internationalen Plätze angreifen, doch ist das realistisch?

Die Pflichtaufgabe im Pokal bei 1860 München hat die Eintracht nicht mit Pauken und Trompeten, aber doch halbwegs souverän erfüllt, nun schippert der hessische Bundesligist dem Saisonstart am Samstag gegen Arminia Bielefeld entgegen, zu Hause, vor immerhin 6500 Fans. Da ist, bei allem Respekt vor dem Neuling, ein Dreier fest eingeplant. Wird nicht leicht, klar, doch wer hohe Ziele verfolgt, darf einen Aufsteiger zum Auftakt schon mal in die Schranken weisen. Und hohe Ziele hat der Klub, der Vorstand, der Trainer, die Mannschaft. „Es ist toll, wie sich dieser Verein entwickelt hat“, sagt Adi Hütter. „Ich will, dass dieses Projekt weitergeht. Wir wollen wieder international dabei sein.“ Wird schwer, verdammt schwer, sollte aber nicht unmöglich sein – trotz herber Corona-Einschnitte.

Wie ist die Stimmung?

Ganz gut, sagen wir: 7,5 von zehn Punkten. Die Nachricht, dass das Stadion nicht mehr als Geisterkulisse dient, sondern zumindest 6500 Anhänger zugelassen sind, sorgte für gute Vibrationen, eine Art Aufbruchstimmung. Zumindest im Gesamtverein, der in diesen unsicheren Zeiten vehement für die Zulassung des Publikums gekämpft, weder Personalaufwand noch Mehrkosten gescheut hat. Sportlich läuft es ordentlich-solide, es geht mit einer Mischung aus Konzentration, Lockerheit und Anspannung auf die letzten Meter der Vorbereitung. Abseits des Platzes herrscht Unaufgeregtheit auf allen Ebenen, die Gerüchteküche brodelt kaum, Abgänge von Leistungsträgern gab es bisher nicht, alle sind noch an Bord, Filip Kostic, Kevin Trapp oder Martin Hinteregger. Vor einem Jahr war das anders, da wurden nacheinander Luka Jovic, Sebastien Haller und Ante Rebic abgeholt. Das schnelle und bittere Ende der Büffelherde. Nun sind oder werden wichtige Personalien geklärt, die ausgedehnte Zusammenarbeit mit Coach Hütter und Leistungsträger André Silva sowie die bevorstehende Vertragsverlängerung mit Daichi Kamda sorgen für Stabilität und totale Ruhe. Kontinuität auf den Schlüsselpositionen, nicht nur auf dem Feld, ist das Zauberwort. Zumindest die Voraussetzungen für eine ansprechende Runde sind gegeben. Muss aber nichts bedeuten.

Wie stark ist der Kader?

So stark (oder, besser, halbstark) wie vergangene Saison auch. Die Mannschaft ist im Großen und Ganzen beisammen geblieben, das Gerüst ist vorhanden, eine verlässliche, fundierte Basis geschaffen. Auf gehobenem Mittelklasse-Bundesliganiveau. Für Trainer Adi Hütter wird es wichtig sein, mehr fußballerische Elemente ins Spiel zu bekommen, das fängt hinten bei Altmeister Makoto Hasebe an, der zwingend in die erste Elf gehört. Wenn die Mannschaft zueinander findet, die Leistungsträger ihre Form über einen längeren Zeitraum halten, ist durchaus etwas drin. Filip Kostic, Kevin Trapp, Sebastian Rode, André Silva oder Martin Hinteregger gehören vielleicht nicht alle zur absoluten Bundesligaspitzenklasse, aber bewegen sich auf einem guten bis sehr guten Niveau.

Worauf steht der Trainer?

Auf Fußball mit durchgedrücktem Gaspedal, immer volle Pulle nach vorne, brachial und rücksichtslos. So viel zur Theorie. In der Praxis musste der 50 Jahre alte Fußballlehrer, der Salzburger Pressing-Schule entsprungen, seine Ideen und Idealvorstellung der Realität anpassen, weil er in der zurückliegenden Saison nicht die Spielertypen dafür in seinen Reihen hatte. Da ging es schon mal eher vorsichtig bis verhalten zu. Nun wünscht sich der Österreicher wieder mehr die alte Eintracht zurück: „Ich möchte wieder eine Mannschaft haben, die versucht, die Art und Weise von Fußball aus dem ersten Jahr zu spielen“, sagte er. Wird schwer, weil kein Bulle wie Ante Rebic mehr da ist und ein konsequentes Pressing mit Stürmern wie André Silva, Bas Dost oder Goncaloa Paciencia kaum möglich ist. Der junge Ragnar Ache könnte das, braucht aber noch Zeit. So wird Hütter eine Mischung aus druckvoller Aktivität und geregelter Kompaktheit finden müssen. Ansonsten ist mit wenigen Überraschungen zu rechnen, hinten hat die Dreierkette den Viererriegel wieder abgelöst. Gut so.

