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Kämpfte erfolgreich gegen die tückische Krankheit an: Marco Russ, nach dem 1:1 im Relegationsspiel gegen Nürnberg.

Es war einmal: 19. Mai 2016

Drama um Marco Russ

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19. Mai 2016: Im Relegationsspiel von Eintracht Frankfurt gegen Nürnberg gerät die Partie in den Hintergrund.

Hinterher stand Marco Russ ganz allein am Zaun, seine beiden Kinder Moses und Vida als Unterstützung dabei. Tapfer hob er den Daumen. „Kämpfen Marco, kämpfen“ skandierten die Treuesten der Treuen auf der Tribüne, die Mannschaft stand hinter ihrem Verteidiger und applaudierte. Schon vor dem Spiel hatte das Stadion ein wunderbares Gespür für die Situation entwickelt und beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung bei jedem Spieler den Namen „Russ“ gerufen.

Was war das für ein Drama.

Einen Tag vor dem ersten Relegationsspiel am 19. Mai 2016 gegen den 1. FC Nürnberg war bei Marco Russ eine Hodenkrebserkrankung festgestellt worden. Es war eine gespenstische Szenerie, die Staatsanwaltschaft kam mit großer Kapelle auf das Eintracht-Gelände, zeitweise kursierten Dopinggerüchte, auch wurde der medizinische Befund angezweifelt. Das ist Eintracht Frankfurt bitter aufgestoßen, auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung war alles anders als zuträglich. Die Reaktionen aus Nürnberg waren zudem unglücklich: Torwart Raphael Schäfer hatte gesagt, er glaube, „wenn einer wirklich schwer krank ist, kann er kein Fußball spielen.“ Und der damalige Club-Trainer René Weiler sprach von „einer Inszenierung“. Beide revidierten später ihre Aussagen. Und Marco Russ, damals 30 Jahre alt, hatte nach eingehender Rücksprache mit Trainer Niko Kovac tatsächlich 90 Minuten Fußball gespielt.

Doch als ob nicht schon genug Tragik diese Partie aufgeladen hätte, so unterlief ausgerechnet Russ kurz vor der Pause ein Eigentor. Es war erst sein viertes in zwölf Profijahren. Es war überhaupt das erste Mal, dass der 1. FC Nürnberg vor das Frankfurter Tor gekommen war. Ohne einen einzigen eigenen Torschuss war der Club zur Führung gelangt. Es war geradezu unfassbar, ausgerechnet Russ brachte sein Team ins Hintertreffen. Das nämlich war es, was die Eintracht unbedingt verhindern wollte: einen Gegentreffer. Später sah Russ auch noch die zehnte Gelbe Karte, als die Eintracht am drauffolgenden Dienstag die Rettung mit einem 1:0-Sieg in Nürnberg schaffte, lag Russ bereits auf dem Operationstisch. Längst hat der „Russer“ die tückische Krankheit besiegt, heute steht er gegen Nürnberg wohl wieder im Aufgebot.

Immerhin hatte Mijat Gacinovic in der zweiten Hälfte noch das 1:1 erzielen können. Sehr viel mehr Möglichkeiten hatten die Gastgeber trotz drückender Überlegenheit nicht. „Wir hatten vielleicht zwei, drei halbe Chancen“, sagte Alex Meier. Trainer Niko Kovac freilich baute das Team gleich wieder auf: „Wir sind nicht hingefallen, aber wir haben ein kleines Bein gestellt bekommen.“ Im Rückspiel sicherte dann ein Tor von Haris Seferovic der Eintracht den Klassenerhalt.

Erstaunlich auch, was seitdem in den dreieinhalb Jahren passiert ist. Die Eintracht spielt europäisch, der Club gegen den Abstieg. So trennen sich Wege.

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