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„Ich bin immer noch der Junge aus einem kleinen Dorf“

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Wie im Traum: Kristijan Jakic. Foto: Imago Images
Wie im Traum: Kristijan Jakic. Foto: Imago Images © Imago/Sven Simon

Eintracht-Profi Kristijan Jakic über zwei famose Jahre, das Fehlen von Filip Kostic und seine Nichtnominierung für die Nationalelf Kroatiens.

Herr Jakic, das Highlight-Spiel gegen Tottenham liegt kaum drei Tage zurück, da wartet das absolute Kontrastprogramm, das Spiel beim abgeschlagenen Tabellenletzten aus Bochum. Wie bekommt man das sortiert im Kopf?

Seit Mittwochmorgen liegt der Fokus auf Bochum. Das Spiel dort ist enorm wichtig, denn je besser man in der Bundesliga abschneidet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, nächstes Jahr erneut international dabei zu sein. Das ist also eine ganz einfache Rechnung eigentlich.

Klar, aber wie kann man sich darauf mental einstellen? Eben noch gegen Harry Kane und Co., am Samstagnachmittag gegen einen No-Name-Stürmer.

Das ist für mich kein Problem, weil ich jedes Spiel mit 100 Prozent angehe, egal ob Freundschaftsspiel, Pokal, Bundesliga oder Champions League. Ich gehe immer mit voller Motivation ins Spiel. Egal, wer mein Gegenspieler ist. Und Bochum sollte man trotz des schwachen Saisonstarts respektieren.

Aber gegen Tottenham war Ivan Perisic ihr Gegenspieler, Kroate, Kollege aus der Nationalmannschaft. Ist das nicht etwas Besonderes, redet man da miteinander?

Im Spiel will ich meine Kraft nicht mit Reden vergeuden. Klar, vor dem Spiel haben wir uns begrüßt, auch danach ein bisschen gequatscht, aber während des Spiels guckt jeder nur auf sich und sein Team.

Kurz vor Schluss im Spiel gegen Tottenham hatten Sie noch eine spektakuläre Szene, ein Solo über den halben Platz und das ganze Stadion dachte, Sie würden aufs Tor schießen.

Das hatten wohl auch meine Mitspieler gedacht. Daichi (Kamada; Anm. d. Red.), auf den ich passen wollte, hat mir hinterher auch gesagt, er habe nicht mehr mit einem Abspiel gerechnet und abgeschaltet. Das war unglücklich. Aus meiner Sicht war es eine gute Chance, die wir besser hätten ausspielen müssen.

Nun also der VfL Bochum, noch ohne Sieg, sieben Spiele verloren. Es wäre der Klassiker für Eintracht Frankfurt: Den Tabellenführer Union Berlin geschlagen, Tottenham Paroli geboten und dann gegen die graue Maus Bochum verlieren.

Ja, das kennen wir, auch aus der letzten Saison, etwa als wir bei Olympiakos gewonnen und dann die Begegnung in Bochum 0:2 vergeigt haben. Entscheidend wird sein, maximal fokussiert in dieses Spiel reinzugehen, um es zu gewinnen. Wir müssen immer alles investieren, sonst kriegen wir ruckzuck ein, zwei Gegentore und verlieren Spiele, die man nie verlieren darf. Wir werden Bochum definitiv nicht unterschätzen. Ich weiß: In der Bundesliga kann jeder jeden schlagen.

Sie sind jetzt ein gutes Jahr in Frankfurt und haben viel erreicht: Stammspieler, Europa-League-Sieger, Berufung in die Nationalmannschaft, Champions League. Müssen Sie sich nicht manchmal kneifen, ob das alles wahr ist?

Stimmt, das ist wie ein schöner Traum. Die vergangenen zwei Jahre waren außergewöhnlich gut, auch schon in Kroatien mit Dinamo Zagreb lief es für mich prima, wir haben den nationalen Pokal geholt, waren in der Europa League im Viertelfinale und haben davor Tottenham ausgeschaltet. Das alles ist die Belohnung dafür, dass ich jeden Tag alles raushaue, ich gebe immer 100 Prozent, ob im Training oder im Spiel.

Habe diese Erfolge und diese neu errungene Popularität Sie als Mensch in irgendeiner Form verändert?

Das kann ich nicht beurteilen, aber laut meinen Freunden und meiner Familie bin ich immer noch der Alte. Es gibt ja auch keinen Grund, mich zu verändern, ich bin immer noch der Junge aus einem kleinen Dorf. Ich hebe nicht ab.

Hat sich für Sie etwas verändert, seit Filip Kostic und Ajdin Hrustic den Verein verlassen haben? Beide sprechen Ihre Sprache, beide sind gute Freunde geworden.

