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Da geht's lang: David Abraham weist den Weg.

Interview David Abraham

„Sie können jeden Ball zu Gold machen“

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    Ingo Durstewitz
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Eintracht-Kapitän David Abraham über Maschinen, ominöse Wadenverletzungen und Gänsehaut-Momente.

Nach Beendigung seiner Karriere wird der stets freundliche Argentinier David Abraham in seine Heimat, in sein kleines Dorf in der Provinz Santa Fe, zurückkehren, ins weniger als 8000 Seelen zählende Chabas. „Die Menschen kennen mich, seit ich ein kleiner Junge war, da bin ich einer von ihnen, werde nicht als Fußballprofi wahrgenommen.“ Seine europäische Laufbahn will er auf jeden Fall in Frankfurt beenden, „solange sie mich wollen“. Und solange er fit ist, derzeit hat er bekanntlich einige körperliche Wehwehchen. Der Vertrag des 32-Jährigen läuft noch bis 2021. Längst ist er ein wichtiger Stützpfeiler, sogar Kapitän. „Das ist eine Ehre und erfüllt mich mit Stolz.“

Herr Abraham, jetzt klären Sie uns doch bitte mal auf, was es mit Ihrer fast schon ominösen Wadenverletzung auf sich hat.
Das Ganze geht zurück auf meine Verletzung aus der letzten Saison in Hamburg, als ich diesen Schlag aufs Wadenbein bekommen, sich ein Ödem am Knochen gebildet hatte und ich etwas länger ausfiel.

Aber das liegt ja jetzt länger als ein Jahr zurück, das war im Dezember 2017.
Das ist korrekt. Nachdem ich die Verletzung auskuriert hatte, ging es auch lange gut. Dann zog ich mir in der Hinrunde in Augsburg einen Muskelfaserriss zu, und in der Vorbereitung im Winter habe ich im Testspiel gegen Flamengo einen Schlag auf diese Stelle am Wadenbein bekommen. Seitdem habe ich wieder Beschwerden. Gegen Freiburg habe ich dann unter Schmerzen gespielt, das ging noch. Aber in Bremen hat die Muskulatur in der Wade zugemacht, sie war ganz hart, ich konnte nicht mehr laufen. Aber das alles geht auf diese Verletzung von damals zurück.

Verletzungen an der Wade sind langwierig, weil die Muskulatur bei jedem Schritt beansprucht wird.
Das stimmt. Das sind unangenehme, langwierige Geschichten. Viele meinen, dass der Oberschenkel schlimmer sei. Das empfinde ich nicht so. Bei der Wade braucht man viel Zeit.

Wie behandelt man so etwas?
Das geht nur durch viele Behandlungen und Massagen.

Wie schlimm ist es aktuell?
Im Moment fühle ich mich gut, ich hoffe, dass ich gegen Dortmund spielen kann. Man weiß ja nie, was passiert.

Beeinträchtigt diese öfter mal aufbrechende Verletzung Ihre Leistung?
Es war in den letzten Spielen nicht so, wie ich es mir wünschen würde. Aber die Rückrunde hat erst begonnen, es gibt noch viele Spiele, ich bin positiv.

Aber, mit Verlaub, in Bremen war Ihre Leistung nicht so wirklich prickelnd.
Das weiß ich selbst, aber das hatte nichts mit der Wade zu tun. In den ersten 45 Minuten hatte ich sogar ein gutes Gefühl und keine Schmerzen, habe aber leider schlecht gespielt. In der zweiten Halbzeit wurde die Leistung besser, aber dann konnte ich nicht mehr laufen (lacht).

Die Abwehr stand zuletzt nicht mehr so sicher. Weshalb?
Das ist richtig. Aber es gibt nicht die eine Erklärung, die man heranziehen könnte. Wir haben noch nicht die Sicherheit und die Ruhe wie in der Hinrunde. Aber wir wissen, wir können es. Wir müssen daran arbeiten, wieder dahin zu kommen, wo wir schon einmal waren. Das geht nur mit Aufopferung, Konzentration und Disziplin.

