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Eintracht Frankfurt im Finale: Ticketanfragen übertreffen alle Erwartungen

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Von: Ingo Durstewitz

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Die Eintracht muss die Zügel anziehen und in einen anderen Modus schalten, um sich auf Glasgow einzustimmen.

Frankfurt – Nun hat sich auch noch der letzte Gegner als Fan von Eintracht Frankfurt geoutet, ganz ungeniert und ungefragt. Die Eintracht ist ja zurzeit total en vogue, es ist schwer in Mode, sich als Sympathisant erkennen zu geben. Ilkay Gündogan („Kein deutscher Verein macht international so viel Spaß wie Eintracht“) hat’s getan, Mats Hummels („Wow, Eintracht, unglaublich mitreißend“) oder Bastian Schweinsteiger („Macht einfach Spaß“).

Am Sonntag nach dem belanglosen 1:1 von Borussia Mönchengladbach in Frankfurt ließ es sich Nationalspieler Jonas Hofmann nicht nehmen, den Eintracht-Spielern seine Aufwartung zu machen. „Ich wünsche mir, dass sie den Pokal holen, deshalb habe ich den Jungs viel Glück gewünscht“, sagte der 29-Jährige. Noch auf dem Feld. Im persönlichen Gespräch. „Nächste Woche drückt jeder deutsche Fußballfan der Eintracht die Daumen.“ Sevilla, 18. Mai, Tag des Endspiels der Europa League gegen die Glasgow Rangers. Es hat sich herumgesprochen.

„Nächste Woche drückt jeder deutsche Fußballfan der Eintracht die Daumen“

Jonas Hofmann von Borussia Mönchengladbach
Jonas Hofmann im Spiel gegen die Eintracht mit Paciencia und Barkok. Im Finale der Europa League drückt er der Eintracht die Daumen.
Jonas Hofmann (Mitte) drückt der Eintracht im Finale der Europa League die Daumen. © Revierfoto/imago

In Frankfurt hat die Vorbereitung auf das nächste Jahrhundertspiel längst begonnen, die Planungen laufen auf Hochtouren – vor und hinter den Kulissen. Es ist nicht weniger als das wichtigste Spiel seit Jahrzehnten, vergleichbar vielleicht mit Rostock damals, 16. Mai 1992, der Griff nach den Sternen, der Meisterschale, die dann nach Stuttgart wanderte. Eintracht Frankfurt versank in einem See voller Tränen, ein Trauma nach diesem Drama an der Ostsee. Unauslöschlich. Nun die nächste Chance.

Und alle wollen irgendwie dabei sein, scheuen weder Kosten noch Mühen. Am Montag teilte die Eintracht mit, dass sie weit über 100 000 Anfragen für Finaltickets vorliegen hat. Das übertrifft das verfügbare Kontingent um mehr als das Zehnfache. Vorstandssprecher Axel Hellmann sagte dazu: „Wir haben mit einer sehr großen Anfragewelle gerechnet, doch dieses Interesse innerhalb von 48 Stunden ist schlicht gigantisch und hat unsere Vorstellungen bei Weitem übertroffen.“

Axel Hellmann: „Es wird viele Enttäuschte geben“

So groß die Freude über die Unterstützung unserer Fans sei, so herausfordernd werde die Ticketzuteilung. Bis Ende der Woche soll die Zuteilung abgeschlossen sein. Hellmann: „Wir wissen, dass es viele Enttäuschte geben wird. Ich versichere, dass wir uns um jedes Ticket, an das wir auf offiziellem Wege kommen, bemühen, um möglichst vielen Fans die Möglichkeit geben können, in Sevilla dabei zu sein.“

Sogleich wurde auf das Public Viewing am Finaltag in der Arena verwiesen, auch dieses Kontingent von 50.000 Plätzen werde zeitnah ausverkauft sein, erklärte der Klub, der sich im Ausnahmezustand befindet. Hellmann ist davon überzeugt, „dass uns trotz des Public-Viewing-Angebots mehrere zehntausende Anhänger begleiten werden.“

Eintracht Frankfurt will Geschichte schreiben

Im Grunde geht es in acht Tagen in Spanien nur darum, Geschichte zu schreiben. Oder eben zu scheitern. Es ist ein einziges Finale, da gibt es einen Triumphator und einen Unterlegenen. So ist das in der Welt des Sports, Gold oder Silber, Erster oder Zweiter. Für die Eintracht steht in Sevilla, mal zugespitzt formuliert, die ganze Saison auf dem Spiel.

Eintracht im Finale

Sevilla erwartet Fan-Ansturm

Natürlich wäre die Leistung der Mannschaft, ja des ganzen Vereins auch bei einer Niederlage großartig und gar nicht hoch genug zu bewerten. Die Eintracht hat schon jetzt wieder viele Herzen erobert und neue Freunde gefunden, sie hat sich selbst und den deutschen Fußball würdig vertreten, weithin sichtbare Ausrufezeichen auf der internationalen Landkarte hinterlassen. Diese Europa-League-Saison ist und bleibt eine famose, das Team ist in zwölf Spielen ungeschlagen geblieben, hat in einem epischen Rückspiel den glamourösen Weltklub FC Barcelona aus dem Wettbewerb geworfen und mit 30.000 Eintracht-Fans das legendäre Camp Nou übernommen. Momente für die Ewigkeit. Und das ist nicht mal übertrieben.

