André Silva

Eintracht Frankfurt: Lob für André Silva - Rüffel für Goncalo Paciencia 

  • Ingo Durstewitz
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Eintracht-Stürmer André Silva zeigt eine reife Leistung, Landsmann Goncalo Paciencia hingegen wird vom Trainer angezählt.

  • André Silva überzeugt im Spiel gegen Leipzig
  • Der erste Auftritt wie ein Bundesligaprofi
  • Goncalo Paciencia zunächst auf der Bank

Das letzte Mal, dass André Silva seiner eigenen ganz unvoreingenommenen Einschätzung nach bei einem Leistungsvermögen von rund 200 Prozent war, das war vor dem entscheidenden Gruppenspiel in der Europa League gegen Vitoria Guimaraes. Nach dem blamablen 2:3 zu Hause gegen die Portugiesen, das dennoch mit Hängen und Würgen für die K.o.-Phase reichte, bewerte die Redaktion dieser Zeitung den 73-minütigen Auftritt des 24-jährigen Stürmers von Eintracht Frankfurt betont nüchtern und bescheinigte ihm eine arg schwächelnde Leistung. „Fleißig, aber glücklos, ihm will nicht viel gelingen, das reicht so nicht.“ Das war im Dezember 2019.

Eintracht Frankfurt: Lieblingsgegner RB Leipzig

Am Dienstagabend, zwei Monate später, strahlte der Stürmer nach dem verdienten 3:1 im DFB-Pokalachtelfinale gegen den neuen Frankfurter Lieblingsgegner RB Leipzig wie ein Honigkuchenpferd und frohlockte, nach seinem Gesamtzustand befragt: „Ich bin bei 200 Prozent.“ Mal wieder also. Rein mathematisch gesehen ist diese Einlassung, wie auch Trainer Adi Hütter feststellte, natürlich Nonsens, und André Silva* meint das mit den potenten 200 Prozent auch nicht so bierernst. Was der Angreifer ausdrücken will, ist ebenso klar: „Leute, ich bin fit, ich stehe voll im Saft, ich bin allzeit bereit.“

Es hat eine ganze Weile gedauert, ehe der als Kronprinz von Megastar Cristiano Ronaldo gefeierte Mann aus der Gemeinde Baguim do Monte endlich angekommen zu sein scheint in Frankfurt. Anfangs, okay, da traf er noch recht regelmäßig, auch wenn er nicht so wirklich überzeugend spielte, aber dann setzte ihn eine Reizung der Achillessehne, sowieso seine Achillesferse, außer Gefecht. Er fand seinen Rhythmus nicht mehr, wirkte nicht austrainiert und auch phlegmatisch, fast schon pomadig.

Eintracht Frankfurt gegen Leipzig: Solider Auftritt von Andre Silva

Die Hinrunde verlief für ihn gerade zum Schluss denkbar mies, er spielte zeitweise gar keine Rolle mehr. Auch im Trainingslager in Florida musste er wieder kürzertreten, die Wade, und viele fragten sich, ob das noch mal was werden würde mit dem Nationalspieler und wie er denn eigentlich jemals überhaupt mit Cristiano Ronaldo in einem Atemzug genannt werden konnte.

Am Dienstag im Spiel gegen die Bullen aus Leipzig und den Büffel aus Frankreich, Dayot Upamecano, spielte Silva zwar nicht die Sterne vom Himmel, aber er trat vielleicht zum ersten Mal wie ein Bundesligaprofi auf, der verstanden hat, um was es geht, was von ihm erwartet wird und wie er sich auf dem Spielfeld zu verhalten hat. Silva zeigte keine „sehr, sehr gute Leistung“, wie sie Trainer Adi Hütter gesehen haben wollte, aber eine seriöse, professionelle, vielversprechende.

Makoto Hasebe lobt André Silva: „Ein super Stürmer“

Nervenstark präsentierte er sich obendrein, den wichtigen Führungstreffer machte er aus elf Metern vom Punkt. Den Ball hatte er sich schon geschnappt, da war Schiedsrichter Felix Brych noch auf dem Weg zum Monitor, um sich die unübersichtliche Handspielszene noch einmal genau anzusehen. Auch ein Zeichen eines gesunden Selbstvertrauens. „Ich arbeite hart, ich bin gut in Form“, sagte er später. Die Kollegen nehmen den Formanstieg erfreut zur Kenntnis. „Er hatte keine einfache Zeit“, warf Mijat Gacinovic ein. „Aber er wird immer besser.“ Dass er eine Unmenge Potenzial auf den Rasen bringt, wissen sie sowieso: „Er kann alles, ist ein kompletter Stürmer“, sagte Makoto Hasebe. „Fußballerisch ist er klasse, hat ein gutes Kopfballspiel und einen guten Torschuss. Ein super Stürmer.“

Silva nahm am Dienstag, und das ist auf diesem Niveau in Deutschland unabdingbar, den Kampf und das Spiel an, ging keinem Duell aus dem Weg und rieb sich auf in den Abnutzungsgefechten mit dem Brecher Upamecano, an dem man schon mal zerschellen kann. „Er hat sich in jeden Zweikampf reingehauen“, lobte Coach Hütter. Silva agierte überdies klug, ließ sich mal fallen, hielt den Ball und verteilte ihn, ein feiner Techniker ist er ja ohnehin, es war eine reife Vorstellung, Erwachsenenfußball eben.

Eintracht Frankfurt: Trainer Adi Hütter sagt, der „Knopf ist aufgegangen“

„Ich denke, dass jetzt der Knopf aufgegangen ist und er verstanden hat, dass er auf dem Platz arbeiten muss“, konstatierte Hütter und fügte augenzwinkernd an, dass die Südländer es eben auch mal lockerer angehen lassen und den Laissez-faire-Gedanken ein wenig zu sehr ausleben. „Portugiesen sind halt manchmal so, dass sie so ein bisschen mit dem Ball spielen wollen.“ Also mit Hacke, Spitze und auch noch Trallalla. „Wenn du in der Bundesliga aber nicht richtig arbeitest und anläufst, wird es schwer.“

Eine Lektion, die auch Landsmann Goncalo Paciencia, mit insgesamt zehn Treffern noch immer bester Frankfurter Schütze, lernen musste. Nach seiner Nicht-Leistung in Düsseldorf verbannte ihn der Coach jetzt auf die Bank. Ein Denkzettel, den er mit einer klaren Ansage untermauerte. Er habe schon mal „zeigen“ wollen, dass ein Trainer einen solchen „personellen Wechsel anstreben“ müsse, wenn ein Spieler zu wenig für den Erfolg der Mannschaft tue. „Ich kann nicht akzeptieren, wenn einer weniger arbeitet“, sagte Hütter scharf. „Das hat er von mir mitbekommen.“

In Ungnade ist der Mittelstürmer deshalb aber nicht gefallen, in der Schlussphase wechselte ihn Hütter ein und bescheinigte ihm völlig zu Recht einen guten Kurzauftritt, das dritte Tor der Eintracht, gleichzeitig das zweite von Filip Kostic, hatte Paciencia per Kopfballverlängerung eingeleitet. „Gonca ist wertvoll für uns“, betonte Hütter. „Und ich denke, dass er das in Zukunft auch wieder zeigen wird.“

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