Oder liegt es daran, dass die ganze Mannschaft nicht mehr so konsequent mitarbeitet, die Defensivarbeit fängt ja vorne an.
Das denke ich nicht. Wenn wir uns die Statistik ansehen, also die Anzahl der Sprints und intensiven Läufen und die gelaufenen Kilometer, dann liegen wir auf dem Niveau der Hinrunde. Aber vielleicht machen wir das nicht so koordiniert, das kann sein.

Oder liegt es daran, dass die Eintracht mit drei Stürmern spielt?
Nein. Das ist, wie gesagt, eine Frage der Koordination und der Konzentration. Man muss die Arbeit auf dem Feld gemeinschaftlich verrichten, nur so funktioniert es.

Manch einer hat auch die Befürchtung, dass die zahlreichen Schulterklopfer der Mannschaft schaden könnten, dass das ganze Gerede über eine mögliche Champions-League-Teilnahme überhand nimmt und dass manch einer vielleicht glauben könnte, es werde schon von alleine laufen.
Ich spüre davon nichts, aber vielleicht kommt das auch daher, dass ich nicht so gut Deutsch verstehe (lacht). Aber im Ernst: Ich sehe die Jungs jeden Tag, ich sehe, wie wir im Training arbeiten, wie fokussiert wir sind. Wir haben unsere Ziele, klar, aber wir machen uns auch nicht so große Gedanken über die Zukunft, wir konzentrieren uns immer auf die nächste Aufgabe. Und der Trainer ist ja auch noch da. Wenn sich einer zurücklehnt, hat er auch kein Problem damit, dazwischen zu gehen und ihn nicht aufzustellen.

Das hat man ja jetzt in Bremen gesehen, als er Simon Falette anstelle von Evan Ndicka aufbot.
Die Gründe dafür kenne ich nicht, aber klar ist, dass jeder seine Chance bekommt, wenn er hart arbeitet.

„Ich spüre auch, wie viel der Pokalsieg den Menschen bedeutet“


Weshalb ist die Mannschaft zuletzt in der Rückrunde stets schwächer geworden?
Auch hier gibt es nicht nur den einen Grund: Mal hat das Spielglück gefehlt, dann haben wir vorne die Tore nicht gemacht, dafür aber hinten welche geschluckt. Es sind viele Kleinigkeiten, die zusammenkommen, da kann auch eine persönliche Situation eines Spielers eine Rolle spielen. Und man darf eines nicht vergessen: Die Rückrunde ist in der Bundesliga immer ganz anders als die Hinrunde, das ist ein Phänomen, das ich schon länger beobachte.

Woran liegt das?
Es steht so viel auf dem Spiel, für einige Klubs geht es ums Überleben, da gibt es oft Spiele, die so etwas wie die letzte Chance darstellen. Da ist dann entsprechend viel Adrenalin im Spiel, da bäumen sich die Teams noch mal richtig auf. Bei uns war es ja 2016 auch so, als wir zum Schluss noch mal eine Siegesserie gestartet, gegen Mainz, Darmstadt und sogar Dortmund gewonnen haben. Da ist so viel Adrenalin im Körper, das ausgeschüttet wird, da wächst man über sich hinaus. Wir sind jedenfalls gewarnt, wir wollen es jetzt besser machen als in den vergangenen beiden Jahren. Und wir haben in diesem Jahr einen zusätzlichen Motivationsschub, das sind die Spiele in der Europa League. Wir wissen, wie schön das ist, wir tun alles, um dieses Gefühl zu bewahren. Wir sind hungrig, und wir dürfen nach oben schauen.

Es stehen jetzt wegweisende Wochen an.
Wir haben schwierige Spiele vor der Brust. Aber wir können es, wenn wir 100 Prozent auf den Platz bringen, mit jedem aufnehmen. Wir müssen jetzt gegen Dortmund schauen, dass wir vorne wieder Druck machen, dynamisch und aggressiv sind.

