Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

30.05.2021, xmkx, Fussball DFB Pokalfinale Frauen, Eintracht Frankfurt - VfL Wolfsburg v.l. Philipp Holzer (Eintracht Fr
+
Philip Holzer, Aufsichtratsvorsitzender von Eintracht Frankfurt, beim DFB-Pokalfinale der Frauen.

SGE

Eintracht Frankfurts Philip Holzer: „Selbst Bayern hat Probleme“

Alle Autoren
    schließen
  • Jörg Hanau
    Jörg Hanau
  • Thomas Kaspar
    Thomas Kaspar
  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
  • Daniel Schmitt
    Daniel Schmitt

Philip Holzer, Aufsichtratsvorsitzender von Eintracht Frankfurt, über finanzielle Zwänge, den Transfermarkt, vermeintliche Führungsschwäche und sein Talent für dreidimensionale Schachspiele.

Herr Holzer, vor einem Jahr haben Sie den Posten aus Aufsichtsratsvorsitzender bei Eintracht Frankfurt übernommen. Seitdem ist viel passiert, Sie mussten den Abgang eines Sportvorstandes abwickeln, dessen Nachfolger finden. Der Trainer hörte ebenfalls auf, ein neuer wurde verpflichtet, dazu Corona. Das erleben andere in zehn Jahren nicht.

Ja, das ist wahr. Es war ein Jahr mit viel Inhalt, ein Stahlbad, durch das man gehen musste. Natürlich, im letzten Saisonabschnitt haben wir etwas unter unserem Niveau gespielt, aber alles in allem ist der Plan aufgegangen: Wir spielen in dieser Saison international – das ist ein wichtiger und großer Erfolg. Ich hoffe aber, dass wir uns alle im Klub in den nächsten Jahren wieder stärker strategischen Themen widmen können. Es war auch coronabedingt ein sehr intensives Jahr.

Mal direkt gefragt: Wie ist es, einen Abgang von einem harten Hund wie Fredi Bobic abzuwickeln?

Oh ja, der Fredi ist schon ein guter Verhandler (lacht).

Eintracht Frankfurt: Philip Holzer spricht über Verhandlungen mit Bobic

Ein Beispiel vielleicht? Wie läuft solch eine Verhandlung ab?

Man tauscht Argumente aus, geht auseinander, dann trifft man sich wieder. Es ist ein bisschen wie ein dreidimensionales Schachspiel. Man konnte eindeutig sehen, warum er viele gute Verhandlungsergebnisse erzielt hat. Aber meine Vergangenheit hat mir da sicher auch geholfen in den Gesprächen, die – das will ich betonen – immer respektvoll waren. Es war intensiv, ist aber nie laut geworden.

War es eine Option, sich bereits während der Saison von Bobic zu trennen?

Nein, wir mussten schließlich auch seine Leistungen im Zusammenhang seiner fünfjährigen Tätigkeit für unsere Eintracht bewerten, zudem wollte er sich ja auch mit dem großen Erfolg des Champions-League-Einzugs verabschieden. Hätte Fredi nur ein Jahr für uns gearbeitet, wäre im Frühjahr die Beurteilung wohl anders ausgefallen. Aber: Wir kommen von 2016, vom Relegationsspiel in Nürnberg. Das muss man immer im Hinterkopf behalten. Von 60 Monaten der Zusammenarbeit mit Fredi Bobic waren 57 hervorragend.

Wo steht die Eintracht jetzt?

Wir haben uns einen hohen Stellenwert in der Fußballszene gesichert und zuletzt erfolgreich etabliert. Gerade unsere Auftritt in Europa haben mir die Gespräche mit Kandidaten für den Sportvorstandsposten dramatisch erleichtert. Was wir da geleistet haben als gesamter Verein, alle Verantwortlichen, die Spieler und Trainer, natürlich auch unsere Fans, das hat uns enorm nach vorne gebracht. Im Frühjahr hatten wir dann einen klaren Plan, haben mit einer kleinen Gruppe von Topkandidaten gesprochen, einer von ihnen ist es geworden.

