War auch ein Verkaufsobjekt, blieb aber im Frankfurter Kasten: Kevin Trapp.
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War auch ein Verkaufsobjekt, blieb aber im Frankfurter Kasten: Kevin Trapp.

Eintracht in Not

Eintracht Frankfurt hängt am Tropf

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Frankfurter Bundesligist erhält eine Landesbürgschaft über 16 Millionen Euro - existenzbedrohend ist die Lage aber nicht.

Die finanzielle Situation der Frankfurter Eintracht ist aufgrund der Corona-Pandemie und ihrer Folgen höchst angespannt. Das ist kein Geheimnis und im Zirkel der deutschen Fußballelite kein Alleinstellungsmerkmal. Aber wie prekär die Lage wirklich ist, wird durch eine Mitteilung des Klubs am Mittwochnachmittag deutlich: Demnach hat der hessische Bundesligist „in Anbetracht der gegenwärtig unsicheren Lage und der weiter unvorhersehbaren Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Ertragslage im Profifußball“ einen Antrag auf eine Landesbürgschaft in Höhe von 16 Millionen Euro gestellt, der vom Bürgschaftsausschuss des Landes Hessen genehmigt worden ist. Für Insider kein donnernder Paukenschlag, doch zumindest zu diesem Zeitpunkt sehr wohl eine Überraschung.

Die Haftung der Öffentlichen Hand flankiere die „bestehende Sicherungsmittel für Kreditlinien, die wegen der Pandemie weniger werthaltig wurden“, hieß es. Mit anderen Worten: Durch ausbleibende oder stark verminderte Einnahmen (TV-Vermarktung, Ticketing, Vip-Kunden, Hospitality, Sponsoring) fehlt der Eintracht die Gewährleistung, um ihre Darlehen abzusichern. „Für Personalmaßnahmen oder Transfers wird die Bürgschaft nicht verwendet“, betonte Finanzvorstand Oliver Frankenbach. Eine Feststellung, auf die Eintracht Frankfurt großen Wert legt. Öffentliche Gelder zu nutzen, um noch mehr Millionen in ohnehin gut situierte Berufsfußballer zu stecken, wäre in diesen schwierigen Zeiten auch schwer vermittelbar.

Der 53-Jährige bekundete weiterhin: „Wir müssen uns auf einen Winter mit wenigen oder sogar keinen Zuschauern bei unseren Heimspielen einstellen. Das wird uns vor große Herausforderungen stellen“, sagte Frankenbach. „Mit der Landesbürgschaft, für die wir eine marktübliche Vergütung zu zahlen haben, sichern wir vor allem unsere lange geplanten und bereits in der Umsetzung befindlichen Infrastrukturprojekte ab.“

Die Kredite hat die Eintracht in Anspruch nehmen müssen, um eben jene Mammutprojekte zu stemmen. Von denen sind einige in der Pipeline oder schon angerollt, mehr als 75 Millionen Euro wird sie in den kommenden Jahren in Steine investieren, also in die Infrastruktur, die schon lange nicht mehr zeitgemäß ist. Die harten Einschnitte durch Corona kommen daher für den Verein, der seit dem Fast-Abstieg 2016 eine rasante Entwicklung genommen und seinen Umsatz wie kein zweiter Bundesligist gesteigert hat, zur absoluten Unzeit.

Zumal der Umsatz auf die Hälfte zusammen schnurrt, von fast 300 Millionen Euro auf 140. Die Verluste sind signifikant: In der zurückliegenden Saison waren es schon 15 bis 20 Millionen Euro, „in der laufenden Saison kommen wir ganz schnell auf 50 bis 70 Millionen Euro, wenn auch die Rückrunde weitgehend ohne Zuschauer verläuft“, sagte Vorstand Axel Hellmann im „Kicker“.

Der Bau des Proficampus‘ verschlingt rund 35 Millionen Euro, im kommenden Frühjahr ist der Einzug geplant. Hinzu kommen der Ausbau und die Modernisierung des Stadions. „Die Stadt als Eigentümerin investiert in den Ausbau auf 60 000 Plätze, wir dafür in die Digitalisierung. Das kostet uns weitere 30 Millionen Euro, plus zehn Millionen Euro für weitere Einzelmaßnahmen“, berichtete Hellmann.