Ist das für einen Abwehrspieler ein gutes Gefühl, wenn man weiß, einer von denen vorne im Sturm, Ante Rebic, Luka Jovic oder Sebastien Haller, schießt immer ein Tor.
Klar ist das gut zu wissen. Wir haben vorne drei Maschinen, die jeden Ball zu Gold machen können. Wie gut sie sind, sehen wir jeden Tag auf dem Platz. Denn Sie müssen wissen: Sie trainieren genauso wie sie spielen, da machen sie keinen Unterschied. Entsprechend macht man da als Verteidiger einiges mit und bekommt einiges ab. Ich weiß also, was ihre Gegner im Spiel erleiden (lacht).

Wer ist denn der unangenehmste Widerpart?
Da hat jeder seine Besonderheiten. Ante ist Ante, er geht auf jeden Ball. Gegen Haller kannst du jedes Kopfballduell verlieren, er ist ein Schrank. Und bei Jovic ist es so: Ihm gibst du eine halbe tausendstel Sekunde – und schon zappelt das Ding im Netz. Das ist unglaublich. So geballt habe ich das auch noch nie erlebt, ich habe schon mit Ausnahmefußballern zusammen gespielt, mit Lionel Messi und Sergio Agüero etwa oder Roberto Firmino. Aber drei auf einen Schlag, nein, das ist schon einzigartig.

Am Samstag kommt Marius Wolf zurück nach Frankfurt, aber vielleicht nur in Zivil im Stadion, er stand zuletzt nicht im Kader des BVB. Das ist ja ein gutes Beispiel für einen, der erst quasi durch die Decke geschossen ist und jetzt nicht mal eine Nebenrolle bekleiden darf.
Er wusste, dass in Dortmund der Konkurrenzdruck größer ist, der BVB ist eine Topadresse in Europa. Er hat seine Fähigkeiten vielleicht noch nicht zeigen können.

Er soll ja jetzt zum Rechtsverteidiger umgeschult werden.
Die Außenverteidiger in Dortmund haben auch klare Vorgaben, da geht es nur nach vorne, sie denken sehr offensiv.

In den kommenden Wochen können die Weichen gestellt werden, in welche Richtung die Reise geht. Sie sprachen zuvor die Europa League an. Welchen Stellenwert nimmt sie bei Ihnen und den Mitspielern ein?
Das sind Gänsehaut-Veranstaltungen. Es ist sensationell, das gibt einem einen Schub, Adrenalin plus, das brauchst du vielleicht manchmal auch, um ein Spiel für dich zu entscheiden. In anderen Städten sind die Stadien halbleer, hier ist alles ausverkauft. Auch auswärts haben wir, wenn man so will, Heimspiele. Für die Uefa ist die Eintracht das leuchtende Beispiel, wie Fußball gelebt wird und welche Begeisterung in diesem Wettbewerb entfacht werden kann. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, wie das generell wahrgenommen wird. Als wir gegen Limassol gespielt haben, da hat mich Esteban Sachetti, ein Landsmann, der bei Apollon spielt, während des Spiels gefragt, ob das hier immer so sei, das alles sei unglaublich. Ich habe ihm gesagt: ,Ja, das ist hier immer so, die Fans sind verrückt’ (lacht). Wir wollten diesem Wettbewerb unseren Stempel aufdrücken. Bisher ist uns das ganz gut gelungen.

Und der DFB-Pokalsieg gegen die Bayern, wo kommt der in Ihrer Hitliste?
Ganz oben, klar. Der Stolz nimmt sogar immer weiter zu, ein Teil dieser Geschichte gewesen zu sein. Das ist ein unbeschreiblich gutes Gefühl. Ich spüre auch, wie viel der Pokalsieg den Menschen bedeutet. Sie sind heute noch sehr dankbar.

Welche Szene ist für Sie die Szene dieses Spiels?
Für mich sind es zwei: Die eine, als es den Videobeweis gab und der Schiedsrichter dann nach einer gefühlten Ewigkeit mit dem Arm zur Ecke gezeigt hat. Da sind mir Steine vom Herzen gefallen, da schoss das Adrenalin in mich rein. Und dann natürlich der Lauf von Mijat und die ganzen Jungs von der Bank, die schon aufs Feld gelaufen sind. Was für Bilder. Das ist unvergessen und wird für immer bleiben.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein. Übersetzung: Stephane Gödde.

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