Eintracht Frankfurt: Holzer trifft Kritik nicht persönlich

Zwischenzeitlich kam aber auch Kritik an Ihnen auf, dass der Bobic-Abschied und die Suche nach seinem Nachfolger zu lange dauere. Hat Sie das getroffen?

Das darf einen nicht persönlich treffen, da muss man drüber stehen. Klar, manchmal beißt man sich auf die Lippen und würde gerne ein paar Wahrheiten nennen. Aber ich habe versucht, diese Dinge auszublenden. Wie gesagt: Es ist eine Art Schachspiel.

Aber der Eintracht, also auch Ihnen als Aufsichtratschef, wurde Führungslosigkeit vorgeworfen...

Die Zeit war nicht vergnügungssteuerpflichtig.

Wie behält man seine Linie bei?

Man darf nie weglaufen, wenn eine Aufgabe schwierig wird. Übernimmt man solch ein Amt, dann will man für den Klub das Beste herausholen und muss auch Turbulenzen meistern. Ich denke aber, dass wir jetzt wieder in einem ruhigen Fahrwasser sind. Die Gremien haben gut zusammengearbeitet und waren nie nervös. Wir haben in der Krise eine große Geschlossenheit bewiesen.

NamePhilip Holzer
Geboren8. Januar 1966 in München
Funktion bei Eintracht FrankfurtVorsitzender des Aufsichtsrats
HobbysSport (vor allem Fußball, Tennis, Tischtennis), Kunst, Reisen

Eintracht Frankfurt: „Wir hatten auch niemand, den wir hätten nachschieben können“

Wurden im Frühjahr Fehler gemacht?

Ich sage es mal so: Aus jeder Situation lässt sich lernen. Wir waren aber alle der Meinung, dass wir die Saison mit dem Team, dem Trainer und dem Sportvorstand durchziehen wollen. Zum Beispiel hat der Trainer immer den Eindruck hinterlassen, total engagiert und ehrgeizig zu sein. Außerdem, so ehrlich muss man sein: Wir hatten ja auch niemand, den wir hätten nachschieben können, einen Edin Terzic hatten wir nicht in unseren Reihen. Die beiden Co-Trainer waren ja auch sehr nahe an Adi Hütter dran.

Fürs Foto kurz die Masken abgelegt: Philip Holzer (3. von links) und Eintracht-Medienchef Jan Strasheim (2. von links) zu Besuch bei der FR. Die Fragen stellten Daniel Schmitt (vordere Reihe von links), Thomas Kilchenstein und Ingo Durstewitz sowie Chefredakteur Thomas Kaspar (rechts hinten) und Sportchef Jörg Hanau.

Eintracht Frankfurt: Holzer über finanzielle Situation

Ein Themawechsel: Infolge der Pandemie weist die Eintracht ein Verlust von 45 Millionen Euro aus. Wie viel Corona kann sich der Klub noch leisten?

Ganz ehrlich, das wird auch von vielen Beobachtern, Mitgliedern und Fans oft unterschätzt. 45 Millionen Miese – wenn uns das vor vier oder fünf Jahren passiert wäre, hätte es vorbei sein können für den Verein! Die Corona-Problematik und die daraus resultierenden Finanzprobleme haben uns in einer Phase getroffen, in der wir viele Wachstumsprojekte angestoßen hatten. Wir hatten also gut gearbeitet in der jüngsten Vergangenheit. Doch beim Blick nach vorne ist unstrittig: Wir brauchen wieder die Zuschauer im Stadion und möglichst bald eine Komplettauslastung.

Können Sie bitte ein Rechenbeispiel geben?