Zudem hat die Eintracht seit Sommer den Betrieb des Stadions übernommen, sie zahlt an die Stadt eine Komplettmiete in Höhe von acht Millionen Euro jährlich, die Gesamtkosten werden auf 14 bis 15 Millionen Euro geschätzt. Der Verein war zwar zuversichtlich, deutlich mehr Geld einnehmen zu können – doch das war vor Corona. Die Pandemie hat da einen Strich durch die Rechnung gemacht, weil die Einnahmen, auch durch Events und Konzerte, quasi komplett wegfallen. Die Kosten sind aber natürlich auch nicht mehr so hoch.

Die generelle Entwicklung war absehbar. Schon Mitte August erreichte die FR Informationen, wonach die wirtschaftliche Lage extrem beklemmend werden könnte: „Die finanzielle Situation ist prekär und weit dramatischer als gemeinhin angenommen“, schrieb die FR. Auch deshalb verzichten die Spieler seit Monaten auf 20 Prozent ihres Gehalts, Mitarbeiter wurden in Kurzarbeit geschickt.

Nur durch Verkäufe von Leistungsträgern aus dem aktuellen Kader könne die wirtschaftliche Stabilität gewahrt und das Aufgebot womöglich entsprechend ergänzt werden, hieß es damals. Selbst die Sportliche Leitung scheute sich nicht, Leistungsträger wie Kevin Trapp, Filip Kostic oder Martin Hinteregger zumindest im Halbschatten ins Schaufenster zu stellen. Gegangen ist letztlich zwar keiner der auf dem Markt begehrten Profis, der Kader aber auch nicht mit teuren Spielern aufgepumpt worden, die Zugänge waren allesamt wirtschaftlich vernünftig darstellbar.

Das war nicht immer so, vor der letzten Saison pumpte der Klub rund 70 Millionen Euro in neue Spieler, nebst 15,5 Millionen in deren Berater. Er nahm freilich auch durch den Verkauf von Luka Jovic und Sebastien Haller mehr als 100 Millionen Euro ein - Geld, das aber nur in Raten (oder wie im Fall Haller zeitweise gar nicht) eintrudelt und die Bilanz verhagelt. Die Verbindlichkeiten stiegen auch wegen offener Forderungen anderer Klubs von 42,8 Millionen Euro auf 95,7 Millionen Euro. Die Eintracht betonte, dass sich das Minus mit den ihr zustehenden Summen aus Spielerverkäufen in etwa die Waage hielte.

Dass Vereine generell Bürgschaften in Anspruch nehmen, ist nicht neu, auch Schalke 04 hat vor einigen Monaten eine Hinterlegung des Landes Nordrhein-Westfalen gebilligt bekommen, in Höhe von 31,5 Millionen. Auch Borussia Dortmund oder Borussia Mönchengladbach nutzten diese Variante schon, in der Regel wird die Sicherheitsleistung gar nicht in Anspruch genommen.

Eintracht-Finanzchef Frankenbach warb schon im August im „Kicker“ um Verständnis: „Bundesligaklubs sind Wirtschaftsunternehmen und sollten genauso behandelt werden. Nicht besser, aber auch nicht schlechter. Es ist doch nicht so, dass Staatshilfen gefordert wurden. Aber Strukturfinanzierungen und Kreditlinien müssen besichert werden. Wenn Einnahmen wegfallen, müssen wir nach Ersatzsicherheiten suchen. Eine Landesbürgschaft kann dann durchaus eine Möglichkeit sein.“

Kollege Hellmann warnte: „Wir sehen uns mit existenziellen Fragen konfrontiert. Wenn der Spielbetrieb noch ausfallen sollte und uns damit die bestehenden Medienerlöse wegbrechen sollten, dann wird es für alle im Profifußball zum Überlebenskampf.“

Mit dem Überlebenskampf 2002 ist die aktuelle Bürgschaft nicht zu vergleichen. Damals sicherte die Helaba mit vier Millionen Euro die Lizenz für die zweite Liga und verhinderte den Absturz in die Bedeutungslosigkeit. So schlimm steht es um die Eintracht fast zwei Jahrezehnte später nicht.

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