Ich bedauere es sehr, es ist sehr schade. Wir drei waren jeden Tag zusammen, haben uns unterstützt und gepusht. Wir haben auch in der Freizeit viel miteinander unternommen. Mir persönlich fehlt Filip ganz besonders. Er hat mir damals, als ich neu hier war, viel geholfen, war mein erster Ansprechpartner in der Kabine. Das war für mich jetzt schon eine Umstellung, als sie beide gegangen sind. Aber ich bin überglücklich, dass Hrvoje (der kroatische Verteidiger Smolcic; Anm. d. Red.) da ist. So ist wenigstens noch einer vom Balkan hier (lacht).

Mal zur aktuellen Mannschaft. Wie stark ist sie denn im Vergleich zum letzten Jahr? Immerhin sind Filip Kostic und Martin Hinteregger nicht mehr dabei.

Klar fehlen sie. Andererseits haben wir super neue Spieler dazu bekommen, Mario Götze etwa oder Randal Kolo Muani. Ich bin überzeugt davon, dass wir in dieser Runde in der Liga besser abschneiden werden als letztes Jahr. Das Ergebnis in Europa zu toppen, dürfte indes schwer werden. Jedenfalls treten wir wieder als verschworene Einheit auf. Man sieht unsere positive Entwicklung in der Bundesliga und in den letzten vier Pflichtspielen haben wir nur ein Gegentor kassiert.

Seitdem Sie rechter Verteidiger spielen ist die Abwehr dicht, oder?

(lacht). Es ist weiterhin etwas gewöhnungsbedürftig für mich, nach zehn Jahren im defensiven Mittelfeld plötzlich rechts außen zu verteidigen. Es ist intensiver, es gibt andere Laufwege, die ich noch automatisieren muss. Ich respektiere jede Entscheidung des Trainers und versuche, meine beste Leistung zu bringen. Am Ende ist entscheidend, ob man mit der Mannschaft Erfolg hat, egal, ob ich auf der Sechs spiele, meiner Lieblingsposition, oder als rechter Verteidiger. Ich fühle mich auch auf dieser Position wohl.

Ist es ein Unterschied, ob Sie diese Position in der Vierer- oder, wie zuletzt, in der Dreierkette ausfüllen müssen. Da sind Sie ja eigentlich in der Offensive mehr gefordert.

Für das Offensivspiel ist das 3-4-3 angenehmer, klar, aber für das Spiel an sich ist es in der Viererkette etwas einfacher, weil man mehr Zeit hat mit dem Ball. Wenn wir mit Dreierkette spielen, muss man viel mehr intensive Läufe reißen, man ist halb offensiv und halb defensiv. Das ist schon etwas anderes. Aber für mich ist beides okay. Und, noch mal: Ich entscheide nicht über die Taktik.

Sind Sie zufrieden damit, wie Sie die Rolle ausfüllen?

Dafür, dass ich dort noch nicht so lange spiele, seit einigen Spielen erst, bin ich schon ganz zufrieden. Ich glaube, ich kann der Mannschaft mit meiner Physis und meiner Laufstärke helfen. Im Großen und Ganze mache ich es, wie ich finde, sehr solide. Und natürlich versuche ich, mich ständig zu verbessern und das Feedback der Trainer anzunehmen und umzusetzen.

Bei den letzten Länderspielen Kroatiens waren sie nicht eingeladen. Haben Sie Kontakt zu Nationaltrainer Zlatko Dalic und glauben Sie, dass Ihre Versetzung nach rechts etwas mit der Nichtnominierung zu tun hat?

Nein, mit dem Trainer hatte ich keinen Kontakt. Und im Endeffekt entscheidet auch dort der Coach, wer berufen wird und wer nicht. Ich kann nicht beurteilen, ob es an meiner neuen Position liegt, aber ich vermute es. Als ich auf der „Sechs“ gespielt habe, war ich im Nationalteam dabei und hatte meine Einsatzzeiten. Die Mittelfeldspieler sind in Kroatien die populärsten und qualitativ besten Spieler, weshalb es schwieriger ist, berufen zu werden, wenn man im Verein auf einer anderen Position spielt.

Also war die Versetzung für Sie erst einmal nicht so gut. Hoffen Sie trotzdem noch, für die Weltmeisterschaft in Katar nominiert zu werden?

Solange ich der Mannschaft helfe, ist es gut für mich. Und was die Nationalmannschaft angeht, hoffe ich natürlich, dass ich für die WM nominiert werde. Eine Berufung wäre für mich ein Riesentraum. Wenn du auf etwas hoffst, dann wirst du alles dafür geben, dass du es am Ende schaffst und belohnt wirst. Wenn du keine Hoffnung hast, wirst du auch nichts erreichen. Eine Berufung wäre für mich nach den letzten beiden Jahren etwas Sensationelles und die Kirsche auf der Sahne. (Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein)

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