Selbstverständlich. Auch bei einer Auslastung des Stadions von 60 Prozent machen wir, über die Saison gesehen, noch einen Verlust. Wir müssten da schon in Richtung 80, 85 Prozent liegen, damit es für uns profitabel wird. Auch Borussia Dortmund macht einen Verlust, wenn sie nur 60 Prozent Auslastung ihres Stadions haben, aber der BVB kann Kreditlinien von 150 Millionen aufnehmen. Das können wir nicht. Die Banken geben Kredite in Form von Sicherheiten. Das größte Kapital, was ein Verein hat, läuft jedoch unten auf dem Rasen herum. Aber was glauben Sie, was passiert, wenn wir zu einer Bank gehen und sagen, wir hätten gerne eine Kreditlinie auf drei unserer Topspieler?

Was denn?

Ja, da lachen die uns aus. So funktioniert das Geschäft mit Banken nun mal nicht.

Was denken Sie, wenn Fans oder Medien meckern: Der Silva ist weg und immer noch kein Mittelstürmer da. Was ist da los?

Wieso? Unser Neuzugang Rafael Borré ist doch ein Mittelstürmer.

Ja, okay, aber ein klassischer Stoßstürmer fehlt derzeit noch…

Ich weiß, auf was Sie hinaus wollen. Und ich muss da schon schmunzeln. Man muss, um das zu verstehen, sich nur mal den Transfermarkt in diesem Sommer ansehen. Da sieht man klar, dass Corona die Traditionsvereine sehr viel härter getroffen hat. Wer steht mit den Ausgaben ganz vorne? RB Leipzig, die aber auch Geld eingenommen haben. Und dann direkt Paris Saint-Germain. Die kaufen sich alles zusammen. Das ist eine Entwicklung, die mir gar nicht gefällt. PSG ist nach meiner Einschätzung der Verein, bei dem sich viele am wenigsten wünschen würden, wenn er Champions-League-Sieger wird. Auch Chelsea investiert stark, genauso wie Liverpool. Aber selbst Bayern hat Probleme, die können erst Spieler kaufen, wenn sie Spieler abgeben. Inter Mailand muss 100 Millionen Transfererlöse erzielen. Das Geschäft ist sehr viel komplexer geworden, da geht es, nur als Beispiel, auch um Zahlungsziele. Also unter anderem auch um die Frage: Wann wird die Zahlung der Ablösesumme fällig? Vielleicht gestückelt erst in fünf Jahren. Alles sehr schwierig. Einen Transfermarkt wie in diesem Jahr habe ich noch nie erlebt, es gibt im Grunde nur Verkäufer.

Wie viel Spielraum ist bei der Eintracht vorhanden?

Nicht viel. Das größte Problem ist, dass wir keine Planbarkeit bei den Zuschauern haben. Noch mal: Wenn wir bei einer Vollauslastung des Stadions mit 40 Millionen Euro bei 17 Heimspielen kalkulieren können, dann kann sich doch jeder ausrechnen, wie viel das bei 60 Prozent ist oder sogar bei Geisterspielen. Das geht nicht nur uns so, das geht allen Traditionsklubs so. Da heißt es überall nur: Wir müssen den Kader verkleinern. Aber es ist gar kein Markt da.

Zur Person

Philip Holzer , 55, gebürtiger Münchner, führt die Eintracht seit einem Jahr als Aufsichtratsvorsitzender an. Der Mann mit dem Gefühl für Zahlen, der 22 Jahre lang in führender Position bei Goldman Sachs arbeitete, war im Sommer 2020 auf Wolfgang Steubing gefolgt und erlebte gleich ein ereignisreiches Premierenjahr als Eintracht-Chef: Der Abschied von Fredi Bobic, jener von Adi Hütter, die Suche nach einem Sportvorstand, dazu Corona. „Ein Stahlbad“ sei das gewesen, sagt Holzer, einst Oberliga-Torwart, nun im FR-Interview. Mehr als zwei Stunden nahm sich der Sohn des früheren FR-Chefredakteurs Werner Holzer Zeit, den Kaffee rührte er dabei nicht an, stattdessen schienen ihm die Mohnstangen zu schmecken. (FR)

Eintracht Frankfurt: Holzer über Zuschauer in der neuen Saison

Vieles steht und fällt also mit der Zulassung von Zuschauerinnen und Zuschauern?

