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Bedient nach dem Viererpack von Leverkusen: Eintracht-Torwart Kevin Trapp.

Abwärtsspirale

Alarmglocken läuten immer lauter: Eintracht Frankfurt auf Talfahrt

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt kassiert eine ernüchternde Klatsche bei Bayer Leverkusen und rauscht langsam in die Abstiegszone. 

  • Eintracht Frankfurt geht in Leverkusen unter
  • SGE muss allmählich um den Klassenerhalt bangen
  • Mannschaft ohne Energie

Martin Hinteregger, der rustikale Kultkicker bei Eintracht Frankfurt, hätte die schmachvolle 0:4-Niederlage in Leverkusen mit ein klein wenig mehr Durchschlagskraft weniger schmachvoll gestalten können. Er hatte, da stand es erst 0:3, eine prima Gelegenheit zum Anschlusstreffer, erst wehrte Leverkusens Torwart Lukas Hradecky seine Direktabnahme ab, dann spitzelte der Österreicher die Kugel mit der Spitze neben das Tor. Nichts war es mit dem achten Pflichtspieltreffer des Verteidigers und einer Ergebniskosmetik.

Und man wäre gespannt gewesen, was Hinteregger dann gesagt hätte. Denn seine Interpretration der 90 Minuten war einigermaßen eigenwillig. Klar, räumte der 27-Jährige ein, sei Bayer Leverkusen „optisch überlegen“ gewesen, habe schnell mit 2:0 in Front gelegen, aber: „Ich hatte dennoch nicht das Gefühl, dass Leverkusen gefährlich werden oder ein Tor erzielen könnte.“ Die Eintracht hätte gar 60 Minuten „sehr gut und konsequent verteidigt“. Im ersten Augenblick dachte man, Martin Hinteregger mache sich einen Spaß, wollte die Berichterstatter veräppeln, doch er meinte es ernst.

Eintracht Frankfurt befindet sich derzeit auf einer rasanten Talfahrt

Zuvor war schon sein Abwehrkollege Almamy Touré mit einer ebenso erstaunlichen, ja weltfremden Aussage auffällig geworden. Wenn man in die „erste Tabellenhälfte“ wolle, „müssen wir schleunigst unsere Auswärtsbilanz“ verbessern, ließ der Franzose übersetzen, der zuvor 90 Minuten von seinem wieselflinken Landmann Moussa Diaby vorgeführt worden war. Obere Tabellenhälfte? Keine gefährliche Aktionen?

Es steht zu hoffen, dass diese beiden befremdlichen Aussagen nicht die Meinung des Gros‘ der Mannschaft abbilden und allein der Hektik einer ersten Reaktion geschuldet sind. Denn sonst könnte es ein böses Erwachen geben.

Eintracht Frankfurt, man muss das in dieser Deutlichkeit sagen, befindet sich derzeit auf einer rasanten Talfahrt – zumindest in der Bundesliga. Dort, im Brot-und Buttergeschäft, läuft aktuell einiges nicht rund, das Team hinkt gewaltig hinterher. Man muss nun wahrlich nicht die Apokalypse ausrufen, noch nicht, aber die eine oder andere Alarmglocke sollte schon läuten im Stadtwald.

Eintracht Frankfurt muss sich Gedanken um Klassenerhalt machen

Eintracht Frankfurt muss sich damit auseinandersetzen, mittlerweile zum Kreis derer zu gehören, die sich ernsthafte Gedanken um den Klassenerhalt machen sollten. Trainer Adi Hütter sagte nach dem 0:4 (0:2) gegen Bayer Leverkusen, er mache sich „noch keine Sorgen“, im gleichen Atemzug aber räumte er ein: „Wir sind in einem sehr gefährlichen Bereich.“ Die Tabelle könne jeder lesen, „wir müssen sie im Auge behalten“. Das Polster nach ganz unten ist zwar noch vorhanden, könnte angesichts der nächsten Herausforderungen - zu Hause gegen Mönchengladbach, in München, gegen Freiburg, in Wolfsburg - aber geschwind schmelzen.

Dazu tanzen die Frankfurter weiterhin auf ihren drei Hochzeiten, dazwischen stehen noch die Spiele im Europapokal gegen den FC Basel und das Halbfinale im DFB-Pokal an. Lukas Hradecky, der frühere Frankfurter Torwart, erwähnte nicht zu Unrecht, dass die SGE selbst im Vergleich zum Spitzenteam Leverkusen bereits sechs Spiele mehr in den Knochen stecken hatte. Und das habe sichtbare Folgen: „Ich habe die Eintracht stärker erwartet. Die Mannschaft war energielos.“

Die letzten drei Bundesligaspiele von Eintracht Frankfurt gingen allesamt verloren

Die jüngsten Erfolge in den beiden Cup-Wettbewerben haben auch ein wenig den Blick auf die wirkliche Gefahr vernebelt. In der Liga werden die Hessen Stück für Stück durchgereicht. Die letzten drei Bundesligaspiele gingen allesamt verloren bei 1:10 Toren. Das ist fast schon wieder die erschütternde Torbilanz von Ende der Hinrunde, als sie in sieben Spielen lediglich einen Punkt holten und im Schnitt zwei Gegentore pro Spiel kassierten.

In Leverkusen etwa, monierte Hütter jetzt, wären die ersten beiden Gegentreffer „irrsinnig leicht“ zu verhindern gewesen. Und nimmt man die Ausbeute aus der Hinrunde zum Maßstab, dann wird einem angst und bange: Da holte die Eintracht gegen die Teams, gegen die jetzt gespielt werden muss, genau vier Zähler. Zudem stehen die Frankfurter im Verdacht, in der Endphase der Saison kräftemäßig regelmäßig einzubrechen. Dies, zumindest, soll der Eintracht laut Adi Hütter nicht passieren, er habe stärker als im vergangenen Jahr rotiert, in Leverkusen etwa hatte Kapitän David Abraham um eine Pause gebeten. Doch auch die Nachrücker wussten sich nicht aufzudrängen.

Natürlich, befand der Coach, könne man in Leverkusen verlieren. Es gehe aber auch um die Art und Weise, und „ich bin sauer und ärgere mich, weil wir nicht das gespielt haben, was wir uns vorgenommen hatten“. Es mangelte an der Kompaktheit, am Zusammenspiel, es fehlte die Bissigkeit und Aggressivität in den Zweikämpfen. Bayer hatte die Eintracht-Hintermannschaft nach eine Viertelstunde bereits zweimal filetiert. Kai Havertz, den Hütter als „einen der besten Spieler, den ich je gesehen habe“, adelte, und Karim Bellrabai brauchten die Bälle nach feinem Kombinationsfußball nur noch über die Linie zu schieben. Im Grunde war die Partie damit entschieden. Eintracht Frankfurt machte es der Werkself leicht, beim 0:1 sah Almamy Touré alt aus, als er einen simplen Flachpass nicht abfing. „Das ist nichts Schweres“, monierte Hütter. „Da musst du den Passweg zumachen, dann kannst du den Ball stoppen und nach vorne spielen.“

Eintracht Frankfurt legt Revision gegen Kostic-Strafe ein

Ach das Spiel in die Spitze war nicht gut, „nach vorne haben wir nicht gut Fußball gespielt“, deckelte Hütter, der letzte Pass sei unsauber gespielt worden, die letzte Entscheidung die falsche gewesen. Und wenn dann auch noch Schlüsselspieler wie Filip Kostic aus dem Spiel genommen sind, ist es vorbei mit der Frankfurter Herrlichkeit.

Die SGE wird im Übrigen nun doch gegen die Entscheidung des DFB-Sportgerichts Revision einlegen, Kostic für vier Spiele zu sperren. Die Strafe sei viel zu hart. „Das sind wir dem Spieler schuldig“, betonte Sportvorstand Fredi Bobic. Ob Kostic in der nächsten Saison überhaupt noch für Eintracht Frankfurt spielt, ist unwahrscheinlich, der 27-Jährige ist heiß begehrt. In Frankfurt fühlt er sich aber auf jeden Fall wohl: Jüngst hat sich der Serbe eine Immobilie in Stadionnähe gekauft.

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