Zu- und Abgänge

Zugänge: Steven Zuber (1899 Hoffenheim), Ragnar Ache (Sparta Rotterdam), Aymen Barkok (Fortuna Düsseldorf, Leihe beendet), Simon Falette (Fenerbahce Istanbul, Leihe beendet), Jabez Makanda (eigene U19), Flynn Otto (eigene U19), Tuta (Kortrijk, Leihe beendet), Jetro Willems (Newcastle United, Leihe beendet)

Abgänge: Nils Stendera (Lokomotive Leipzig, Leihe), Dejan Joveljic (Wolfsberger AC, Leihe), Rodrigo Salazar (FC St. Pauli, Leihe), Lucas Torro (CA Osasuna), Sahverdi Cetin (Vertragsende), Gelson Fernandes (Karriereende), Patrick Finger (Olympia Biebesheim), Jonathan de Guzman (Vertragsende), Marco Russ (Karriereende), Mijat Gacinovic (TSG Hoffenheim), Jan Zimmermann (Karriereende)

Wo hapert’s noch?

Am Pressing (siehe oben), und natürlich an der Kreativität. Oftmals ist das Spiel zu beliebig, die Angriffe werden nach Schema F aufgebaut, die Eintracht ist zuletzt häufiger ausgelesen, entschlüsselt worden, und wenn dann Powerriegel Filip Kostic auf links einen schlechten Tag hat (die sich auch mehrten) und Freigeist Daichi Kamada in den Untiefen der Inkonstanz versinkt, ist ein kluges, gewitztes oder druckvolles Offensivspiel nur bedingt umsetzbar. Insgesamt fehlt dem Team gerade im vorderen Drittel Tempo und Wucht. Zudem, nicht zu unterschätzen: Durch die Abgänge der anerkannten Führungskräfte Gelson Fernandes, Marco Russ oder auch Jonathan de Guzman sowie Jan Zimmermann (jetzt Torwarttrainer) muss sich eine neue Hierarchie bilden, diese Routiniers waren für die Hygiene in der Kabine eminent wichtig.

Wer sticht heraus?

Die üblichen Verdächtigen, Filip Kostic, Martin Hinteregger, André Silva, im Tor auch Kevin Trapp. Modellathlet Kostic ist mit seiner Dynamik und seinem Speed nicht zu ersetzen, Hinteregger durch seine Art, seine Präsenz und auch seine Torgefahr. Acht Bundesligatore sprechen eine klare Sprache, nur Reals Sergio Ramos hat als Innenverteidiger europaweit besser getroffen, sechs seiner elf Tore machte der Madrilene aber per Elfer. Silva ist ein feiner Stürmer, fußballerisch herausragend, einfach besser als die anderen. Und Torwart Trapp will in dieser Saison zeigen, was in ihm steckt, den Rang als dritten Torwart bei der Nationalelf zementieren. Er ist das Gesicht des Klubs, durch seine Vita und seinen Lebensstil ohnehin einer, zu dem junge Fußballer dieser Generation aufblicken.

Bundesliga-Tipptabelle

Wie geht’s dem Schatzmeister?

Na ja, ging schon mal besser. Corona hat auch die Eintracht voll getroffen, der Umsatz wird von 280 Millionen auf 140 Millionen Euro schrumpfen, der Verein wird Kreditlinien in Anspruch nehmen müssen. Auch weil West Ham United noch mit 24 Millionen Euro für Sebastien Haller in der Kreide steht. Daher ist die Eintracht auf dem Transfermarkt bisher zurückhaltend, große Sprünge kann der Klub nur machen, wenn ein Topspieler für viel Geld gehen würde, doch selbst dann könnten die Einnahmen nicht vollends in Zugänge reinvestiert werden. Corona hat den Verein, wie andere (Schalke, Köln, Bremen, Mainz), schwer gebeutelt. Umso ärgerlicher, da die zuvor prosperierende Eintracht den nächsten Schritt machen wollte, nun aber in seiner Entwicklung erst einmal gestoppt wird. Wachstum war gestern. Immerhin steht der Klub auf einem tragfähigen Fundament, hat sich als interessanter Partner erwiesen: Ärmelsponsor DPD (2,5 Millionen) die Deutsche Bank (fünf bis sechs) und Hauptsponsor Indeed (acht) zahlen rund 16 Millionen Euro pro Jahr.

Was ist drin?

Die Mannschaft hat wenig Wundertüten-Potenzial, man weiß, was man bekommt, eine homogene, willige Truppe, die an der Schwelle zu Europa steht. Wenn alles glatt läuft, kann der Weg ins internationale Geschäft führen, im Normalfall landet das Team im gehobenen Mittelfeld.

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