Genau. Wir brauchen Zuschauer. Es wäre eine Tragödie, wenn wir uns, wie jetzt, in die Europa League gekämpft haben, und wir müssten vor 10 000 Fans spielen. Finanziell und sportlich kann ich nur hoffen, dass unser Stadion so schnell wie möglich wieder bis auf den letzten Platz besetzt ist. Das frenetische Frankfurter Publikum ist ja genau das, was wir auch für sportliche Erfolgserlebnisse brauchen. Wir brauchen diese magischen Nächte, die haben Lazio Rom weggeblasen und Benfica Lissabon und noch andere. Das hat uns durch Europa getragen und uns diesen Ruf gebracht, den wir jetzt haben und der uns strategisch nach vorne gebracht hat. Diese Auftritte haben uns als Verein internationale und national in jeder Beziehung brutal nach vorne katapultiert. Und ich sage Ihnen, was noch dazukommt, was nur die wenigsten überhaupt auf dem Schirm haben...

...da sind wir ja mal gespannt.

Das Scheitern der Super League.

Wie meinen Sie das?

Da haben einige Gründungsmitglieder so gewirtschaftet, als würde die Super League sicher kommen. Sie haben sich gedacht, da kriegen wir ja 350 Millionen Euro. Die haben sie eingebucht. Und jetzt ist sie nicht da, die Super League. Gott sei Dank. Das hat mich sehr gefreut, die Dynamik, wie die Liga zum Scheitern kam. Das sind Good News für die Traditionsklubs. Da hat man gesehen, dass der Fußball die Menschen bewegen muss. Diese Super-League-Klubs haben nie im Leben mit dieser Vehemenz des Protests gerechnet und dass das Ganze so schnell zusammenfällt. Aber was heißt das? In Spanien will jeder verkaufen, in Italien auch. Frankreich hat ebenfalls Probleme. Es gibt nicht so viele Vereine, die groß investiert haben. Alle warten auf den Domino-Effekt: Die Großen holen einen Topspieler für sehr viel Geld, dann kommt von ganz oben Geld ins System, das weiter transportiert wird.

Aber der ganz große Dominostein ist noch nicht gefallen?

Bisher nicht, nein. Und selbst die Topspieler werden bisher bis zu 30 Prozent unter Marktwert transferiert. Das ist der Corona-Impact, den man einpreisen muss.

Aber die Eintracht hat doch, auch durch Spielerverkäufe, viel Geld eingenommen in den vergangenen Jahren.

Wissen Sie, wie komplex das Geschäft da ist, welche Abflüsse es gibt bei diesen Transfers, und wie viele Halbwahrheiten in der Öffentlichkeit kursieren? Wenn ich höre, Sebastien Haller sei damals für 50 Millionen Euro zu West Ham United transferiert worden – da hätten die aber dreimal Meister in der Premier League werden müssen. Es bleibt bei diesen Geschäften viel weniger hängen bei einem Verein, der einen Spieler abgibt, als die Öffentlichkeit annimmt. Zu der Summe des Top-Umsatzes, der in den Medien immer als Headline dasteht, kommen eine Menge Abzüge. Nochmals: Das, was bei uns hängen bleibt, ist sehr, sehr viel weniger.

Was erwarten Sie für die Eintracht unter diesen schwierigen Umständen für die Saison?

Bei Kaderwert und Sportetat liegen wir etwa zwischen Rang sieben und acht, und ich bin der festen Überzeugung, dass es eine Korrelation zwischen Kaderwert und sportlichem Abschneiden gibt.

„Man darf nicht weglaufen, wenn es schwierig wird“, sagt SGE-Boss Philip Holzer.

Eintracht Frankfurt: „Sehr gute Arbeit von Fredi Bobic“

Dann hat das Team die Erwartungen zuletzt klar übertroffen.

Absolut, wir haben outperformed. Deshalb streiche ich ja bis heute die sehr gute Arbeit von Fredi Bobic heraus.

