+
Wieder zurück im Eintracht-Tross: Sebastien Haller gehört zum 21-Mann-Kader gegen Chelsea.

Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt - eine der  aufregendsten Mannschaften Europas

  • schließen

Egal, wie das Spiel gegen Chelsea ausgeht: Eintracht Frankfurt hat in Europa Spuren hinterlassen. 

Draußen, auf dem dampfenden Rasen des GSP-Stadions im zypriotischen Nikosia, stand Adi Hütter nach dem 3:2 gegen Limassol und reckte die Faust in den Nachthimmel, ehe er sich gerührt vor der Fankurve verbeugte. Drinnen, im Bauch der kleinen Arena, wurde der Frankfurter Mittelstürmer Sebastien Haller gefragt, ob nun nach vier Siegen in der Gruppenphase und der vorzeitigen Qualifikation für die K.o.-Runde der Europa League sogar der Traum vom Finale in Baku auflebe. Baku? Finale? Herrschaftszeiten.

Das Endspiel schien damals, im November des vergangenen Jahres, in etwa so weit weg wie eine einheitliche Handspielauslegung in der Bundesliga, der mitgereiste FR-Reporter hielt die Frage gar für so absurd, dass er die Augen verdrehte und Hallers Antwort gar nicht notierte. „Ja, der Traum von Baku lebt“, bedeutete der Franzose damals, beinahe selbstverständlich.

Ein halbes Jahr später ist das Finale tatsächlich nicht mehr weit entfernt, 90 Minuten nur, vielleicht auch 120 und ein paar Schüsse aus elf Metern. Ein schnöder 1:0-Sieg oder auch ein 2:2 heute Abend an der Stamford Bridge (21 Uhr/live bei RTL und Dazn) würde der Eintracht nach dem 1:1 im Hinspiel gegen den FC Chelsea reichen, um am 29. Mai in Baku antreten zu dürfen. Die Engländer aus dem Wettbewerb zu kegeln, ist eine Herkulesaufgabe, ganz klar, aber andererseits nicht unmöglich. Mit Hingabe, Mentalität und Aufopferung, mit Spielglück, einem Sahnetag und einer vielleicht etwas überheblichen Chelsea-Mannschaft könnte die Mission Impossible doch zu einem guten Ende gebracht werden – ungeachtet des deftigen Sechserpacks gegen Bayer Leverkusen vom Sonntag.

Das könnte Sie auch interessieren:SGE will sich in London nicht verstellen

Es wäre zweifelsohne ein Glanzstück und ein historischer Erfolg – der seinen Ausgangspunkt im September des vergangenen Jahres im menschenleeren Stade Vélodrome zu Marseille haben würde. Ein sehr spezielles Erlebnis. Dieses merkwürdige Geisterspiel in Südfrankreich war ganz ohne Zweifel der Wendepunkt in der bis dahin sehr holprigen Saison, ein Knackpunktspiel. Marseille, der 20. September 2018, war quasi die Geburtsstunde für das heutige Eintracht-Team, das danach die Liga rockte und zu einem der aufregendsten Teams in Deutschland und Europa wurde.

Dazu muss man wissen, dass die Eintracht vor dem ersten internationalen Auftritt in dieser Spielzeit national eher suboptimal unterwegs war, die Aussichten schienen arg trübe zu sein, es setzte Prügel im Supercup gegen die Bayern, es folgte das peinliche Pokalaus beim Viertligisten Ulm, als Titelverteidiger wohlgemerkt, und nach drei Bundesligapartien hatte die Eintracht drei Punkte auf dem Konto, die sie sich irgendwie in Freiburg ergaunert hatte. Man stellte sich auf einen langen, zähen Kampf ein, womöglich gar gegen den Abstieg.

Die Eintracht hat alle überrascht

Und dann sollten sich die Hessen in dieser Hammergruppe mit Vorjahresfinalist Marseille, dem italienischen Topklub Lazio Rom und Apollon Limassol durchsetzen? Die Öffentlichkeit, auch die Frankfurter Rundschau, war skeptisch. „Hat die Eintracht in diesem Jahr eine reelle Chance, überhaupt ins Sechzehntelfinale einzuziehen?“, fragte die FR und folgerte: „Die Frankfurter werden vornehmlich zu Hause ihre Zähler holen und auswärts hier und dort mal ein Pünktchen klauen müssen. Die große Frage: Ist die Mannschaft qualitativ dazu überhaupt in der Lage?“ Und weiter: „Niemand erwartet gegen das mit etlichen Hochkarätern gespickte Olympique-Ensemble einen Sieg. Es geht eher darum, die eigenen Farben würdig zu vertreten.“ Es kam anders. Ganz anders.