Eintracht Frankfurt gegen Glasgow: Zwei Schwergewichte aus der zweiten Reihe

Aber in diesem Finale am 18. Mai geht es um mehr, es geht darum, zu vollenden, sich zu krönen – mit dem Titel. Der zweite Platz würde schal schmecken, sich für die Eintracht nach dieser emotionalen Reise mit so vielen Glanzlichtern irgendwie falsch anfühlen – selbst wenn das natürlich auch für die Rangers gilt, die ebenfalls eine grandiose Runde gespielt, Dortmund und Leipzig ausgeschaltet haben und ganz genauso nach dem Pokal lechzen. Es wird ein Duell zweier Schwergewichte aus der zweiten Reihe, aber mit großer Tradition, mit viel Adrenalin und Hingabe. Beide Klubs leben, sie pulsieren.

Für die Eintracht wäre ein Sieg ungemein wichtig, um ihre Bedeutung und ihr Gewicht zu erhöhen, um wahrgenommen zu werden als aufstrebender Klub, der gehört und gesehen werden will. Der Titel würde den Verein auf eine andere Stufe hieven – und neue Perspektiven eröffnen. Die Eintracht wäre direkt und erstmals für die Champions League qualifiziert und dort auch noch als Gruppenkopf gesetzt. Verheißungsvoll.

Zusatzeinnahmen kann die Eintracht für den Kader ausgeben

Das würde den Klub finanziell entlasten und könnte helfen, hochkarätige Spieler zu holen oder Leistungsträger zu halten. Kein Geheimnis ist, dass Sportvorstand Markus Krösche – ohne Zusatzeinnahmen – dazu verpflichtet ist, einen Transferüberschuss zu erwirtschaften, also Leitfiguren verkaufen muss. Mit der Königsklasse im Rücken würde sich der Spieß umdrehen, er könnte sogar versuchen, begehrte und leistungsstarke Profis wie Filip Kostic, Daichi Kamada oder Evan Ndicka längerfristig zu binden.

Noch mauert Manager Krösche, blockt Fragen dazu kategorisch ab. „Wir werden unsere Transferstrategie nicht verändern“, sagt er nur und schiebt das Thema weit weg. Erst einmal auf Mainz konzentrieren, dann auf Glasgow. Und überhaupt: „Wir sollten nicht das Fell des Bären verteilen, bevor er erlegt ist.“

Bleibt vielleicht, wenn es mit dem Titel klappt: Evan Ndicka (rechts), Objekt der Begierde.
Bleibt vielleicht, wenn es mit dem Titel klappt: Evan Ndicka (rechts), Objekt der Begierde. © dpa

Sollte der große Traum andererseits jäh zerplatzen in 90 oder 120 Minuten oder aus elf Metern, ja, dann würde erst einmal die große Leere herrschen, eine Art Schockstarre einsetzen. Europa würde in der neuen Saison dann nur im Fernsehen laufen, ein Spieler wie Ndicka wäre sicher nicht zu halten. Man müsste die Bundesligasaison aufarbeiten und tiefgehend analysieren – was natürlich auch bei einem Triumph in acht Tagen geschehen würde. Denn gerade über die Darbietungen in diesem Jahr kann die Sportliche Leitung nicht einfach so hinweggehen. Das Klassenziel (Europa) ist weit verfehlt worden, die Eintracht wird nach dem letzten Spiel in Mainz am Samstag irgendwo im grauen Mittelfeld einlaufen – nach einer indiskutablen Rückrunde. Schon jetzt steht fest, dass es die schlechteste zweite Halbserie seit mehr als einem Jahrzehnt wird. Nur 2011 in der Rückrunde der Schande holte die Eintracht weniger Punkte (acht).

Eintracht-Spiel gegen Gladbach war wie ein Fanfest

Die Verantwortlichen wissen, was in einer Woche auf dem Spiel steht, weshalb sie ab sofort die Zügel anziehen und die Spannung hochfahren werden. Klar ist, dass die Zeit der Freude über das Erreichte vorüber sein wird, genug der Feierlichkeiten. Die Partie am Sonntag gegen Mönchengladbach hatte so in etwa den Charakter eines Fanfestes mit einem netten Freundschaftsspiel als Rahmenprogramm.

Erst wurde der langjährige Kapitän geehrt, dann kamen alle Abgänger zum Einsatz und durften sich vom Publikum verabschieden, anschließend ging es mal wieder auf eine Ehrenrunde, sogar Ex-Trainer Adi Hütter stand mittendrin, strahlte wie ein Honigkuchenpferd und freute sich mit seinen alten Schützlingen. Fast wäre er mit ihnen mit auf die Runde gegangen. Drei Tage nach dem Einzug ins Finale war das alles absolut in Ordnung und auch im schönen, angemessenen, würdigen Rahmen.

Eintracht Frankfurt: Noch nichts gewonnen

Doch nun gilt es für den ganzen Verein, in einen anderen Modus zu schalten, in den Angriffsmodus. Die Eintracht muss sich fokussieren, alles unterordnen, sie muss Widerstandsfähigkeit entwickeln und diese Stärke von innen heraus beschwören, sie muss wieder diese besondere Atmosphäre erzeugen, in der es möglich ist, Grenzen zu versetzen.

Die Mannschaft, ja der ganze Klub, muss in den Euro-Tunnel hinein mit nur einem großen Ziel vor Augen: den Europa-League-Sieg. Denn bis auf Renommee, unvergessene Erinnerungen und Sympathien hat die Eintracht noch nichts gewonnen – das kann sie erst am Mittwoch, 18.Mai, im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan zu Sevilla. (Ingo Durstewitz)

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