Kein Stressfußball mehr

Eintracht Frankfurt und der neue Pragmatismus

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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Eintracht Frankfurt richtet sich defensiv aus, ist von vom Stressfußball abgerückt und wendet sich einem neuen Pragmatismus zu.

  • Eintracht Frankfurt mit neuem System
  • Schmeichelhafter Punkt bei Fortuna Düsseldorf
  • Es fehlen Offensiv-Spieler

Es vergeht kaum ein Gespräch mit Eintracht Frankfurts Trainer Adi Hütter, in dem er nicht auf die „Situation, in der wir stecken“, hinweist. Auch am Samstag nach dem höchst schmeichelhaften Remis in Düsseldorf bettete er die Nicht-Leistung seiner Elf in den Gesamtkontext ein, sprach von hohen Erwartungen und Ansprüchen, die das Team nicht erfüllen könne und dass „wir nicht in der Verfassung sind, einen Gegner wie die Fortuna an die Wand zu spielen“. Hütter war heilfroh, mit einem blauen Augen davongekommen zu sein: „Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Punkte“, betonte er, schließlich wäre die Fortuna bei einem Sieg bis auf sechs Zähler herangekommen. „So bleibt der Abstand bei neun“, rechnete Hütter vor. „In unserer Situation nehmen wir den Punkt gerne mit.“ Mit anderen Worten – und ohne eine Koryphäe der Deutungskunst zu sein – heißt das auch: Adi Hütters Blickrichtung ist klar umrissen, sie geht nicht an die Spitze, sondern in den Keller.

Eintracht Frankfurt: Sicherheit geht vor

Safety first lautet das neue Motto der Eintracht und ihres verantwortlichen Fußballlehrers. Das Konzept Kompaktheit ist ja bereits nach den ernüchternden Auftritten und Resultaten vor Weihnachten aus der Taufe gehoben und stringent umgesetzt worden. Mit Erfolg, wie sieben Punkte belegen.

Die neue Herangehensweise hat aber ihren Preis, sie geht zulasten der Attraktivität des Spiels und der eigenen DNA, der eigenen Philosophie. Denn der Fußball, den die Eintracht anbietet, hat wenig mit dieser urigen Frankfurter Wildheit, dem Heißblütigen und Draufgängerischen zu tun, für das die Mannschaft unter Adi Hütter fast immer stand. „Eintracht Frankfurt hat sich das Ungestüme auf die Fahnen geschrieben, den Vorwärtsgang, das fast schon Anarchische“, schrieb die FR noch im Oktober. Davon ist nichts mehr geblieben.

Eintracht Frankfurt will nichts mit dem Abstieg zu tun haben

Momentan schaut es so aus, als würde sich die Eintracht irgendwie ins Ziel retten wollen, durchmogeln, Hauptsache nicht in arge Nöte geraten, nur nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Das ist ein völlig legitimer Ansatz, auch die Verantwortlichen wären mit einem Mittelfeldplatz zufrieden. „Es ist wichtig, in der Spur und in ruhigem Fahrwasser zu bleiben“, sagte Vorstand Axel Hellmann jüngst. „Wenn wir eine sichere Saison spielen mit dem einen oder anderen Glanzlicht, dann haben wir eine Menge erreicht.“ Das ist eine gesunde Einstellung, und in der Tat kann der Bundesligist zufrieden sein, wenn er in dieser Spielzeit irgendwo im Niemandsland einläuft. Denn der „Bruch im Kader“ (Hellmann) vor dieser Saison war zu groß, um einen neuen Anlauf gen Europa starten zu können.

Diese Erkenntnis hat sich offenbar auch bei Coach Hütter durchgesetzt, der von seiner eigenen Maxime abgewichen ist und seine Mannschaft deutlich defensiver ausrichtet als zuvor. Stressfußball, Pressing und geballte Angriffspower waren einmal, die rasanten Auftritte in Hochgeschwindigkeit gehören der Vergangenheit an. Der Offensivliebhaber aus Österreich hat seine Ideale vielleicht nicht verraten, aber er hat sie der Realität angepasst, er orientiert sich am Machbaren, hat einen neuen Pragmatismus eingeführt. Auch das zeichnet einen guten, klugen Trainer aus.

Eintracht Frankfurt: Kaum noch Spieler in der Offensive

Hütter setzt auf Stabilität und Widerstandsfähigkeit, auf Kärrnerarbeit und verdichtete Räume, auf Maloche und Sperrigkeit. So spielt man bestimmt keine Sterne vom Himmel, es ist auch meist nicht schön zum Anschauen, aber so wird man mit einiger Wahrscheinlichkeit sicher ins Ziel kommen. „Mutig sein, heißt nicht, dass man auch die Spiele gewinnt“, sagte der Trainer erst vor dem Spiel in Düsseldorf.

Als Konsequenz aus der indiskutablen Leistung im ersten Abschnitt entschied sich Hütter dann dazu, in der Halbzeitpause den offensiven Daichi Kamada vom Feld zu nehmen und den defensiven Stefan Ilsanker zu bringen, der noch keine Minute mit seinen neuen Kollegen trainiert hatte. Das hatte zur Folge, dass nur noch zwei Spieler auf dem Platz standen, die wirklich der Offensive zuzurechnen und auch entsprechend ausgerichtet sind: Linksaußen Filip Kostic und Stürmer André Silva. Natürlich war es nicht Hütters Plan, gänzlich auf Offensivbemühungen zu verzichten und ganz sicher hat er seinen Spieler nicht mit auf den Weg gegeben, den Ball über zwei, maximal drei Stationen laufen zu lassen, ehe man ihn wieder dem Gegner überlässt, aber die gesamte Denke ist eher auf Kontrolle ausgerichtet. Fast schon dramatisch ist auch, dass der klügste Fußballer im gesamte Ensemble in der Rückrunde noch gar nicht gespielt hat: Makoto Hasebe saß drei Spiele lang auf der Bank.

André Silva hatte kaum Bindung zum Spiel - gibt aber die Vorlage

Bezeichnend ist, dass der einzige Wintertransfer Ilsanker ein Sechser war, der für Mentalität und Willenskraft steht. Es war, mal zurückhaltend formuliert, gewagt, auf eine Verpflichtung eines Offensivspielers, sei es Stürmer oder Kreativkraft im Mittelfeld, verzichtet zu haben. Nachdem Dejan Joveljic nach Anderlecht verliehen, Mijat Gacinovic und Bas Dost unpässlich waren, saß in Düsseldorf nur noch eine einzige Offensivkraft auf der Bank: André Silva. Der Portugiese hatte zwar nur sechs Ballkontakte, aber das 1:1 vorbereitet. Immerhin.

Von Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

Ein Eintracht-Fan erobert gerade mit einer Aufkleber-Aktion ganz Deutschland. Auch Peter Fischer macht mit. 

Rubriklistenbild: © dpa

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