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Mijat Gacinovic: Vom Krämpgen geplagt.

Eintracht - Chelsea 

Eintracht Frankfurt mit Mut und einem Ass im Ärmel

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    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt blickt dem Rückspiel in London mit Respekt, aber vorsichtigem Optimismus entgegen – Ante Rebic könnte entscheidender Faktor werden.

In Paris haben die Sportsmänner Kevin Trapp und David Luiz einst gemeinsame Sache gemacht, da waren sie Mannschaftskameraden und sind gute Freunde geworden. Am Donnerstagabend standen sich der deutsche Nationaltorwart und der einstige brasilianische Auswahlspieler als Kontrahenten gegenüber, Trapp hält ja mittlerweile wieder Bälle für die Eintracht, Luiz verteidigt, wie schon einmal, für den FC Chelsea. Als sich die beiden Kumpels nach dem Abpfiff des packenden Halbfinalduells der Europa League in die Arme nahmen, da ruhte die Rivalität, Wuschelkopf Luiz war es vielmehr ein Bedürfnis, dem früheren Mitstreiter seine Wertschätzung darzubringen. „Ihr ackert ja wie verrückt, es ist schwer, gegen Euch zu spielen“, bedeutete er dem Eintracht-Keeper nach dem 1:1 voller Hochachtung. Kevin Trapp nahm den Ball gerne auf: „Wir haben noch mal eine Schippe draufgelegt, alles gegeben. Jetzt kann alles passieren“, sagte die Leitfigur. „Ich bin stolz auf das, was wir geleistet haben.“

Hazard und Willian kosten so viel wie das SGE-Team

Stolz war eine inflationär benutzte Vokabel an diesem Abend, der tatsächlich wieder genau so wurde, wie es viele erwartet und erhofft hatten: aufregend, spektakulär, erinnerungswürdig. Nachdem das Remis im ersten Frankfurter Halbfinale im Europacup nach 39 Jahren besiegelt war und einige Eintracht-Spieler entkräftet und von Krämpfen geschüttelt zu Boden sanken, verließ kaum ein Zuschauer die zuvor bebende Arena im Stadtwald: Die Fans feierten ihre Mannschaft, die gegen einen in allen Belangen überlegenen Gegner einen fürwahr wahnsinnigen Fight abgeliefert hatte, nach allen Regeln der Kunst ab, und als Spieler und Trainergespann Arm in Arm vor der Kurve schunkelten und andächtig lauschten, wie aus zehntausender Kehlen die Vereinshymne „Im Herzen von Europa“ geschmettert wurde, hatten nicht wenige Besucher eine Ganzkörpergänsehaut und Tränen in den Augen. „Das war ein absoluter Achtungserfolg gegen eine absolute Topmannschaft“, urteilte Coach Adi Hütter, für den das Duell ebenfalls von besonderer Bedeutung war: „Es war ein cooles Gefühl, in einem europäischen Halbfinale auf Chelsea zu treffen. Es war eines der größten Spiele, die ich bisher erleben durfte.“

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Es war wieder einmal ein Abend voller Emotionen und Leidenschaft – hervorgerufen durch eine großartige kämpferische Darbietung der Eintracht, die ob der spielerischen Dominanz der Engländer manches Mal die Orientierung verlor, sich aber mit aller Wucht und Energie gegen eine drohende Niederlage und dem damit wohl ziemlich sicheren Ausscheiden stemmte. „Das war noch mal ein anderes Niveau als die Gegner zuvor“, stellte Hütter fest. Und Sportvorstand Fredi Bobic rekapitulierte: „Chelsea hat uns phasenweise vor Riesenprobleme gestellt.“ Im nächsten Atemzug lobte er aber die Moral und Opferbereitschaft seiner Mannschaft: „Wir haben uns am Ende noch einmal raus gequält, mit Mentalität und Leidenschaft – ich habe alles gesehen, was ein Fußballspiel braucht.“ Die Kräfteverhältnisse rückte auch Mijat Gacinovic ins rechte Licht: „Chelsea wechselt dann Hazard für Willian ein, damit ist ja alles gesagt.“ Beide zusammen sind 200 Millionen Euro schwer. Zur Verdeutlichung: Der gesamte Eintracht-Kader mit 34 Akteuren hat einen Marktwert von 261 Millionen Euro.

Und doch: Gerade die Schlussphase dürfte den Hessen Mut fürs Rückspiel am kommenden Donnerstag in London an der altehrwürdigen Stamford Bridge im Stadtteil Fulham machen, weil sie sich da von der Umklammerung Chelseas befreien konnten und sich noch mal zu rasanten Gegenangriffen aufrafften. Das war zum einen fürs eigene Selbstverständnis und den Glauben wichtig, zum anderen aber auch ein Signal an den mächtigen Konkurrenten von der Insel, bis zur letzten Minute ein ebenbürtiger Gegner zu sein. Trainer Maurizio Sarri hatte die Aufmüpfigkeit und Widerstandsfähigkeit der Eintracht sehr genau registriert. Bei einem leichtfertigen Ballverlust in der Endphase flippte er aus und stapfte wutschnaubend durch seine Coaching Zone, als sei das längst eingemottete HB-Männchen lebendig geworden. Zur Absicherung wechselte er schließlich Mateo Kovacic für den deutliche offensiveren und hervorragend spielenden Ruben Loftus-Cheek ein. Kleine, aber nicht unbedeutende Zeichen.

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Auf die leichte Schulter werden die Londoner den Außenseiter aus Deutschland wohl eher nicht nehmen, auch wenn der FC Chelsea die qualitativ deutlich bessere Mannschaft stellt. Das stellt niemand ernsthaft in Abrede. Die Eintracht wird mit ihren Mitteln und Tugenden dagegenhalten und versuchen, die Sensation Realität werden zu lassen. „Wir brauchen mehr als eine Topleistung“, sagte Adi Hütter. „Aber wir werden mit Selbstvertrauen und Mut nach London reisen. Wir müssen an unsere Stärken glauben.“

Sportchef Fredi Bobic erinnert an den letzten großen Auswärtscoup im internationalen Wettbewerb, den eiskalten und hochverdienten 1:0-Erfolg bei Inter Mailand, der den Einzug ins Viertelfinale bescherte. „Vielleicht können wir den Geist von San Siro beschwören“, bekundete er. „Vielleicht bekommen die Jungs an der Stamford Bridge diesen Extraschub. Ich bin davon überzeugt, dass sie alles raushauen werden und versuchen, die Sensation zu schaffen – und ich traue es ihnen zu.“

Die Eintracht wird in London einen ausgesprochen guten Tag erwischen, auf ein wenig Fortune und einen nicht ganz so entfesselt aufspielenden Gastgeber hoffen müssen, wenn sie eine Chance haben will, das große Finale am 29. Mai in Baku zu erreichen. „Alles ist möglich“, sagte Hütter, der bei den Engländern „die Trümpfe in der Hand“ liegen sieht. Er selbst aber hat auch noch ein Trumpfass im Ärmel, das er ausspielen wird: Ante Rebic. Der kroatische Vizeweltmeister, im Hinspiel gesperrt, könnte ein entscheidenden Faktor sein, mit seiner Wucht, Schnelligkeit und Furchtlosigkeit kann der Stürmer „jeder Abwehr Probleme bereiten“, wie Hütter zu Recht sagte. „Er kann unangenehm für David Luiz und Andreas Christensen sein.“

„Wir“, konstatierte Gelson Fernandes am Ende eines denkwürdigen Abends, „wir sind noch am Leben.“ Oder: It ain’t over till it’s over – es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist.

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