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Die Eintracht schreibt Geschichte

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Von: Ingo Durstewitz

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Der Schuss ins Glück: Randal Kolo Muani trifft zum 2:1.
Der Schuss ins Glück: Randal Kolo Muani trifft zum 2:1. © dpa

Nach einem 2:1-Sieg bei Sporting Lissabon zieht Eintracht Frankfurt als erster Debütant ins Achtelfinale der Champions League ein - und Sebastian Rode führt den Klub ins Märchenland

Lissabon – Und dann, tief am Abend des 1. November, war es tatsächlich vollbracht: Die Spieler in den roten Hemden sanken auf den Boden und brüllten ihre Freude hinaus in den Nachthimmel Lissabons. Eintracht Frankfurt im Taumel, im Land der Glückseligkeit. Pure Ekstase im fernen Portugal. Erstmals in ihrer Vereinsgeschichte steht der hessische Bundesligist im Achtelfinale der Champions League – bei seiner ersten Teilnahme überhaupt.

Durch einen hart erkämpften 2:1-Auswärtssieg im abschließenden Gruppenspiel bei Sporting Lissabon schaffte die Eintracht auf den letzten Metern Platz zwei in der Gruppe D und wird im neuen Jahr weiter in der royalen Kaste unterwegs sein. „Wenn uns das einer 2016 gesagt hätte, hätten wir gesagt: Du hast einen an der Klatsche“, sagte Vorstandssprecher Axel Hellmann. Es ist ein unglaublicher Erfolg der Hessen, den am Dienstag Daichi Kamada und Randal Kolo Muani unter Dach und Fach brachten.

Eintracht Frankfurt dreht die Führung

Sie drehten die Sporting-Führung in einen Eintracht-Sieg. Erstmals seit fast 25 Jahren steht ein Champions-League-Neuling überhaupt im Achtelfinale. Was für eine grandiose Leistung. Hut ab, Eintracht Frankfurt. Trainer Oliver Glasner hatte die erwartete Formation ins alles entscheidende Gruppenspiel geschickt, Djibril Sow ersetzte Kapitän Sebastian Rode im Mittelfeld – ansonsten stellte der Fußballlehrer das Team auf, das Borussia Dortmund vor drei Tagen phasenweise an die Wand gespielt und höchst unglücklich mit 1:2 verloren hatte.

Doch Sporting, das sollte sich schnell zeigen, ist nicht der BVB, und die Eintracht präsentierte sich auch weit weg von der samstäglichen Galaform. Von Beginn an wirkten die Gäste irgendwie ein wenig schläfrig, ja fahrig, gar nicht so griffig und aggressiv wie in jüngster Vergangenheit. Die Portugiesen hingegen waren hellwach, quirlig und spritzig, stellten die Hessen vor große Probleme.

Eintracht Frankfurt: Kein guter Start ins Spiel

Die waren gleich in der Defensive gefordert und kamen oft ein, zwei Schritte zu spät. Bezeichnend das frühe Foulspiel des Kristijan Jakic nach nur sieben Minuten, als er den flinken Arthur Gomes völlig unmotiviert wegcheckte und sich dann noch künstlich und übertrieben über den völlig korrekten Pfiff des Schiedsrichters aufregte. Völlig unnötig. Die Gelbe Karte war die logische Konsequenz. Und aus dem Freistoß resultierte die erste Chance des Spiels, den Volleyschuss von Marcus Edwards konnte aber Torwart Kevin Trapp parieren. Kein guter Start ins Spiel.

Die Frankfurter bekamen nur selten Zugriff auf die Platzherren, sie waren einfach zu schnell und wendig. Und die Eintracht schien eine ganz schöne Last mit sich herumzuschleppen, vielleicht war die psychische Belastung vor dem diesem Endspiel in der portugiesischen Hauptstadt auch zu groß, die Mannschaft wirkte jedenfalls gehemmt, fast schon ängstlich. Vom mutigen, riskanten und gleichsam wuchtigen wie schnellen Spiel war nichts zu sehen. Das Team wirkte nervös und beladen. Zudem zu ungenau und fehlerbehaftet.