Sie sprachen die Bedeutung der Fans an, haben Sie einen konkreten Vorschlag an die Politik?

Zunächst ist das Festhalten an der Inzidenz ein Faktor, der nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Für mich war immer klar: Wir müssen unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps bewahren. Dazu brauchen wir verlässliche Zahlen, wie viele Menschen tatsächlich auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Momentan ist alles ruhig, der Normalbetrieb läuft, Operationen werden planmäßig durchgeführt. Und ganz wichtig ist auch: Die Impfungen scheinen geeignet, die schweren Verläufe in Zukunft zu verhindern. Ich finde darüber hinaus: Wir müssen mehr machen, müssen mehr Menschen zum Impfen bewegen. Die Gesundheit der Menschen geht immer vor – aber wenn nur geimpfte, genesene oder getestete im Stadion sind, sollten Großveranstaltungen wieder möglich sein.

Warum, glauben Sie, stockt die Impfkampagne?

Da geistern viele Verschwörungstheorien umher. Es gibt auch einige, die glauben, sich durch eine Verweigerungshaltung gegen ‚das System‘ auflehnen zu können. Wir müssen alle kreativ überlegen, wie wir die Impfzahlen nach oben hieven können. Es ist doch eine Tragödie, wie viel von dem Impfstoff weggeworfen wird.

Eintracht Frankfurt: Atalanta Bergamo als leuchtendes Beispiel

Zurück zum Sportlichen: Vor Jahren hatten Sie den FC Arsenal als leuchtendes Beispiel für Eintracht Frankfurt genannt. Bleiben Sie dabei oder gibt es jetzt einen anderen Leuchtturmklub?

Ja. Atalanta Bergamo. Sie haben überragende Arbeit geleistet. Sie haben etwa den Sportetat wie wir, haben in den letzten fünf Jahren nur Transferüberschüsse generiert, holen sich unter anderem Spieler, die anderswo nicht funktionieren, machen sie besser, verkaufen sie mit Gewinn und lassen sich generell von der Konkurrenz oder vom Umfeld nicht unter Druck setzen. Stellen Sie sich das mal vor: Die Mailänder Vereine rümpfen die Nase, aber Bergamo geht seinen Weg. Beeindruckend.

Nehmen Sie eigentlich in irgendeiner Form Einfluss auf das sportliche Tagesgeschäft?

Ich finde, man muss hohes Vertrauen in den Sportvorstand setzen. In den elf Jahren, in denen ich im Aufsichtsrat der Eintracht Fußball AG sitze, habe ich eines gelernt: Je mehr du denkst, du verstehst etwas von diesem Geschäft, desto mehr wirst du eines Besseren belehrt. Wenn also jemand tagtäglich mit der Mannschaft arbeitet, wie das ein Trainer oder auch der Sportvorstand tut, hat er einen derartigen Wissensvorsprung, dass man das mit ein bisschen Draufschauen aus einer gewissen Distanz niemals kompensieren kann. Für mich ist entscheidend: Hat der Trainer noch die Mannschaft? Und grundsätzlich gilt: Ich erhoffe mir weiterhin Kontinuität für meine nächsten vier Amtsjahre. Wir hatten zuletzt nur zwei Trainer in fünf Jahren, das ist ein guter Schnitt und ich würde gerne so weitermachen. Ich hätte also nichts dagegen, wenn Sportvorstand und Trainer, die beide langfristig bei uns unterschrieben haben, ihre Verträge erfüllen.

Sie reden also ihren Kollegen im Vorstand nicht rein, selbst bei krachenden Niederlagen?

Ich finde, wenn man in der Öffentlichkeit steht, muss man sich zusammenreißen und bei allen Emotionen besonders Ruhe ausstrahlen, sollte immer erst intensiv nachdenken und Fakten sortieren. Der Vorstand ist operativ für das Geschäft zuständig, ich mische mich da nicht ein. Ich stelle höchstens ein paar Fragen, wir diskutieren, aber der deutsche Titel meines Jobs ist einfach gut gewählt: Aufsicht und Rat. Trotzdem muss man genau wissen, was passiert, muss viel Detailkenntnis haben, sonst kann man keinen guten Rat geben.