In Marseille schien zunächst alles seinen vorhergesagten Gang zu gehen: 1:0 für die Franzosen nach nur drei Minuten, die Eintracht aber berappelte sich, Lucas Torro glich aus, und eine Minute vor dem Abpfiff entschied der eingewechselte Luka Jovic, in den Begegnungen zuvor auch nur Ersatzspieler, die Partie in Unterzahl mit dem 2:1. Es war eine Willensleistung und wie eine Erlösung, ein einschneidendes Erlebnis der Marke: „Hallo, wir können es ja doch.“ Adi Hütter betont: „Das war für uns die Initialzündung.“

Was damals freilich noch niemand ahnte: Jetro Willems, der linke Verteidiger, war es, der den weiteren Saisonverlauf maßgeblich beeinflusste, durch seine Gelb-Rote Karte in Marseille und seine Rote Karte zuvor gegen Werder Bremen: Trainer Hütter kam spätestens nach der Hinausstellung in Frankreich die Idee, Filip Kostic, den Linksaußen, zurückzuziehen und als offensiven Außenverteidiger der Abwehrkette zu versuchen. Ein Geniestreich. Fortan war die Frankfurter Flügelzange aus der Taufe gehoben, links mit Kostic und rechts mit Danny da Costa. Beide denken offensiv, haben Dampf in den Füßen und reißen die Abwehrreihen mit ihren Läufen auf – beide prägen seitdem das Eintracht-Spiel.

Eintracht Frankfurt fegte über Europa hinweg

Nach dem psychologisch so wertvollen Erfolg bei Olympique und dem später in der Liga folgenden 4:1 gegen Hannover 96 war die neue Eintracht aufs Gleis gesetzt, da hatte Coach Hütter seine Mannschaft gefunden und entwickelt, das Selbstvertrauen wuchs mit jedem Sieg, und der Fußballlehrer züchtete sogar die viel zitierte „Büffelherde“ (Torhüter Kevin Trapp) heran. Das famose Angriffsdreieck mit Jovic, Ante Rebic und dem zuletzt an den Bauchmuskeln verletzten Sebastien Haller, der gestern aber mit den Kollegen im Flieger nach London saß und heute womöglich wieder zum Einsatz kommen könnte, schrieb Schlagzeilen in ganz Europa. Der Wirbelsturm pulverisierte die Konkurrenz, und Hütter hatte die Eintracht revolutioniert, sie zu einer Marke gemacht, ihr eine eigene Identität gegeben.

Die Eintracht fegte über den alten Kontinent hinweg, je zwei Siege gegen Marseille (2:1, 4:0), Rom (4:1, 2:1) und Limassol (3:2, 2:0) standen am Ende der Gruppenphase zu Buche – erstmals in der Geschichte hatte eine deutsche Mannschaft alle sechs Gruppenspiele in einem internationalen Wettbewerb gewonnen. Eine historische Bestmarke. Und so ging es weiter, selbst die aus der Champions League ausgeschiedenen und in der Europa League weiterspielenden Topteams von Schachtjor Donezk (2:2, 4:1), Inter Mailand (0:0, 1:0) und Benfica Lissabon (2:4, 2:0) konnten die Eintracht nicht aufhalten. Die Frankfurter sind es, die als einziges Team die deutschen Farben auf internationalem Terrain vertreten. Und wie: Die Auftritte waren, auch durch die heißblütigen und kreativen Fans, beispielhaft und wie aus einem Uefa-Werbevideo.

Selbst Chelsea London, in ganz andere Sphären zu Hause, konnte den Hessen vor einer Woche nicht die erste Heimniederlage im Wettbewerb beibringen, auch wenn die Engländer beim 1:1 ihre Klasse ausspielten und zeigten, welch Potenzial in ihnen schlummert. Die Eintracht wird heute über sich hinauswachsen müssen, um eine Chance zu haben. Nach 47 Pflichtspielen sind die Recken ziemlich k.o., zumal ja oft genug dieselben Spieler auf dem Platz standen; der Trend spricht nicht für sie, sie zollen der langen Saison Tribut. Das ist nur allzu normal. Vielleicht können sie sich aber an der Stamford Bridge zu einem letzten Kraftakt, einer finalen Energieleistung aufraffen, vielleicht können sie den Geist von Marseille oder auch San Siro beschwören. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Doch selbst wenn die Eintracht gegen Chelsea ausscheiden würde, hätte sie Spuren hinterlassen, tiefe Spuren. Zu verlieren hat Eintracht Frankfurt heute Abend nicht viel. Eigentlich gar nichts. Sie hat schon jetzt mehr gewonnen als jemals gedacht.

Eintracht Frankfurt - FC Chelsea

Frankfurt: Trapp - Abraham, Hasebe, Hinteregger - da Costa, Kostic - Fernandes, Rode, Gacinovic - Rebic, Jovic.

Chelsea: Kepa - Azpilicueta, Christensen, David Luiz, Emerson – Jorginho – Brozovic, Loftus-Cheek – Pedro, Giroud, Hazard.

Schiedsrichter: Ovidiu Hategan (Rumänien).

Der Eintracht fehlen: Tawatha (Sprunggelenksverletzung), Touré, Tuta, Hrgota (alle nicht gemeldet).

Lesen Sie auch:

Live-Ticker zum Europa-League-Hit: So könnte die Eintracht spielen

Für die Frankfurter Eintracht ist im Halbfinal-Rückspiel der Europa League gegen den FC Chelsea noch alles drin. Die Hessen haben sich im Hinspiel ein 1:1 erkämpft. Das Spiel im Live-Ticker.

"Chaotisches Spiel": Internationale Presse zu Chelsea gegen Eintracht

Das Elfmeter-Drama zwischen Eintracht Frankfurt und dem FC Chelseahat die Fußballfans begeistert. Doch was schreibt die internationale Presse? Eine Auflistung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare