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Ab in den Europa-Modus

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Von: Daniel Schmitt

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Oliver Glasner von Eintracht Frankfurt
Eintracht-Trainer Oliver Glasner. © Kevin Voigt/Imago Images

Eintracht Frankfurt spielt eine Saison zwischen Hui und Pfui – ab jetzt zählt nur noch der Europa-Modus.

Frankfurt – Kurz vor dem Jahreswechsel legte der Fußballlehrende Oliver Glasner die Messlatte recht hoch. Er, der nunmehr seit knapp zehn Jahren im Trainergeschäft arbeitende Ex-Verteidiger, könne schließlich aus Erfahrung sprechen. In der Regel, so Glasner damals sinngemäß, werden seine Mannschaften im zweiten Saisonabschnitt stets besser. Das bezog der 47-Jährige nicht nur auf die reinen Ergebnisse, sondern auch auf die fußballerische Fortentwicklung seiner Spieler - im Einzelnen und im Kollektiv. Glasner führte dann noch die Monate Januar und Februar an, in denen seine aktuelle Truppe, jene von Eintracht Frankfurt, endlich mal konsequent an ihren Schwächen (und Stärken) feilen könne. Kurzum, so des Österreichers Blick in die Glaskugel: Da kommt noch was.

Viereinhalb Monate später bleibt festzuhalten: Der Trainer lag richtig - und daneben. Etwas flapsiger ausgedrückt: Europa League hui, Bundesliga pfui. Wie traditionellerweise in den vergangenen Jahren knüpften die Hessen nämlich auch dieses Mal im Alltag nicht an die Leistungen aus der Hinrunde an. In unschöner Regelmäßigkeit ist die Rückrunde in Frankfurt ja die schlechtere Halbserie. So auch diesmal. Die Hessen holten in bislang 13 Ligapartien des Jahres zwölf Punkte. Die Bilanz eines Abstiegskandidaten.

Eintracht Frankfurt verabschiedet sich aus Rennen um Europa

Mit der 0:2-Niederlage bei Union Berlin hat sich die Eintracht – im übertragenen Sinne – mehr oder weniger endgültig aus dem noch laufenden Bundesligabetrieb verabschiedet, im Grunde hatte Glasner dieses Zeichen mit seiner Nominierung der Reservisten für die Startelf selbst gegeben. Wohlgemerkt: Die Personalwechsel waren verständlich nach dem erst drei Tage zuvor errungenen Coup von Barcelona. Natürlich wird der Coach in Berlin trotzdem auf einen Punktgewinn gehofft haben, insgeheim aber war die Pleite wohl eingepreist.

So reift vier Ligaspiele vor Ultimo die Erkenntnis: Wirklich doll war das alles nicht in dieser Bundesligarunde. Mittelmaß in einer Umbruchsaison mit dem faden Beigeschmack einer enttäuschenden Rückserie. In der Kaderzusammensetzung (vor allem im Angriff) wurden Fehler gemacht, spielerisch nachhaltig entwickelt hat sich die Mannschaft nur im Spätherbst, anschließend in Nuancen. Kritik, die berechtigt scheint -– und auch wieder nicht.

Gegner von Eintracht Frankfurt: West Ham mit ähnlichem Stil

Denn da ist ja Europa, die grandiosen Festtage, die prickelnde Ballnächte, die Eintracht am Maximum. Der Triumph gegen den Weltklub Barca wird lange, wohl für immer in Erinnerung bleiben. Stets wird diese Saison mit dem Weiterkommen in Camp Nou verbunden sein - überstrahlt könnte dies nur noch vom Cupgewinn werden. Die Glasner-Truppe wird all ihre Energie in die zwei (bestenfalls drei) Partien auf internationaler Bühne legen. Auch abseits des Sports wurden die Planungen für die Halbfinalspiele gegen West Ham United sowie das Finale am 18. Mai in Sevilla längst angeschoben. In Barcelona hatte der Klub am Vorabend der Sensation etwa 600 Gäste geladen. Ähnliches dürfte auch unter spanischer Sonne für eine etwaige Endspielteilnahme geplant sein. Lumpen lassen, das wollen sie sich bei Eintracht Frankfurt um ihren Marketingexperten, den Vorstandssprecher Axel Hellmann, nicht.

Doch ganz so weit ist es eben nicht, selbst das Hinspiel in London ist ja nur eineinhalb Wochen entfernt, wenn auch in den Köpfen sehr nah. Vorher wartet auf die Eintracht der Alltag gegen Hoffenheim. Was also tun? Möglicherweise einfach laufen lassen und die Kräfte schonen? Sicher wird die Eintracht kein Risiko eingehen und angeschlagene Spieler aufs Feld schicken, womöglich könnte Glasner aufgrund der Europacup-Hinspielsperre von Verteidiger Evan Ndicka eine andere Abwehrbesetzung testen, der komplette Schongang aber mutet als der Sache hinderlich an. Ihren Rhythmus, ihre Form sollten die Profis nicht verlieren, lässt sich doch nicht immer auf Knopfdruck der Europa-Modus anschalten.

Zuletzt gegen Sevilla und Barcelona ist dies der Eintracht zwar vortrefflich gelungen, als Garantie für eine Wiederholung aber dient dies nicht. Zumal die beiden spanischen Qualitätsteams mit ihrer Spielweise perfekt passten zu jener der Eintracht. Sie mögen es ja in Frankfurt, den Ball dem Gegner zu überlassen, durch aggressives Anlaufen den Kontrahenten aus der Ordnung zu bringen und schnell umzuschalten. Mit West Ham wartet nun jedoch ein Gegner auf die Frankfurter, der einen ähnlichen Ansatz pflegt.

Die Londoner werden sehr sicher sehr viel kerniger in die Zweikämpfe gehen als zuletzt Sevilla und Barcelona, für sie hat die Europa League – wie für Eintracht – eine enorme Bedeutung. In der K.o.-Runde bezwang der Traditionsklub den FC Sevilla, immerhin Europa-League-Dauersieger, und Olympique Lyon. Der Tabellensiebte der Premier League scheint auf den ersten Blick zwar machbarer für die Eintracht als die beiden spanischen Opponenten zuvor, genau darin aber liegt eine Gefahr. Unterschätzen sollte niemand die Hammers. Sie verfügen neben einer das Team prägenden Lauf- und Leidensfähigkeit, dem Willen und der Zweikampfhärte, auch über fußballerische Klasse. Finanziell sind sie den Frankfurtern ohnehin voraus.

Die werden sich erneut in der Rolle des (leichten) Außenseiters wiederfinden, freilich eine, die ihnen seit Jahren liegt. Ob nun im Pokalfinale 2018, der formidablen Europa-League-Saison 2018/19, oder auch jetzt - eines haben die Frankfurter trotz manch Schwäche bewiesen. Punktuell können sie über sich hinauswachsen. (Daniel Schmitt)

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