Was halten Sie nach den ersten Wochen von Ihrem neuem Coach, Oliver Glasner?

Nach allem, was ich bisher höre, hinterlässt er einen sehr guten Eindruck. Sehr strukturiert, sehr kommunikativ, er kann Spieler besser machen.

Wo sehen Sie die Eintracht in ein paar Jahren?

Ich wäre zufrieden, wenn wir uns unter den Top acht etablieren als einer von vier Traditionsklubs mit Bayern, Dortmund, Gladbach. Die anderen vier, fünf sind anders zu bewerten, also Leipzig, Leverkusen, Wolfsburg, zudem Hoffenheim oder Hertha BSC. Und man weiß nicht, was die anderen womöglich mit Kapitalaufnahmen auf die Beine stellen: Beim FC Augsburg zu Beispiel, wo jetzt David Blitzer eingestiegen ist, einer der Besitzer von Crystal Palace. Und es läuft ja auch nicht immer so, wie etwa zuletzt bei der Hertha, die mit den ersten 300 Millionen ihres Sponsors Windhorst nicht gerade Bäume ausgerissen hat. Womöglich gibt es andere, die mit 300 Millionen ganz andere Dinge anstellen.

Eintracht Frankfurt: Jugend forscht

Steuern Sie mit Ihrem Modell, sagen wir: Jugend forscht, also mit ganz jungen Spielern wie Fabio Blanco, dagegen an?

Wir müssen es wieder schaffen, aus dem Nachwuchsleistungszentrum verstärkt Spieler in den Kader der Profimannschaft zu bringen. Aber diese Jungs muss man behutsam aufbauen. Andererseits beginnt Mitte September für uns die Europa League, da haben wir kaum geregeltes Training. Da müssen wir genau schauen, wie wir mit den jungen Spielern umgehen, wie wir sie einsetzen und fördern. Es ist ja nicht alltäglich, dass solch ein Spieler wie Blanco nach Frankfurt kommt. Da bin ich schon stolz darauf. Und wir haben die Verpflichtung, ihn und andere auch gut weiterzuentwickeln. Denn es muss unser Modell sein, für viele unbekannte, von unseren Scouts entdeckte Talente zu holen, sie gut auszubilden und dann möglicherweise zu verkaufen. Transfererlöse sind und bleiben ein wesentlicher Teil unserer Einnahme-Säule.

Gäbe es einen Zauberstab für die Eintracht, was würde er bewirken?

Da wäre mein Fokus auf dem Leistungszentrum. Dass wir endlich ein paar Nachwuchskräfte nach oben bringen. Das wäre auch aus Sicht der Bindung an die Rhein-Main-Region wichtig. Zumal es unstrittig ist, dass wir im Fußball eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen, die auseinanderdriftet. Es gibt nur ganz wenige Themen, die uns noch gemeinsam an einen Tisch bringen wie der Fußball. Da haben wir bei der Eintracht schon einen guten Job gemacht. Da bin ich stolz drauf. Ich bin auch stolz auf unsere politische Haltung, mit der ich mich total identifizieren kann. Wir sind ein Multikulti-Klub in einer Multikulti-Stadt. Wir sind ein Tor zur Welt. Ich muss auch sagen: Die Stadt Frankfurt und ihre attraktive Umgebung ist bei den Spielern sehr beliebt. Und unser neues, gerade fertiggestellte Proficamp direkt neben dem Stadion, das uns weitere 40 Millionen Euro gekostet hat, wird uns einen weiteren Schub geben, das allen Spielern hervorragende Bedingung bietet und unsere Eintracht verstärkt zu einer guten Adresse in der Welt des Fußballs macht.

Interview: Ingo Durstewitz, Thomas Kilchenstein, Daniel Schmitt, Jörg Hanau und Thomas Kaspar.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare