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Der erstaunliche Aufschwung des Almamy Touré

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Von: Ingo Durstewitz

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Nicht mehr Bruder Leichtfuß: Almamy Touré hat erheblichen Anteil am Gewinn des Europa-League-Pokals.
Nicht mehr Bruder Leichtfuß: Almamy Touré hat erheblichen Anteil am Gewinn des Europa-League-Pokals. © Jan Huebner

Tribünengast war einmal: Eintracht-Verteidiger Almamy Touré ist aus der ersten Elf nicht wegzudenken und könnte sogar verlängern.

Frankfurt – Über die Frage, ob er schon einmal einen solch herrlichen Treffer erzielt habe wie jenen in dem eher unbedeutenden Testspiel gegen den FC Turin (3:1) am Freitag kann Almamy Touré nur schmunzeln, man könnte auch sagen, nur müde lächeln. Klar hat der Eintracht-Verteidiger schon einmal ein ähnliches Traumtor gemacht, ein deutlich wichtigeres, wer kann sich nicht erinnern an diesen Hammer aus 18 Metern im Heimspiel gegen RB Leipzig, Ende Januar 2020, kurz bevor die Welt erst einmal stillstehen sollte.

Martin Hinteregger hatte den Ball herein geflankt, und Touré die Kugel mit Vollspann in den Winkel gejagt. Mit 106 Stundenkilometern. „Tor des Monats“, jubilierte der damalige Trainer Adi Hütter. Mitspieler Djibril Sow, nicht als Scharfschütze bekannt, war sichtlich beeindruckt. „Dass er so schießen kann, wusste ich nicht“, sagte er. „Das wusste er wohl selbst nicht.“ Wer weiß. Filip Kostic, noch so ein Ballermann, erzielte das 2:0 und beerdigte die Leipziger Titelträume.

Eintracht Frankfurt: Treffer gegen Turin war kein Zufall

Der Frankfurter Abwehrspieler hat jedenfalls ganz schön Schmackes in seinem rechten Huf, insofern war auch der Führungstreffer im Privatspiel gegen den italienischen Erstligisten aus Turin bestimmt kein Zufall. Sein fulminanter Kracher aus 20 Metern ließ den Kasten beben und das Tornetz fast bersten. „Er wusste nicht mehr, was er machen sollte, also hat er draufgehauen“, kommentierte Coach Oliver Glasner lächelnd.

Auch wenn Distanzschüsse nicht zur Kernkompetenz des malischen Nationalspielers zählen. Dazu gehören eher eine robuste Zweikampfführung, Schnelligkeit, sauberes Kopfballspiel und auch technische Fertigkeiten. Touré, da sind sich alle Experten und Trainer einig, bringt alles mit, um einen gutklassigen Verteidiger auf gehobenem Niveau zu geben. Doch er setzt es oft nicht um, er bringt, wenn man so will, seine PS nicht auf die Straße. Das war unter Adi Hütter so und auch unter Nachfolger Glasner.

In dreieinhalb Jahren kommt er nur auf 53 Bundesligaspiele, das ist deutlich weniger als die Hälfte der möglichen Einsätze. In der zurückliegenden Saison war er lange außen vor, pendelte zwischen Ersatzbank und Tribüne, in den ersten 14 Ligapartien in diesem Jahr musste er 13-mal komplett zuschauen. Und doch: Wenn heute die neue Runde mit den vielen Herausforderungen beginnen würde – an Almamy Touré würde kein Weg vorbei führen, er wäre gesetzt. Keine Frage.

Eintracht Frankfurt: Almamy Touré unverzichtbarer Teil der Abwehr

Das hat sich schon gegen Ende der vergangenen Spielzeit angedeutet, denn die ist für den französisch-malischen Fußballer mit einem Happy End zu Ende gegangen – und damit ist nicht singulär der triumphale Europa-League-Erfolg gemeint. Der 26-Jährige hat einen nicht unerheblichen Anteil am Titelgewinn, in der entscheidenden Phase wurde er gebraucht – und überzeugte auf ganzer Linie. Seit den Viertelfinalspielen gegen den FC Barcelona war er, weil Martin Hinteregger ausfiel und Evan Ndicka einmal gesperrt fehlte, ein unverzichtbarer Teil der Abwehr, er trat hochkonzentriert auf, fokussiert – obwohl er einen Kaltstart hinlegte, von null auf 100 kommen musste,

„Er ist das beste Beispiel dafür, dass man in die Mannschaft kommen kann, wenn man dranbleibt, zuhört, sich nicht hängenlässt und das umsetzt, was der Trainer erwartet“, lobt Sportvorstand Markus Krösche. Touré hatte eigentlich niemand mehr auf der Rechnung. „Bruder Leichtfuß im Abseits“, titelte die FR.

Nein, leicht sei die Zeit zu Beginn der Rückrunde nicht gewesen, sagt der aus Monaco gekommene Abwehrmann jetzt. Aber auch die Arbeit mit dem auf Anraten von Ex-Eintracht-Spieler Gelson Fernandes engagierten Mentaltrainer habe ihm gut getan. „Er hat mir Hilfestellungen gegeben, gerade in der Zeit, in der ich nicht viel gespielt habe.“ Und er hilft ihm auch, Körper und Geist im Einklang zu halten. Innere Ruhe und Wachsamkeit sind für Sportler eminent wichtig. Das war immer das Problem des hochveranlagten Spielers, der zu Wankelmut und Blackouts neigt. „Das ist eine Frage des Kopfes und des Selbstbewusstseins“, findet Touré. Beides stimme momentan. „Deshalb haben sich auch die Fehler minimiert.“

Gute Miene zum Handkäs

Er profitiert auch vom Karriereende von Hinteregger. Dadurch rückte Kollege Tuta in die Mitte, die Position rechts in der Zentrale wurde frei. „Es liegt jetzt an mir, dranzubleiben und meine Leistung zu bestätigen“, sagt er. „Ich fühle mich seit Monaten gut, die Arbeit zahlt sich aus.“ Für Touré sind Achterbahnfahrten nichts Neues, Ex-Coach Hütter sah in ihm so viel Potenzial, dass er ihn trotz mäßiger Leistungen immer wieder aufstellte, so oft gar, bis gar keiner mehr wusste, weshalb Touré überhaupt noch spielte, wahrscheinlich Hütter selbst nicht mehr. Dann ließ er ihn gnadenlos fallen.

Der große Unterschied: Touré wird nun nicht mehr als stürmender Außenverteidiger eingesetzt, was ihm nicht so liegt, sondern endlich auf der Position, auf der er sich selbst sieht und die sich für ihn, wie er sagt, natürlicher anfühlt, weil er dort ausgebildet wurde: in der Innenverteidigung. „Er kann ganz rechts mal aushelfen“, findet auch Manager Krösche. Aber im zentralen Deckungsverbund sei er deutlich stärker. „Da sehen wir ihn.“ Er sich selbst auch.

Touré, ein erstaunlich abgeklärter und aufgeweckter Bursche, der sich auch gerne unter die Fans mischt und selbst beim traditionellen Handkäs-Frühstück im Trainingslager die für ihn ungewohnte Speise probiert (und in vollen Zügen genießt), weiß aus eigener Erfahrung, wie rasch es in dem Geschäft nach oben und unten geht. „Ich bin froh, dass das Pendel jetzt in meine Richtung ausschlägt.“

Und dann ist der Verteidiger, der nur noch ein Jahr gebunden ist, sogar gefragt worden, wie es denn mit einer Vertragsverlängerung aussehe. „Vielleicht wird irgendwann die Zeit kommen, darüber zu spreche“, sagt er. „Wir haben tolle Sachen erlebt, ich fühle mich wohl. Wenn sich die Option ergeben sollte, werde ich darüber nachdenken.“ Die Eintracht-Führung tut das schon. Almamy Touré, Tribünenhocker war einmal. So schnell geht’s. (Ingo Durstewitz)

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