Trotzdem hatten die Hessen anfangs sogar die größte Chance, nach einer Ecke von Mario Götze war es Sporting-Spieler Paulinho, der Schlussmann Antonio Adan mit einem missglückten Kopfball zu einer Glanztat zwang (13.). Doch das beflügelte die Eintracht nicht wirklich, vieles blieb bruchstückhaft, merkwürdig zerstückelt.

Sporting nutzt den Heimvorteil

Angetrieben wurden die Gastgeber von ihren frenetischen Fans, die für eine schöne Stimmung im nicht mehr ganz so taufrischen Estadio José Alvalade sorgten – und das obwohl rund 10 000 Tickets gar nicht verkauft wurden. Auch nicht an die Eintracht-Fans, von denen viele ohne Eintrittskarten in der Stadt waren. Doch Sporting versuchte (erfolgreich) alles, um ein Barcelona 2.0 zu vermeiden, verkaufte die Billetts nur an Vereinsmitglieder. Da war es dem Klub auch egal, dass ihm einige Hunderttausend Euro durch die Lappen gingen. Doch diese Schmach wollten sich die Verantwortlichen ersparen. Verständlich irgendwie. Für Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche aber nicht. „Es ist schade. Ich finde es übertrieben. Es geht um 5000 bis 6000 Tickets. Das zeigt, wie viel Respekt sie vor uns haben.“

Auf dem Feld nutzte Sporting den Heimvorteil effektiv aus, ging vor der Pause verdient in Führung. Dieses 1:0 war typisch für den Spielverlauf und die Anfälligkeit der Eintracht, eine wahre Verkettung von Fehlern oder Unaufmerksamkeiten führte zum Tor durch Gomes (39.). Erst vertändelte Luca Pellegrini den Ball, dann attackierten Evan Ndicka, Djibril Sow und Kirstijan Jakic nicht entschlossen genug, die Flanke fälschte Sow unglücklich ab, am zweiten Pfosten kam Eric Dina Ebimbe zu spät, und Torwart Trapp hatte Pech, dass er den Ball nicht mehr zu fassen bekam. Dumm gelaufen.

Sebastian Rode: In der zweiten Halbzeit Chef im Ring

Trainer Glasner reagierte in der Halbzeit richtig, er nahm den schwachen Lindström vom Feld und brachte Kapitän Rode ins Spiel. Ein Schachzug, der voll aufging. Rode hob das Spiel sofort auf ein anderes Niveau, war sofort Chef im Ring. Mit unnachahmlicher Power und Willen führte er sein Team an und trieb es sofort nach vorne. Er war aus der Tiefe des Raumes ganz klar der Unterschiedsspieler in Lissabon. Am 1:1 war der 32-Jährige indes nicht beteiligt, da hatte die Eintracht Glück, dass Sporting-Kapitän Sebastian Coates den Ball reichlich ungeschickt mit der Hand spielte. Daichi Kamada verwandelte den Strafstoß gewohnt sicher (61.). Doch die Eintracht gab sich damit nicht zufrieden. Das entspricht nicht ihrer Mentalität, sie ging aufs Ganze, wollte dieses Finale um den Achtelfinaleinzug mit aller Macht und allem, was in ihr steckt, für sich entscheiden. Und so kam es, dass der eingewechselte Ansgar Knauff den Ball in den Lauf von Kolo Muani passte und der Franzose eiskalt vollstreckte (72.). Natürlich verschwand er anschließend in einer Frankfurter Jubeltraube. Unfassbar.

Für die Eintracht lohnt sich der große Coup natürlich auch finanziell. Sie hatte bis zum abschließenden Gruppenspiel durch die Teilnahme an der Königsklasse mehr als 30 Millionen Euro eingenommen. Mindestens 15 Millionen, eher 17, 18 Millionen wird der Klub durch die Qualifikation fürs Achtelfinale einnehmen. „Ein Meileinstein“, wie Vorstandssprecher Axel Hellmann sagte. Auf allen Ebenen. (Ingo Durstewitz)

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